Von steirischem Verkehr, Klimastreik und der Zukunft
Graz, am 16. Oktoberfest, kurz vor 16 Uhr: Ich verlasse den Grazer Hauptbahnhof. Vor der großen Halle, am Europaplatz, versammeln sich langsam Menschen. Bewaffnet mit Instrumenten, politischen T-Shirts und Fahrrädern bereiten sie sich vor, im Zuge des österreichischen Klimastreiks auf die A9 zu radeln. Es ist ein buntes Konvolut aus verschiedensten Gruppierungen, darunter die Organisator:innen von Fridays for Future, die GRAZER MITTE, Kidical Mass, MoVe iT Graz und Die Grünen. Sie alle eint eine Idee – ein klares „Nein“ zum Ausbau der A9, der als überteuert, sinnlos und unökologisch bezeichnet wird. Stattdessen fordern sie gezieltere Projekte im öffentlichen Verkehr, denn ihnen ist klar, dass eine dritte Spur nicht für Entlastung sorgt. Vielmehr führt sie zu noch mehr Autoverkehr, auch in Graz.
Inmitten der GRAZER MITTE
Nachdem die Demonstration offensichtlich sehr auf Themen im Verkehrsbereich gerichtet ist, sind auch verschiedene alternative Konzepte und Ideen zu finden. Direkt ins Auge sticht mir ein Pavillon der GRAZER MITTE, der für Fragen offensteht. Bei dieser handelt es sich um eine überparteiliche Initiative, die sich für weniger Durchzugsverkehr in der Grazer Innenstadt einsetzt. Auf einem Plakat davor ist zu lesen: „Günstig, schnell umsetzbar, Riesenwirkung“. Das weckt mein journalistisches Interesse. Was steckt dahinter? Ein junger Mann erklärt mir enthusiastisch die Idee. Das Konzept stammt ursprünglich aus Gent, Belgien: Es entstand, weil die Menschen dort beklagten, dass keine Kinder mehr auf den Straßen zu sehen seien. Alles sei zu sehr auf den Autoverkehr ausgelegt, was nicht die Welt sein sollte, in der ihre Kinder aufwachsen müssten. Allerdings fehlte die politische Möglichkeit, Öffis zu bauen, da diese in Belgien vom Land kontrolliert werden, nicht von der Stadt. Außerdem hätte Gent nicht die finanziellen Möglichkeiten, ein umfassendes Netz an Radwegen zu gestalten, wie etwa die Niederlande. Und trotzdem höre ich, dass es einen ähnlich hohen Radverkehrsanteil gibt wie in Amsterdam. Wie das?
Der Trick ist simpel. Wirklich erstaunlich simpel: Die Innenstadt wird in Sektionen geteilt. Diese bleiben befahrbar wie zuvor, man kann parken, alles kein Problem. Jedoch ist das Pendeln zwischen den Vierteln nicht mehr möglich. Stattdessen müsste man auf den Gürteln um die Innenstadt herumfahren und dann einen anderen Teil von außen ansteuern. Die aktuelle Infrastruktur zum Wechseln, wie Brücken, bleibt für den Radverkehr, Öffis, Fußgänger:innen und Notdienste zugänglich. Es läuft also darauf hinaus, an den Übergängen einige Fahrverbotstafeln für PKWs aufzustellen und Bodenmarkierungen zu verändern, um den Durchzugsverkehr nachhaltig zu senken. Und die Zahlen sprechen für sich: Kurzfristig erhöht sich der Verkehr auf den umliegenden Gürteln zwar um 5 %, langfristig sinkt die Zahl der Autofahrer:innen in der gesamten Stadt (nicht nur in den betroffenen Vierteln) um 25 %. Die Menschen sind viel öfter mit dem Fahrrad unterwegs.
Dass ich beeindruckt bin, ist eine Untertreibung. Der Vertreter der GRAZER MITTE erzählt von einem Besuch in der Stadt und schwärmt vor allem auch von der Ruhe: „Du stehst da auf einer Brücke und das ist eine Ruhe, das kannst du dir nicht vorstellen! Als wärst du irgendwo in einem Dorf.“ Vor der Umsetzung gab es auch Kritik an dem Vorhaben. Der Bürgermeister soll sogar Morddrohungen erhalten haben. Als die Tafeln enthüllt wurden, verstummten die Gegenstimmen, auf einmal war es doch kein Problem mehr.
Was meint die Politik?
