Neues Jahr, neue Krise? Ein Ausblick auf 2026
Es ist 2026! Neues Jahr, neue Möglichkeiten! Ich öffne mein Handy, finde den Weg in die erste von einem Algorithmus gesteuerte App auf der Suche nach positiven Aussichten für das neue Jahr und finde hauptsächlich Chaos. Obwohl der Jahreswechsel alle Jahre wieder ein so besonderes und vielversprechendes Ereignis ist, stimmte das Weltgeschehen die Medienlandschaft zum Jahresbeginn nicht besonders positiv. Der venezolanische Präsident wird zusammen mit seiner Ehefrau völkerrechtswidrig entführt, ein möglicher Krieg um Grönland steht im Raum, dutzende Tote in der Schweiz nach einem Vollbrand einer Bar, ein ICE-Agent erschießt unprovoziert eine Frau. Krieg, Chaos, Verzweiflung.
Naja, das war eigentlich nicht unbedingt der Zweck meiner kurzen Social Media Recherche. Ich lege das Handy wieder weg, aber der bittere Nachgeschmack bleibt. Alles ist schlecht, hoffnungslos, verloren, es gibt keinen Ausweg, in diesem Jahr wird der dritte Weltkrieg ausbrechen. Es folgen Gedanken über den Rest der großen Themen unserer Zeit: Der Klimawandel wird uns vernichten, die Politik ist träge und reagiert kaum, der russische Atombär lässt seinen Finger weiter über dem roten Knopf schweben und Rassismus und Sexismus existieren noch (warum auch immer?) – Nein! Schluss mit der Gedankenspirale! Mit einem kurzen Blick auf das eigene Leben merkt man nämlich schnell, so schlecht wie es in den Medien oft zu sein scheint, ist es eigentlich gar nicht. Ein befreiter Ausblick auf das neue Jahr, aus einem der pessimistischsten Länder der Welt.
Die letzten Wochen
Es stimmt natürlich, dass die letzten Wochen nicht ruhig waren. Aber realistisch gesehen, wird sich unmittelbar kaum etwas ändern. Trump droht Grönland wie ein Kampfhund, der nach seiner „Spezialoperation“ in Venezuela Blut geleckt hat. Doch was wird er nun tun? Wird dies das Ende der Nato und des Westens sein? Der dritte Weltkrieg? Wohl kaum. Der amerikanische Präsident ist nicht besonders bekannt für die Zuverlässigkeit seiner Aussagen. Außerdem würde er keinen Nutzen aus einer Invasion der Insel ziehen. Venezuela ist unfassbar reich an Öl, eine Übernahme der wirtschaftlichen Aktivitäten könnte lukrativ sein. Grönland hingegen liegt momentan noch unter einer Eisschicht begraben, Mineralvorkommen zu erschließen dürfte recht kostspielig werden. Dafür wichtige Handelspartner zu verlieren wäre es den Amerikanern nicht wert. Was werden die USA also tun? Wenn es so groß angekündigt wird, dann wohl kaum irgendetwas. Die größten Ereignisse passieren unerwartet, nicht nach einer riesigen Kampagne.
Dennoch gab es auch positive Neuigkeiten. Oder besser ausgedrückt: es gab schlechte Vorfälle, die positive Folgen nach sich ziehen. Die Wirtschaft des Iran liegt am Boden, was dazu geführt hat, dass nun in 27 von 31 Provinzen heftige Demonstrationen stattfinden, die sich stark gegen das islamistisch-theokratische Regime unter Ali Khamenei richten. Es ist die stärkste Demonstrationsbewegung seit mehreren Jahren. Ein Sturz der dortigen Regierung würde möglicherweise zu einer Liberalisierung des Landes führen, was massive Auswirkungen auf den gesamten mittleren Osten hätte. Man kämpft gegen eine Diktatur, gegen Unterdrückung, für Demokratie, Freiheit und Gleichberechtigung- Die Menschen kämpfen um ihre Rechte.
