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Demokratische Republik Kongo: „Die sexualisierte Gewalt ist omnipräsent“


Doris Burtscher ist Medizinanthropologin bei Ärzte ohne Grenzen. In der Demokratischen Republik Kongo hat sie für ihre Studien mit Menschen über die massive sexualisierte Gewalt im Osten des Landes gesprochen. Dort kämpfen seit vielen Jahren bewaffnete Gruppen um die Vorherrschaft. In dem Konflikt geht es vor allem um den Zugang zu den wertvollen Ressourcen der Region. Der Ostkongo ist reich an Rohstoffen wie Gold und Coltan – einem Erz, das in jedem Smartphone und jedem Computer steckt.

Die koloniale und postkoloniale Ausbeutung spielt bei den anhaltenden bewaffneten Konflikten in der Demokratischen Republik (DR) Kongo eine wesentliche Rolle. Bis 1908 war sie im Eigentum des belgischen Königs Leopold, dem Zweiten. Unter seiner Herrschaft wurden Millionen Menschen getötet, misshandelt und zur Arbeit auf den Kautschukplantagen des Herrschers gezwungen. Diese besonders dunkle Epoche in der Kolonialgeschichte ist als “Kongogräuel” bekannt. 1908 trat er das Gebiet an den belgischen Staat ab, jedoch blieb es bis 1960 noch Belgisch-Kongo, bis es seine staatliche Unabhängigkeit erreichte.

Mehr als 200 ethnische Gruppen leben heute in der DR Kongo und geraten durch die koloniale “Rassenlehre” immer wieder in Konflikt miteinander.  Seit November 2021 kämpft die Rebellengruppe M23 (Mouvement du 23-Mars) mit vermeintlicher Unterstützung Ruandas Armee RDF im Osten des Landes gegen die kongolesische Armee FARDC. Das belegt eine Fact-Finding-Mission (FFM) der Vereinten Nationen. Ruanda bestreitet die Unterstützung der M23-Milizen, allerdings gibt es für die Vereinten Nationen starke Indizien, an den Anschuldigungen festzuhalten.  Insgesamt kämpfen mehr als 100 bewaffnete Milizen im Osten der DR Kongo – besonders die Regionen Nord-Kivu und Ituri sind schwer betroffen. Mehr als 7,8 Millionen Menschen sind derzeit innerhalb der DR Kongo auf der Flucht. Für das Jahr 2025 geht OCHA (Office for the Coordination of Humanitarian Affairs) davon aus, dass rund 26,6 Millionen Menschen humanitäre Hilfe und medizinische Versorgung benötigen.

 

Mittermayr: Sie waren im 2024 und im Vorjahr in der Demokratischen Republik Kongo in der Kivu-Region. Wie stellt sich die Situation dort aus Ihrer Sicht dar?

Burtscher: Die Region ist seit vielen Jahren in einer Krise. Im vergangenen Jahr war ich schon für ein kurzes Notfall-Assessment in der Kivu-Region. Zu der Zeit gab es rund um die Stadt Goma große Camps für Binnenvertriebene. Ich sollte erheben, wie es den Menschen dort geht. Sie waren aus ihren Dörfern geflüchtet und lebten teilweise seit Jahren in diesen Lagern, ohne Perspektive, dass sich ihre Situation bald zum Positiven ändern könnte. Die Menschen waren in einer extrem schwierigen Situation. In den Interviews berichteten sie viel über sexualisierte Gewalt. Im Jänner des Jahres nahm eine bewaffnete Rebellengruppe die Stadt Goma ein. Sie löste dann die Flüchtlingscamps in dem von ihr kontrollierten Territorium auf. Die Menschen sollten zurück in ihre Dörfer gehen. Aber dort haben sie oft nichts mehr vorgefunden. Die Häuser waren entweder abgebrannt oder ausgeraubt, die Felder zerstört. Ein Teil ging dennoch zurück, andere sind in der Stadt oder deren Umland geblieben. Sie dürfen dort aber keine Zelte oder Unterkünfte errichten, die nach einem Geflüchtetencamp aussehen. Die Menschen sind teilweise bei Gastfamilien untergekommen oder in unbewohnten Gebäuden – teilweise auf Baustellen. Sie versuchen, mit der Situation zurechtzukommen, aber diese hat sich dramatisch verschlechtert. In allen Interviews sagen die Menschen, dass es ihnen in den Flüchtlingscamps besser gegangen ist. Doch nicht nur die Vertriebenen leben unter prekären Bedingungen, sondern auch die lokale Bevölkerung.

