Augen zu und durch Graz – Blind durch die Stadt
Ein Spaziergang durch die Stadt ist bei Anrainer:innen und Tourist:innen ein beliebter Zeitvertreib. Ob leuchtende Dekoration oder eindrucksvolle Wahrzeichen, es gibt viel zu sehen. Aber wie fühlt es sich an, wenn man sich nicht allein auf seine Augen verlassen kann?
Die Autos auf der Straße beschallen den Joanneumring mit Motorenlärm, der sich mit den kratzenden Geräuschen mischt, die Fußgänger:innen machen, wenn sie schnellen Schrittes auf dem frisch gestreuten Gehsteig gehen. Ein kalter Luftzug nagt an der Jacke und sucht Wege unter die Kleidung. Er riecht nach Winter und Abgasen.
Es ist früher Nachmittag, als ich Linda Kanzler und Melanie Zraunig zusammen mit meiner Kollegin Lena Mittermayr vor dem Blend Coffee Shop am Joanneumring treffe. Linda und Melli arbeiten am Odilien-Institut, dem Verein zur Förderung und Betreuung Sehbehinderter und Blinder Steiermarks. Das Institut bietet Beratung für Sehbehinderte und Blinde, sowie ein umfangreiches Bildungsangebot, welches eine inklusive Volksschule, Mittelschule und Sonderschule beinhaltet. Der Verein verfügt außerdem über ein Seniorenwohn- und Pflegeheim. Heute spazieren wir zusammen durch Graz. Wie ist es, als sehbehinderte Person durch die Grazer Straßen zu gehen?
Melli weiß das. Sie ist selbst sehbehindert und hat seit ihrer Geburt Retinitis Pigmentosa, eine Krankheit, die ihr Sichtfeld stark einschränkt. „Ich sehe wie durch eine Klopapierrolle”, scherzt sie. Die Krankheit führt zu einer stetigen Verschlechterung des Sichtfeldes. Nachdem sie in der Volksschule noch normal schreiben und lesen konnte, sei es mit 15 Jahren erheblich schlimmer und mit Anfang dreißig erneut um einiges schlimmer geworden. Mittlerweile ist ihr Blick auf jeweils einen dünnen Kreis in der Mitte der Sichtfelder beider Augen beschränkt.
Von Zebrastreifen und Radwegen
Die erste Station des Spaziergangs ist gleich an einer Kreuzung des Joanneumring, gleich neben unserem ursprünglichen Treffpunkt. Linda führt uns – Melli an ihrem Oberarm – zur Kreuzung von Schmiedgasse und Joanneumring. Auf der einen Seite ein Bankomat der Volksbank, auf der anderen der Denn’s Bioladen. Die Aufgabe: die Straße überqueren. Mellis Blindenstock rattert über die Betonleitlinien am Boden. Sie führen von der Hauswand des Bankomats bis zum Fahrradweg vor der Fußgängerampel. Sicheren Schrittes folgt sie den Leitlinien. Diese führen sie direkt zu einem Grazer T. Dabei handelt es sich um die für alle Grazer altbekannte, aber für die Stadt einzigartige Anordnung des Blindenleitsystems. Mit einer T-Form der Leitlinien wird signalisiert, dass eine Überquerung folgt. Gleichzeitig kann durch diese Maßnahme die Gehsteigkante neben dem Leitsystem abgesenkt werden, um Menschen im Rollstuhl das Manövrieren zu erleichtern. Doch dieses Grazer T stellt Melli vor eine ungewöhnliche Herausforderung. „Man weiß zwar durchs Aufmerksamkeitsfeld, dass man da was überquert, aber dass es sich um einen Radweg handelt, kann man nur schwer erkennen”, bemängelt Linda Kanzler. Da es außerdem keine Führungslinie zur Überquerung des Radweges gibt, könne es passieren, dass man im Versuch nicht von einem Radfahrer erfasst zu werden die Fläche auf der anderen Seite verpasst und durch die abgesenkten Kanten neben der Ampel auf die Fahrbahn kommt. Dass der Verkehrslärm an diesem Tag das Piepen der Ampel beinahe verschluckt, verstärkt das Problem. Es komme auch nicht selten vor, dass sich Blindenstöcke in Fahrradspeichen verfangen und abgerissen werden. „Das ist eine irrsinnig problematische Stelle, weil ich nicht sicher zur Ampel hin kann”, befindet Linda. „Du verlierst halt die Orientierung, wenn die Leitlinie unterbrochen ist”, sagt Melli. Auch wenn eine Leitlinie zur Überquerung des Radwegs von Vorteil wäre, wäre die optimale Lösung laut Kanzler, dass die Radfahrer durch die Ampel mitgeregelt würden. Eigentlich müssten Radfahrer ohnehin stehen bleiben, da der Zebrastreifen auch über den Radweg führt, doch der Großteil der Radfahrer:innen