Mehr Geld macht nicht reicher
Warum Afrika trotz Milliardenhilfe arm ist
Afrika ist arm. Auf diesem gigantischen Kontinent mit hunderten Millionen von Menschen gibt es nichts als Armut und Leid und unsere starke, westliche Zivilgesellschaft ist der Retter in der Not: EuropäerInnen spenden Gelder, Kleidung, Nahrung, unsere Regierungen schicken jedes Jahr Milliardenbeträge an Entwicklungshilfe, seit 2000 waren es um die 1,3 Billionen Euro. Die afrikanische Bevölkerung sehnt sich nur danach von uns zivilisierten Völkern gerettet zu werden. So zumindest lautet das gängige Narrativ der Medien. Alles dort sei schlecht und wir wären die einzige Rettung. Doch warum ist Afrika noch immer so arm, obwohl bereits so viel Geld hineingeflossen ist?
Die klassische Antwort auf diese Frage ist: Kolonialismus. Auch wenn dieser natürlich eine Rolle gespielt hat und weiterhin spielt, kann man nicht behaupten, dass dies der wichtigste Faktor sei. Südasiatische Länder haben sich wirtschaftlich deutlich besser entwickelt, waren aber genauso unter europäischer Herrschaft. Gleichzeitig haben die Länder dort nur ein Viertel des Betrages erhalten, wie der, der nach Afrika gesendet wurde. Dies erschüttert nun aber eine der Grundannahmen unserer Gesellschaft: Kann es denn tatsächlich sein, dass Geld nicht immer alle Probleme löst?
Man kann unser Bild leicht diskreditieren. Während EuropäerInnen sich darüber lustig machen, wenn AmerikanerInnen sagen Afrika sei ein Land, wissen die meisten selbst nicht mehr darüber, außer, dass es arm ist. Dabei gibt es so viel mehr als das. Ein Blick auf vier afrikanische Länder wirft ein Licht auf die unterschiedliche Entwicklung durch verschiedene Strategien und Ansätze, sowie auf Erfolge und Probleme.
Sambia
Sambia stellt ein Rollenbild für einige afrikanische Staaten dar, wenn es um Entwicklungshilfe geht. In den 70er Jahren erhielt das junge Land im Rahmen von Entwicklungsplänen große Investitionen aus dem Ausland. Diese Finanzspritzen führten aber, statt gegen langfristige Armut zu kämpfen, nur zu Abhängigkeit. Die Gelder wurden, statt für Infrastruktur und Bildung, für die Subventionierung der Kupferindustrie genutzt, welche durch Korruption und Missmanagement massive Verluste einfuhr. Die ausländische Finanzierung erlaubte den Herrschenden Reformen hinauszuzögern und korrupte Systeme weiterhin aufrechtzuerhalten. Da der Großteil der Staatsfinanzen aus der Rohstoffindustrie und aus dem Ausland kam, wurde das Land massiv von den Kupferpreisen abhängig. Der unweigerliche Rückgang dieser trieb den Staat in eine Schuldenspirale, von der es sich bis heute nicht erholt hat. So wurde Sambia Opfer der sogenannten „Dutch Disease“- Dabei wird die Wirtschaft abhängig von Rohstoffen und ignoriert die Möglichkeit auf Diversifizierung, während die heimische Industrie immer weiter schrumpft und weitere wirtschaftliche Aktivitäten abnehmen.
Botswana
Das wohl prägnanteste Gegenbeispiel zu Sambia und der westlichen Perspektive liegt direkt an der Grenze des vorherigen Beispiels: Botswana war einst eines der ärmsten Länder der Welt, heute zählt es zu den reichsten und stabilsten in ganz Afrika. Es liegt in Korruptionsrankings des Kontinents unter den letzten Plätzen und hatte in seiner ganzen jungen Geschichte keinen einzigen größeren Aufstand. Was ist also Botswanas Erfolgsrezept? Erstaunlicherweise, Rohstoffe. Diamanten stellen bis zu 50% der Staatseinnahmen dar. Was hat bei Botswana funktioniert, was bei Sambia schiefgegangen ist? Als Botswana gerade die Unabhängigkeit erhalten hatte, hat die Regierung massive Finanzhilfen aus dem Ausland bezogen, um einen Rohstoffsektor und generell irgendwelche Einnahmen zu generieren- ähnlich wie Sambia. Doch anders als der Nachbar nutzte Botswana die Rohstoffe als Mittel um eine breit gefächerte Wirtschaft aufzubauen. Sambia hingegen nutzte Finanzen, um die Rohstoffindustrie selbst zu subventionieren und Eliten zu fördern. Ebenfalls hielt Botswana an der britischen Verfassung fest, wodurch Demokratie und Menschenrechte besser gesichert wurden. Diese setzte außerdem gesicherte Institutionen fest, welche die Finanzen verwalteten. Die Einnahmen des Rohstoffsektors wurden in langfristige Ziele verlagert, wie zum Beispiel Infrastruktur und Bildung. Und das ist der wichtigste Unterschied zu Sambia. In Botswana verhalfen stabile Institutionen mit transparenten Investitionen zu nachhaltigem Wachstum und einer sich langsam diversifizierenden Wirtschaft. Es hat sich nicht in Abhängigkeit begeben, sondern mit einem klaren Ziel ausländisches Geld genutzt, um das eigene Land aufzubauen.