 

Auch wenn ein bewaffneter Konflikt eine Krisensituation darstellt, gelten auch währenddessen bestimmte Gesetze. Das Humanitäre Völkerrecht (HVR), umgangssprachlich auch als Kriegsrecht bezeichnet, regelt primär die Rechtslage in einem bewaffneten Konflikt. Es soll dafür sorgen, menschliches Leid zu minimieren und die Zivilbevölkerung zu schützen. Gezielte Angriffe auf zivile Objekte, wie Krankenhäuser oder Wohnhäuser oder der Einsatz verbotener Waffen zählen als Kriegsverbrechen und werden durch das internationale Strafrecht geahndet.

Auch sogenannte sexualisierte Kriegsgewalt fällt unter Kriegsverbrechen und wird als strukturelle Kriegswaffe eingesetzt. Sexualisierte Kriegsgewalt umfasst sexuelle Ausbeutung und Versklavung, Zwangsprostitution, Genitalverstümmelung, Vergewaltigungen und noch viele andere menschenunwürdige Taten. Die NGO “Medica Mondiale” bezeichnet Vergewaltigungen, die als gezielte Kriegswaffe eingesetzt werden, als “logische Konsequenz” patriarchaler und ungleicher Machtstrukturen. Sind die Rechte von Frauen denen von Männern in Friedenszeiten untergeordnet und ist sexistische Abwertung von Frauen und sexualisierte Gewalt an ihnen die Norm, so verschärft sich diese Ordnung im bewaffneten Konflikt drastisch. Sexualisierte Kriegsgewalt demonstriert Macht gegenüber dem politischen Gegner. Das bedeutet, es geht nicht um Einzelfälle, sondern um ein ganzes System, das Dominanz gegenüber dem Feind signalisiert. Das individuelle Schicksal der Betroffenen wird dabei völlig außer Acht gelassen.

 

Seit Jahren gibt es Berichte über massive sexualisierte Gewalt in der Demokratischen Republik Kongo. Wie kommt es dazu?

In der Tat ist sexualisierte Gewalt omnipräsent. Nachdem die Rebellen die Stadt Goma übernommen hatten, mussten andere Gruppen ihre Waffen abgeben. Viele verstecken sich jetzt in den Wäldern. Die Bevölkerung bezeichnet sie deshalb als “die Menschen aus dem Wald”. Diese Männer haben nichts, keine Nahrung, keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung. In der Nacht fallen sie in die Häuser ein, die am Rande der Wälder liegen, stehlen alles – vom Wasserkanister über Löffel bis zum Teller – stehlen auch die Kleider und meistens vergewaltigen sie auch. Manchmal werden die Frauen in Gegenwart ihrer Männer vergewaltigt. Den Männern sagen die Täter: „Wenn du nur eine Sekunde die Augen schließt, bist du tot.“ Und zu den Frauen: „Du kannst wählen: Entweder ich vergewaltige dich, oder du stirbst.“ Die Menschen aus dem Wald sind nur ein Beispiel. Die Menschen schildern immer wieder ethnisch motivierte Gewalttaten. Meiner Wahrnehmung nach wollen sich die Männer für frühere Demütigungen an der Bevölkerung rächen. Dabei sagen manche, dass sexualisierte Gewalt gar nicht mehr das Schlimmste ist. Das Schlimmste sei, dass sie nicht mehr wissen, wie sie ihre Kinder ernähren sollen. Frauen erzählen in den Interviews, sie und ihre Kinder hätten zwei Tage nichts gegessen. Sie gehen hungernd ins Bett.

