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Darf man mir TikTok verbieten?


Ein Social-Media-Verbot – wie in Australien bereits umgesetzt – wird auch in Europa diskutiert. Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) hat einen österreichischen Gesetzesentwurf bis zum Sommer angekündigt. Was genau ist geplant und wie passt das mit unseren Freiheitsrechten zusammen?

Stell dir vor, eines Tages nimmst du dein Handy, öffnest TikTok und es lässt dich einfach nicht mehr rein. So geht es schon jetzt Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren in Australien. Seit dem 10.12.2025 ist das neue Gesetz in Kraft. Die Plattformen Facebook, Instagram, Reddit, Snapchat, Threads, TikTok, Twitch, YouTube, X und Kick müssen seit diesem Tag das Alter ihrer Nutzer:innen überprüfen und alle, die jünger als 16 Jahre alt sind, von der Plattform verbannen. Wenn sich eine Plattform nicht an die Vorgabe hält, drohen Strafen von bis zu 28,5 Millionen Euro. Auch in Europa wird über eine ähnliche Regelung debattiert. Bereits im November 2025 forderte das Europäische Parlament ein Mindestalter von 16 Jahren für alle Social-Media-Plattformen. Außerdem sprach es sich für eine einheitliche Alterserkennung via europäischer Identifikation aus. Diese Forderung basiert das Parlament auf einer Studie, die bereits bei 25 % aller Minderjährigen in Europa suchtähnliches Verhalten in Bezug auf Social Media beobachtete.

Österreich auf die 1

In Österreich ist hauptsächlich Medienminister und Vizekanzler Andreas Babler hinter einem solchen Gesetz auf Bundesebene. Er hat bis zum Sommer einen Gesetzesentwurf angekündigt. Auch wenn er ebenfalls auf eine EU-Regelung hofft, will der Sozialdemokrat mit einem nationalen Gesetz schnell handeln können, falls sich die Verhandlungen in der EU verzögern. Auch die Koalitionspartner ÖVP und NEOS scheinen aktuell für eine nationale Regelung offen. Wie genau das Gesetz aussehen soll, welche Plattformen betroffen sein werden und wo die Altersgrenze gezogen werden könnte, ist derzeit noch offen. In jedem Fall sollen die Plattformbetreiber stärker in die Verantwortung genommen werden. Auch wenn die Details noch nicht klar sind, ist die überwiegende Mehrheit der Österreicher für ein Verbot. Laut einer Umfrage der OGM sprechen sich 78 % der Wahlberechtigten für die Altersbeschränkung aus.

Let’s Brainrot

Einer der ersten lauten Stimmen für eine Einschränkung von sozialen Medien für Kinder und Jugendliche war der US-amerikanische Psychologe Jonathan Haidt. In seinem Buch „Generation Angst“ beschreibt er, wie sich die Kindheit der Generation Z (und aller nachfolgenden Generationen) durch das Smartphone verändert hat. Kinder verbringen weniger Zeit draußen mit anderen Kindern und mehr Zeit allein vorm Smartphone. Wichtige Entwicklungsmöglichkeiten würden so zu kurz kommen. Gleichzeitig ist seit Beginn der 2010er-Jahre ein deutlicher Zuwachs an Depressionen, Angststörungen und Selbstverletzungen bei Kindern und Jugendlichen zu beobachten. Ein Fakt, den Haidt mit Smartphones (2007 wurde das erste auf den Markt gebracht) in Verbindung bringt. Er behauptet, dass Eltern ihre Kinder in der realen Welt zu sehr und in der virtuellen Welt zu wenig behüten. Auch wenn das Buch in wissenschaftlichen Kreisen nicht nur auf positive Resonanz stieß, hat es eine Debatte über ein Verbot von sozialen Medien für Kinder und Jugendliche in den USA befeuert. In Österreich spricht sich auch der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) für ein Verbot bis zum 14. Geburtstag aus. Es sei aber wichtig zu beachten, dass der Jugendschutz nach 14 Jahren nicht endet. Auch danach müsse es geeignete Schutzmaßnahmen und klare Orientierung für Eltern und Kinder geben. UNICEF sieht in dem Verbot nicht nur Positives, wie die stellvertretende Leiterin für Advocacy und Kinderrechte in einem Blogbeitrag betont: „Kinder bis zu einem gewissen Alter von Social Media auszuschließen kann zum Schutz beitragen, darf aber keine Ausrede dafür sein, sonst keine weiteren Schutzmaßnahmen auf Plattformen zu setzen. Zudem muss sichergestellt sein, dass Kinder den Umgang mit Plattformen lernen, bevor sie Zugang zu diversen sozialen Netzwerken erhalten.“ Deshalb fordert UNICEF nicht nur ein Verbot, sondern auch die Förderung digitaler Kompetenzen bei Jugendlichen, Mitentscheidungsmöglichkeiten bei einem Verbot, weitere Forschung zu den Auswirkungen der sozialen Medien und Respekt vor den Kinderrechten.