Südsudan
Das ärmste Land der Erde. In seiner kurzen Geschichte seit der Unabhängigkeit 2011, hat es kaum einen Lichtblick gesehen. Der Südsudan erhält eine der höchsten Raten an Entwicklungshilfe pro Kopf weltweit, was in dem Land aber zu einer paradoxen Entwicklung führt. Einerseits hält sie das Land am Leben und verhindert noch größere humanitäre Katastrophen, andererseits fördern und festigen die Geldflüsse aber auch korrupte Systeme, die dem Volk Geld entziehen. Außerdem entsteht dadurch weitere Abhängigkeit von Geldgebern, wodurch nachhaltiges Wachstum in eigenen wirtschaftlichen Bereichen verhindert wird. Das Land wird durch Hilfe am Leben gehalten, die Probleme aber nicht gelöst, solange die politische Elite nicht den Willen dazu hat. Diese kann sich aber sicher sein, dass andere Staaten nicht blind dabei zusehen werden, wie ein Land verhungert. Die Zukunft ist ungewiss, eine Lösung nicht in Sicht.
Äthiopien
Äthiopien ist ein komplexes, aber faszinierendes Land. Es zählt zu den am wenigsten entwickelten Ländern weltweit, verfügt aber über großes Potenzial. Die Wirtschaft wächst, jedoch ist kein bestimmter Ausgang vorhersehbar. Äthiopien verfügt, im Vergleich zu vielen anderen Ländern in Afrika, über eine heimische Industrie, die nicht durch „Dutch Disease“ erodiert wurde. Eine Schwierigkeit bezüglich ausländischer Investitionen stellt allerdings der hohe Währungswechselkurs dar. Wenn ein Land viel finanzielle Hilfe erhält, werden die Beträge in die heimische Währung umgewandelt. Dadurch steigt unweigerlich der Wert der Währung, was ja definitiv etwas Gutes ist, oder? Nein, nicht wirklich. Durch den gestiegenen Wert werden heimische Produkte im Ausland teurer, was Exporte senkt. Dies erschwert den Zugang zum globalen Markt erheblich. Dennoch ist finanzielle Hilfe absolut notwendig. Aufgrund der schlechten Infrastruktur kostet es etwa doppelt so viel einen Container von Adis Abeba nach Djibouti zu transportieren (ca. 510km), wie von Shanghai nach Rotterdam (fast 9000 km). Äthiopien verfügt über die zweitgrößte Bevölkerung Afrikas, sowie über 80 verschiedene ethnische Gruppen. Daraus folgt für die Zukunft sowohl ein großes Potential als auch ein unvermeidbares Risiko. Der Staat schuldet China bereits mehrere Milliarden Dollar an Krediten für gigantische Infrastruktur- und Industrialisierungsprojekte. Je nachdem wie es sich heute positioniert, könnte Äthiopien in den nächsten Jahrzehnten zu einer führenden Macht am Kontinent werden.
Warum ist Afrika nun arm?
Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten, warum Afrika nun arm ist, lässt sich sagen, dass die „Hilfe“, die in der jetzigen Form geboten wird, nicht zielführend ist. Im Gegenteil können sich korrupte Strukturen derart verfestigen, dass ein Land kaum noch positive Aussichten auf die Zukunft haben kann. Natürlich hat der Kolonialismus, mit seiner künstlichen Grenzsetzung auch eine Rolle gespielt, aber was Afrika heute wirklich braucht, ist keine „Entwicklungshilfe“. Kein Land entwickelt sich, indem man es blind mit Geld bewirft, sich dann selbst auf die Schulter klopft und sagt was für ein Held man ist. Nein, Afrika braucht fairen Handel. Momentan trägt der Kontinent ca. drei Prozent zur globalen Wirtschaftsleistung bei, verfügt aber um die 1,5 Mrd. Menschen. Eine effektivere Strategie, um diese zu fördern, wären zum Beispiel Mikrokredite: Dabei werden kleine Geldsummen direkt an Individuen gereicht, statt an die übergeordneten Institutionen, die das Geld verschwinden lassen könnten. Mit dieser finanziellen Unterstützung könnten Menschen kleine Unternehmen aufbauen und ihre Familien ernähren, was zu nachhaltigem und gezieltem Wachstum führen kann. Anstatt die Staatseinnahmen aus Förderungen zu beziehen und diese ihrem eigentlichen Zweck entwenden, können so kleine Gruppen die Gesellschaft von unten hinauf beleben. Dafür muss man nur aufhören Afrika als minderwertig und „rettenswert“ anzusehen und gerechte und strategische Maßnahmen anwenden.
Weiters ist auch wichtig zu beachten, was wir als „arm“ oder „reich“ definieren. Geld macht nicht immer glücklich, aber selbst Statistiken wie der „World Happiness Report“ beziehen Faktoren wie die Wirtschaft mit ein. Ist es dann noch ein Wunder, dass Afrika immer als traurig und furchtbar erscheint? Wenn nur selten von diesen Ländern berichtet wird und wenn, dann auch nur wenn Krankheiten oder Kriege ausbrechen, ist es dann verwunderlich, dass ein negatives Bild über die Region entsteht? Afrika ist der diverseste Kontinent unseres Planeten mit unfassbar reichhaltigen Kulturen und Gebieten, die vom Mainstream komplett ignoriert werden. Das ist ein erheblicher Verlust für unsere eigene Vielfalt, den wir als „moralischer“ Westen so nicht hinnehmen dürfen.