Ich bedanke mich für das Gespräch und ziehe weiter, auf der Suche nach neuen Personen, die mir ihre Welt erklären wollen. Nachdem der ORF-Kameramann witzelt, dass bei der Klimademo ja Servus TV fehle, treffe ich die Klubobfrau der Grünen in Graz, Anna Slama. Bei ihr erkundige ich mich, ob der Plan, die Autobahn in der Stoßzeit stillzulegen, an der „Letzten Generation“ orientiert sei. Sie erklärt mir einerseits, dass die Route von der Polizei kurzfristig geändert wurde, statt auf die Autobahn, geht es zum Weblinger Kreisverkehr. Andererseits stellt sie klar, dass die „Letzte Generation“ aus jungen Menschen bestand, die gesehen haben, dass etwas falsch läuft und schließlich auch darauf reagiert haben. Nun kann man manche Aktionen gut finden und andere nicht, Aufmerksamkeit haben sie definitiv erzeugt. Auf die Frage, wie die Grazer Koalition mit der KPÖ zum überparteilichen Projekt der GRAZER MITTE stehe, meint sie, der eigene Wille sowie der der Koalitionspartner seien definitiv vorhanden. Ganz so unkompliziert, wie ein paar Tafeln aufzustellen, wäre das aber nicht. Die Menschen müssten die freigewordenen Flächen dann auch nutzen, dafür ist aber einiges an Umgestaltung nötig. Die Umsetzung an sich wäre aber auch nicht das Problem, vielmehr liegt die Schwierigkeit in der langwierigen Planung.
Kurz darauf treffe ich die Klubobfrau der steirischen Grünen, Sandra Krautwaschl. Es bleibt nicht mehr viel Zeit bis zur Abfahrt, doch sie gibt mir noch ein paar Antworten. Sie kommt ursprünglich aus Gleisdorf und weiß, dass die Mobilität am Land ohne Auto nicht immer leicht ist. Daher sollte man die Verbindungen zwischen den Orten stärken, zum Beispiel mit Mikro-Öffi-Angeboten, wie Taxis oder Mikrobuslinien. In der Region Gleisdorf und der Oststeiermark wäre das SAM-Taxi ein Beispiel dafür. Klar ist auch, dass der öffentliche Verkehr gestärkt werden muss. Sie teilt mit, für Die Grünen sei das ein offensichtlicher Standpunkt, die Partei habe aber leider keine Mehrheit. Ich frage, warum man inzwischen recht wenig von der Klimabewegung mitbekommt. Die Politikerin meint, dass es den Organisationen teilweise an Ressourcen mangelt. Demonstrationen zu organisieren, zu planen und zu begleiten sei einiges an Aufwand. Es sei aber äußerst wichtig, dass das Engagement aus dem zivilen Raum komme und nicht von einer Partei ausgehe. „Sonst machen wir das und dann stehen da halt ‚Die Grünen‘.“ Wenn jedoch unparteiische Organisationen zum Protest aufrufen, fühlen sich mehr Menschen angesprochen. Nach diesen Worten muss sie wieder gehen, denn bald geht es los.
Abfahrt statt Stillstand
Zwei Redner:innen bilden den Auftakt zum Losfahren. „Man hört oft ‚Das konnte man nicht erwarten‘, aber die Wissenschaft sagt das schon seit Jahrzehnten“, sagen sie. Es schockiert mich, wie simpel diese Aussage ist und wie vielen Menschen in Österreich der Klimawandel dennoch egal ist. Auch wie schnell man abstumpft. Aber aus Selbstschutz muss man das fast. Eine so stillstehende Gesellschaft zum Losgehen zu bewegen, kostet immense Energie, wenn man nicht auf sich schaut, brennt man durch, noch bevor man ein Feuer entfachen konnte. Und trotzdem haben sich hier einige hundert Menschen versammelt, um selbst loszufahren und ein Zeichen zu setzen. Trompetenklänge sind das letzte, was man von der Demonstration noch hört, als sie sich vom Hauptbahnhof entfernt. Unter der Löwenzahnstatue in der Mitte des Platzes, die den Beton zu durchbrechen scheint, nehme ich mir fest vor, in Zukunft mehr zu unternehmen. Morgen fang ich an, ganz sicher! Wobei nein, da habe ich schon was anderes vor. Aber irgendwann vielleicht mal.
Titelbild – Moritz Schweitzer



