Sexarbeit – Feministisch oder misogyn?
Sexarbeit bleibt ein heiß diskutiertes Thema in feministischen Kreisen. Zwischen Menschenhandel und Entrepreneurship; Feministischer Befreiung und struktureller Ausbeutung. Ein Annäherungsversuch.
„SEXARBEIT IST ARBEIT“ prangt in weißer Bubble-Schrift auf der grauen Hausfassade der Postgarage „PoGa“ in Graz. Es ist allerdings ein Statement, bei dem sich die Geister vieler Feminist*innen scheiden. Für die einen ist Sexarbeit etwas Feministisches, etwas Selbstermächtigendes, für die anderen ist es der Inbegriff weiblicher Unterdrückung und Ausbeutung. Und natürlich gibt es auch unzählige andere Meinungen zwischen diesen beiden Extremen. Bereits bei den Begrifflichkeiten, kommt es zu Differenzen: Sprechen die einen von Sexarbeit und einer freien Entscheidung der Frauen*, so sehen die anderen ein unterdrückendes patriarchales Bild und sprechen von Prostitution.
Wild, heilig, legal
Um die Ursprünge des vermeintlich „ältesten Gewerbe der Welt“ nachvollziehen zu können, muss man in der Geschichte weit zurückblicken. Nach dem Entwicklungsmodell von Dufour gehen die Ursprünge der Prostitution bis ins 3. Jahrhundert vor Christus zurück. Die „wilde Prostitution“ beschreibt Ehefrauen als „Geschenk“ für männliche Freunde des Ehemannes. Die zweite Stufe ist die „heilige Prostitution“, welche die Schönheit von Frauen als Geschenk Gottes bezeichnet, das mit anderen geteilt werden müsse. Zum Schluss folgt nach Dufour die „legale Prostitution“, die ein gesetzlich reglementiertes Geschäft zwischen Kund*innen und Sexarbeiter*innen beschreibt. Doch die Gesetzeslage ist in Österreich schwammig.
Lex prostitutionis
Hierzulande versteht man unter Sexarbeit und Prostitution das Gleiche, nämlich „alle gewerbsmäßig (wiederholt und gegen Entgelt) erbrachten sexuellen Handlungen mit Körperkontakt“. Grundsätzlich ist Prostitution in Österreich seit den 1970ern entkriminalisiert und unter gewissen Bedingungen legal, ausdifferenzierte Gesetze zu formulieren liegt jedoch in der Kompetenz der einzelnen Bundesländer. Die Rechtslage unterscheidet sich deswegen regional stark. Während in der Bundeshauptstadt Straßenprostitution grundsätzlich erlaubt ist, so darf in Salzburg kein Bordell im Umkreis von 300 Metern zu Schulen, Kindergärten, Kirchen und Krankenhäusern errichtet werden. In Tirol gilt sogar ein Verbot von Hausbesuchen. Was in ganz Österreich gilt, ist eine Pflicht zur regelmäßigen Testung auf Geschlechtskrankheiten. Diese sind unter anderem Voraussetzung für den „Prostituiertenausweis“, der die Arbeitserlaubnis für Sexarbeiter*innen gewährleistet.
Andere Länder, andere Modelle
Grundlegend gibt es vier verschiedene Systeme, mit denen auf internationaler und bundesstaatlicher Ebene versucht wird, Sexarbeit zu regulieren. Der prohibitive Ansatz wird von den meisten Bundesstaaten der USA praktiziert und kriminalisiert sowohl Sexarbeiter*innen als auch Kund*innen. Trotz der strengen Regulierungen floriert die Sex-Industrie im Untergrund der USA. Das abolitionistische, auch das nordische, beziehungsweise das schwedische Modell genannt, steht für ein sogenanntes „Sex-Kaufverbot“ und fordert drei zentrale Bedingungen. Die Entkriminalisierung der Sexarbeiter*innen, die Kriminalisierung der Käufer*innen und Bordell-Betreiber*innen und die Finanzierung von Ausstiegsprogrammen für Sexarbeiter*innen. Das Nordische Modell wird neben Norwegen und Schweden auch in Frankreich, Island, Zypern und (Nord)Irland umgesetzt und verfolgt die Strategie, Prostitution durch das hohe Risiko für Täter*innen zu vermindern. In Österreich und Deutschland ist das regulative Modell vorherrschend, das Sexarbeit unter bestimmten Bedingungen erlaubt. In der Steiermark beispielsweise unterstützt der Frauen*service mit dem SXA-Team aktive und ehemalige Sexarbeiter*innen bei der selbstbestimmten Ausübung ihres Berufs. Die komplette Legalisierung und Entkriminalisierung wird unter anderen in Neuseeland und Belgien geführt – Sexarbeit hat hier den gleichen Stellenwert wie herkömmliche Lohnarbeit.