Was ist 2026 möglich?
Ein positiver Nebeneffekt durch die zwei vorherigen globalen Ereignisse könnte sich in der Ukraine abzeichnen: Venezuela und der Iran sind zwei der engsten Verbündeten des Putin- Regimes. Wenn diese durch Instabilität oder sogar Regierungswechsel beeinträchtigt werden, könnte das Russland schaden, welches durch diese Länder Sanktionen umgehen kann. Damit erlangt die Ukraine im inzwischen bald fünften Kriegsjahr mehr Einfluss über Friedensverhandlungen, welche 2026 nochmals an Fahrt aufnehmen werden.
Außerdem finden im April Wahlen in Ungarn statt, wo zum ersten Mal seit fast 16 Jahren die Partei des Despoten Viktor Orban, laut mehreren Umfragen, am Ende nicht als Wahlsieger dastehen könnte. Stattdessen wäre es möglich, dass die pro-europäische TISZA-Partei die meisten Stimmen erlangen wird. Auch wenn das die Regierungsbeteiligung Orbans nicht zwingend verhindert, bricht es die momentane absolute Mehrheit der autokratisch regierenden FIDESZ Partei sehr deutlich. Würde Orban verlieren, wäre es möglich, dass die prominenteste fortschrittsfeindliche Stimme der EU abtreten muss, was die Einheit Europas deutlich stärken könnte.
In Europa wird Norwegen 2026 vermutlich auch als erstes Land das Verbrenner-Aus bei Neukäufen vollstrecken. 2025 lagen die Verkaufszahlen von E-Autos schon bei über 96%. Dieses Jahr wird dann der minimale Rest an Diesel- und Benzinfahrzeugen wahrscheinlich ganz wegfallen.
Auch in Österreich besteht die Möglichkeit, dass sich einige Dinge bessern werden. So fällt zum Beispiel die Umsatzsteuer auf Hygieneartikel, wie Binden und Tampons, und auf Verhütungsmittel zur Gänze weg. Seit 1. Jänner ist eine Mietpreisbremse für alle in Kraft und die Normverbrauchsabgabe für Verbrenner soll steigen. Weiters ist ein Paket gegen Steuer-Schlupflöcher in Planung, durch das der Staat allein heuer schon bis zu 300 Mio. und bis 2029, mehr als 1,4 Mrd. Euro an Mehreinnahmen erhalten könnte.
Ebenfalls soll die Lohntransparenz-Richtlinie der EU in Kraft treten. Damit wird die Beseitigung des Gender-Pay-Gaps deutlich erleichtert, da sichtbar wird, ob Männer und Frauen für gleiche Leistung auch gleiche Entlohnung erhalten. Das ist eine klare Maßnahme, um Gleichberechtigung zu fördern und Sexismus am Arbeitsplatz zu bekämpfen.
Positive Worte
Was im Laufe von 2026 noch passieren wird, kann man momentan nicht vorhersagen. Dennoch sind einige der Nachrichten deutlich positiv, wenn auch abseits größerer Medien. Der Klimawandel wird uns nicht vernichten, auch hier trügt das Standardbild der Nachrichtenlandschaft. Es wird auch 2026 kein dritter Weltkrieg ausbrechen, es kommt zu keiner Erosion von Gedanken von Freiheit und Gerechtigkeit. Oft laufen die Dinge besser als einem erzählt wird. Klar ist viel zu tun, daran ist nicht zu zweifeln. Doch wenn man rational, standhaft und optimistisch bleibt, gemeinsam an Lösungen arbeitet und einen Traum für eine bessere Welt hat, dann kann kaum etwas schief gehen. Mein Vorsatz für das neue Jahr: Stabil bleiben und vielleicht ab und zu das Handy weglegen, anstatt im pessimistischen Mediensumpf zu versinken.