 

Die NGO “Amnesty International” führte zwischen Februar und Juni 2025 Dokumentationen von Menschenrechtsverletzungen durch mehrere Konfliktparteien in den Regionen Nord- und Südkivu durch. Amnesty International führte Interviews mit 14 Überlebenden sexualisierter Kriegsgewalt rund um Goma, wo auch Ärzte ohne Grenzen medizinische Nothilfe leistet. Allein zwischen Jänner und April 2025 behandelten sie knapp 7.400 neue Betroffene von sexualisierter Kriegsgewalt in und um Goma. Acht von diesen 14 Frauen sagten, dass sie von M23-Kämpfern vergewaltigt wurden. Das erkannten sie unter anderem daran, dass die Täter Kinyarwanda sprachen, die zu den Amtssprachen Ruandas gehört. Die betroffenen Frauen berichten von gewaltvollem Vorgehen der M23-Soldaten und Willkür bei der Wahl ihrer Opfer. Geschlechtskrankheiten, Unfruchtbarkeit, Inkontinenz sowie eine ungewollte Schwangerschaft können Folgen der sexualisierten Gewalt sein. Darüberhinaus zeigen Forschungen, dass zwischen 50 und 60 Prozent der Betroffenen eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln.

5 der interviewten Frauen gaben an, von Wazalendo-Kämpfern vergewaltigt worden zu sein. Die Wazalendo sind laut Amnesty International ein “loser Zusammenschluss von bewaffneten Gruppen”, die von der kongolesischen Armee (FARDC) unterstützt werden und gegen die M23 kämpfen. Eine der Frauen ist “Safia” (Name geändert). Vier Wazalendo-Kämpfer vergewaltigten sie, als sie in den Wald ging, um Nahrung zu sammeln. Safia berichtet jedoch nicht nur von der maßlosen Gewalt der Wazalendo. Die Bewohner:innen ihres Dorfes geben Safia die Schuld an der ihr angetanen Gewalt und grenzen sie aus der Gemeinschaft aus. Überlebende sexualisierter Gewalt gelten in sehr patriarchal organisierten Gemeinschaften sogar als Ehebrecherinnen und werden von ihren Ehemännern verlassen. Zu körperlichen und psychischen Belastungen kommen so auch noch extreme Existenzängste hinzu.

 

Ärzte ohne Grenzen behandelt Überlebende sexualisierter Gewalt. Was ist dafür nötig?

Am wichtigsten ist, dass die Betroffenen in den ersten 72 Stunden nach einem Übergriff zur medizinischen Behandlung kommen. Dann sind präventive Maßnahmen gegen sexuell übertragbare Krankheiten wie HIV oder Syphilis möglich und Notfallverhütungsmittel können eine ungewollte Schwangerschaft verhindern. Natürlich versorgen wir die Patient:innen auch bei akuten Verletzungen. Leider ist es aber so, dass viele Betroffene Angst vor Stigmatisierung haben und nicht über ihre Probleme reden wollen. Sie wollen nicht zu uns kommen, weil sie Angst haben, erkannt zu werden. Hier leisten wir mit unseren Community Health Workers Sensibilisierungsarbeit und auch die Betroffenen selbst ermutigen andere, zu uns zu kommen. Ergänzend zur medizinischen Versorgung bieten wir auch psychologische Unterstützung. Dazu ist mir eine Aussage Erinnerung geblieben: „Ich gehe zu Ärzte ohne Grenzen, um die Lasten loszuwerden, die ich in meinem Kopf trage.“

 

Wie können sich die Menschen vor dieser Gewalt schützen?

Diese Frage habe ich auch gestellt. „Wie könnt ihr euch schützen?“ Oft war die Antwort: „Im Grunde kann uns nichts schützen.“ Wenn es nichts mehr zu essen gibt, versuchen die Frauen, wildes Gemüse oder Obst in den Wäldern zu sammeln. Damit riskieren sie, vergewaltigt zu werden. Ihre Männer können sie nicht begleiten, da sie sonst umgebracht oder verschleppt werden. Manche Frauen, die in der Peripherie wohnen, verstecken sich in der Nacht, um den Einbrechern zu entgehen, die regelmäßig die Unterkünfte überfallen. Wenn ihnen das nicht möglich ist, bieten sie ihren ganzen Besitz und als letzte Möglichkeit auch ihren Körper an, nur um zu überleben.

Neben der medizinischen Versorgung und der psychologischen Betreuung setzt Ärzte ohne Grenzen noch andere Maßnahmen im Umgang mit sexualisierter Gewalt. Welche sind das?