Darf er so?

Aber ist das alles überhaupt gerechtfertigt? Darf man Kinder und Jugendliche einfach so von sozialen Medien ausschließen? Immerhin gibt es die UN-Kinderrechtskonvention, in der Kindern zum Beispiel in Artikel 13 ein Recht auf Meinungs- und Informationsfreiheit zugesprochen wird. Man könnte selbstverständlich auch argumentieren, dass ein Verbot gegen die Menschenrechte verstößt. Ohne Zugang zu sozialen Medien könnte man die freie Meinungsäußerung oder die freie Wahl der Informationsbeschaffung als eingeschränkt betrachten (Artikel 19 der UN-Menschenrechtskonvention). Aber so wie viele Menschenrechte kann auch Artikel 19 eingeschränkt werden, wenn das als notwendig angesehen wird (siehe auch Einschränkungen). Konkret müssen drei Konditionen erfüllt sein, solche Grundrechte einzuschränken, sagte Nikolaus Forgó, Professor für Digitalrecht an der Universität Wien, am 29.01.2026 in der ZIB2. Ein Eingriff in die Grundrechte müsse geeignet, notwendig und verhältnismäßig sein. Das zu argumentieren ist aber wesentlich schwieriger als bei anderen Konsumgütern, die für gewisse Altersgruppen verboten sind, wie Alkohol oder Zigaretten. Im Gegensatz zu diesen Mitteln haben soziale Medien auch viele positive Effekte. Sie dienen zur Kommunikation, zum sozialen Austausch und auch zur Informationsbeschaffung.

Gefällt mir (nicht)

Auch Jugendliche selbst sind interessiert an weniger Social Media. Ganz ohne Handy versuchen es gerade 72.000 Schüler:innen in ganz Österreich. Für drei Wochen verzichten sie auf ihr Smartphone – nutzen stattdessen Tastenhandys zum Telefonieren und Schreiben. Seit dem 04.03.2026 läuft die Aktion, inspiriert von einer ORF-Doku, in der 69 Schüler:innen ebenfalls versuchten, für drei Wochen auf ihr Gerät zu verzichten. Von Entzugsbeschwerden wie Kopfschmerzen und Schlafschwierigkeiten bis hin zu neuen Hobbys und Freiheitsgefühlen berichteten die Schüler:innen von allem. Auch bei dem laufenden Versuch haben die Schüler:innen große Erwartungen. „Hoffentlich kann ich mich ohne Handy besser aufs Lernen und die Schularbeiten konzentrieren. Außerdem habe ich begonnen, Gitarre zu spielen, und ich will mehr mit meinen Freunden und meiner Familie rausgehen“, sagt die 14-jährige Jana-Katlyn zum Standard. Einige machen mit, weil sie selbst negative Auswirkungen spüren. So auch der 18-jährige Gustav, der dem Standard berichtet: „Ganz schlimm ist es auch beim Lernen, da lenkt das Handy sehr ab. Oder ich halte mich mit Doomscrolling bis ein oder zwei Uhr in der Nacht wach.“

Ob ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche in Österreich oder der EU rechtlich umsetzbar ist, wird wohl erst im Einzelfall entschieden werden können. Fast alle Experten sind sich jedoch in einer Sache einig: Die Perspektive der Jugendlichen ist viel zu selten Teil der Debatte. Was denkt ihr über ein Social-Media-Verbot? Sollte es Regeln geben, die über euren TikTok-, Instagram- oder Facebook-Konsum bestimmen? Könntet ihr drei Wochen oder gar für immer ohne diese Apps auskommen?


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