halte sich leider nicht daran. Melli überquert diese Stelle nur mit meiner Unterstützung. Ich gehe sicher, dass kein Radfahrer kommt, bevor sie von der Aufmerksamkeitsfläche in Richtung Ampel los schreitet. Während sie geht, spricht sie: „Da weiß ich gerade überhaupt nicht, dass ich auf einem Radweg bin.” Melli schafft es ohne weiter Unterstützung zur Ampel selbst. Sofort findet ihre Hand die Unterseite der Drückvorrichtung für Fußgänger. Ein eingravierter Pfeil auf dem Druckknopf weist ihr die Richtung des Zebrastreifens und durch Vibration des Knopfes werden auch Taubblinde Menschen über die Gehphase informiert. Hier bemängelt sie den Ton der Ampel, der ihrer Meinung nach bei einigen Grazer Ampel zu leise eingestellt sei. Ein Interessenskonflikt mit Anrainern, wie Linda Kanzler weiß. Auch wenn der Ton in seiner jetzigen Form und Lautstärke für Menschen in der turbulenten Geräuschkulisse der Innenstadt schwer wahrzunehmen ist, ist er bereits jetzt für Anrainer:innen störend. Abhilfe sollen neue Tonmuster schaffen, die gleichzeitig für Anrainer:innen weniger störend und für Sehbehinderte leichter zu lokalisieren sind. Tests für diese Töne gibt es bereits in der Merangasse und bald soll das System auf die ganze Stadt ausgeweitet werden. „Das Beste sind aber noch die ganz die Alten”, sagt Melli und grinst.
Lob für Graz
Doch auch wenn die Stadt nicht vor gefährlichen Stellen gefeit ist, so gibt es dennoch viele Orte, die positiv auffallen. Ein Beispiel bildet die nächste Station des Spaziergangs. Wir stehen an dem Punkt, an dem die Radetzkystraße in den Jakominiplatz mündet. Hier gibt es zwischen Spar auf der einen und Tipico auf der anderen Seite eine Fußgängerquerung. Linda Kanzler erklärt: „Für Sehende gibt es hier nur gelb-blinkend oder rot.” Aber für Blinde Menschen ist auch eine Taste verbaut, welche die Ampel für Busse, Autos und seit neuestem auch Straßenbahnen auf rot schaltet und dann den gleichen Piepton von sich gibt wie andere Ampeln. Noch während Linda den Ablauf der Ampel erklärt und deshalb die Taste betätigt hat, ertönt das Piepgeräusch und Melli beschließt die Gelegenheit zu nutzen. Mit den Worten „Das probieren wir jetzt gleich. Auf Wiederschaun”, marschiert sie selbstbewusst über die Kreuzung.
Auch sonst hat Melli in Graz viel Selbstvertrauen. Sie arbeitet im Vollzeit-Betreuten-Wohnen des Odilien Instituts und geht dort regelmäßig mit den Bewohner:innen spazieren. Dabei genießt sie die vergleichsweise gute Infrastruktur für Sehbehinderte Personen in Graz. Besonders die Noppenfelder an den Haltestellen des öffentlichen Verkehrs fallen ihr positiv auf. „Wenn man da mit dem Blindenstock oben steht, bleibt der Straßenbahnfahrer genau vor dir stehen, öffnet die Tür und sagt dir, welche Bim das ist und wo sie hinfahrt”, berichtet sie. Aber nicht jeder Ort ist einfach zu navigieren. Besonders der Jakominiplatz macht ihr Probleme. „Den als Blinder zu beherrschen ist ein bisschen eine Schwierigkeit. Nicht unmöglich, aber ich muss ehrlich sagen, ich schaffe es nicht alleine”, berichtet sie. Deshalb nutzt sie zum Umsteigen, wenn möglich, lieber den Hauptplatz. Auch Baustellen seien ein Problem. Bei diesen kann nicht immer auf optimale Führung geachtet werden. Trotzdem wird auch hier in Graz vieles richtig gemacht. Ein Beispiel dafür seien die Holzverkleidungen auf Bodenhöhe der Gerüste in Graz. An ihnen kann ein Blindenstock anschlagen und die Person erkennen, dass ein Hindernis im Weg ist. Der Grund für die gute Infrastruktur liege im Referat Barrierefreies Bauen der Stadt Graz. Linda Kanzler arbeitet häufig mit dem Referat zusammen und ist sich sicher: „Würde man sie von Beginn an umfangreicher einbeziehen, könnte man die Gestaltung von Haus aus barrierefreier und sicherer planen.” Auch an Passanten auf der Straße hat Melli Wünsche. Es sei wichtig, dass die Leitlinien freigehalten werden. Oft würden Menschen unbedacht auf ihnen stehen oder Fahrräder auf den Linien abstellen. Das sei für Blinde und Seheingeschränkte besonders störend.