Schon bei meinem Einsatz im Vorjahr habe ich festgestellt, dass vor allem die Ehemänner sehr darunter leiden, ihre traditionelle Rolle als Beschützer der Frauen nicht mehr erfüllen können. Die Männer haben oft darüber gesprochen, dass sie sich wertlos fühlen. Sie können nichts mehr tun und sind teilweise sehr depressiv. Ich habe daher Workshops zur Förderung einer positiven Maskulinität angeregt. Die werden gut angenommen. Die Teilnehmer fragen, ob auch ihre Cousins oder ihre Brüder daran teilnehmen können. Indirekt können wir damit auch die positive Femininität fördern. In der Region ist es immer noch so, dass die Frauen als Besitz der Männer verstanden werden. Wenn eine Frau allein ist, egal ob der Mann gestorben ist, verschleppt wurde, oder sie verlassen hat, gilt sie als wertlos. Sie geht lieber eine Beziehung mit einem Mann ein, der sie schlägt, der säuft oder ihr untreu ist, als keinen Beschützer zu haben. Hier wollen wir mit bewusstseinsbildenden Maßnahmen gegensteuern.

Trotz eines durch die USA-vermittelten Friedensabkommens bleibt die Lage in der Demokratischen Republik Kongo weiterhin prekär. Die NGO Medica Mondiale fordert die internationale Gemeinschaft auf, “die anhaltende Gewalt zu beenden und die Zivilbevölkerung besser zu schützen”. Dabei betonen sie besonders Lösungen zu finden, die die Zivilbevölkerung in den Mittelpunkt stellen und Frauen sowie Frauenrechtsaktivist:innen aktiv in Friedensverhandlungen miteinzubeziehen. Diese und weitere Forderungen von Medical Mondiale stehen im Zeichen der UN-Resolution 1325, die im Jahr 2000 verabschiedet wurde und als erste Resolution der Vereinten Nationen Frauen, Frieden und Sicherheit zusammen in den Mittelpunkt rückt. Die Resolution erkennt Frauen nicht nur als Opfer von kriegerischen Auseinandersetzungen an, sondern fordert ihre aktive Teilnahme an Friedensprozessen. Inzwischen gibt es neun Folgeresolutionen. Eine davon war die Resolution 1820, die sexualisierte Kriegsewalt ausdrücklich als gezielte Kriegsstrategie benennt. Zwar verpflichtet die Resolution alle UN-Mitgliedsstaaten zu Kernprinzipien der Resolution, allerdings gibt es keine automatischen Sanktionen bei Missachtungen der Resolution. Die Umsetzbarkeit hängt also rein vom politischen Willen der Staaten ab.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegen oft Welten. Die UN-Resolution 1325 war fundamental, um das Bewusstsein von weiblicher Erfahrung in Kriegssituationen zu verändern und nachhaltigen Frieden zu schaffen. Dennoch ist die Lage aktuell dringender denn je, denn Frauen sind weltweit unterrepräsentiert in Friedens- und Sicherheitsprozessen und sind weiterhin massiver Gewalt ausgesetzt, wie sich in der DR Kongo beispielhaft zeigt. Der Schutz von Frauen in Kriegssituationen bleibt weiterhin weitestgehend unerfüllt und wird auch nach einem potenziellen Waffenstillstand in der DR Kongo eine wichtige Rolle spielen.

In Europa ist wenig bekannt über die katastrophale humanitäre Situation in der DR Kongo. Was sollen die Menschen darüber wissen?

Wenn ich die Leute in der Kivu-Region frage, was geschehen müsste, damit sich die Situation ändert, ist die Antwort: „Friede muss sein!“ Gleichzeitig sagen viele: „Friede wird nicht sein, solange es das Ressourcenthema gibt. Wenn die Ressourcen weg sind, hat niemand mehr Interesse an der Gegend.“ Die Menschen sind enttäuscht von der internationalen Gemeinschaft. Wir alle, die Handys und Elektroautos haben, sollten mehr über die Situation in der Demokratischen Republik Kongo wissen.

Bildquelle und Copyright: Ärzte ohne Grenzen


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