An allen Regimen kann Kritik geübt werden. Eine Kriminalisierung von Sexarbeiter*innen oder auch von Käufer*innen, wie es beispielsweise beim nordischen Modell der Fall ist führt häufig zu prekären Arbeitsbedingungen und Unsichtbarkeit. Auch in Österreich wird die praktizierte regulative Regelung immer wieder in Frage gestellt, besonders seit Sexarbeiter*innen während der Corona-Pandemie zeitweise einem Arbeitsverbot ausgesetzt waren. Dadurch nahm insbesondere illegale Wohnungsprostitution zu, die hohe Sicherheitsrisiken für Frauen* birgt. Außerdem dominieren weiterhin patriarchale Machtstrukturen, Stigmatisierung und Diskriminierung die Thematik. Laut Schätzungen nach Amnesty International sind zwischen 90 und 95 % der registrierten Sexarbeiter*innen in Österreich Migrant*innen, was eine intersektionale Perspektive unentbehrlich macht. Auch beim vorhin beschriebenen nordischen Modell ist die Effektivität nicht eindeutig belegt. Unabhängig in welche Richtung sich Österreich bei der Gewährleistung der Sicherheit von Sexarbeiter*innen bewegt, ein respektvoller und umfangreicher Diskurs ist eindeutig nötig.
Zwischen Alice Schwarzer und Carol Leigh
Nicht nur juristisch und soziologisch, sondern auch aus einer feministischen und philosophischen Perspektive braucht das Thema Prostitution mehr Aufmerksamkeit und weniger Stigmatisierung. Für wohl eine der bekanntesten Feminist*innen im deutschsprachigen Raum, Alice Schwarzer, kann es mit Prostitution keine Gleichgestellung der Geschlechter geben: „Männer kaufen bei Prostituierten nicht Sex, sondern Macht.“ Schwarzer stand zuletzt wegen vermeintlicher Trans- und Queerfeindlichkeit immer wieder in der Kritik. Die feministische Kolumnistin Maria Hasan steht am anderen Ende des Meinungs-Spektrums. Sie ist selbst Sexarbeiterin in Frankfurt und vertritt die Haltung, prekären Arbeitsbedingungen in der Branche könne erst entgegengesetzt werden, „wenn Sexarbeit als richtige Arbeit verstanden wird“. Sie argumentiert, dass es keine Rolle spiele, ob Sexarbeiter*innen ihre Arbeit gerne tun, denn das solle nicht ihre Sicherheit während der Arbeit in Frage stellen. Sie kritisiert Frauen*, die sich von der Bezeichnung „Sexarbeiter*in“ distanzieren und sich in die Rolle der „Unternehmer*in“ begeben. Hasan spricht sich klar gegen die Individualisierung einzelner Sexarbeiter*innen aus, da dies zu Ausgrenzung führe. Stattdessen fordert sie Sexarbeiter*innen auf, sich zu solidarisieren und die Macht der großen Masse für bessere Arbeitsbedingungen und Anerkennung zu nutzen.
Ganz im Sinne des feministischen Kampftags, sollen sich auch Frauen* trotz divergierender Ansichten verbünden und Kollektive bilden. Hetze und internalisierte Misogynie unter Frauen* ist nur ein weiteres Mittel des Patriarchats, um sich selbst am Leben zu erhalten. Ein zukunftsorientierter und intersektionaler Feminismus schließt alle Frauen* ein – auch Sexarbeiter*innen.



