Kenne deine Rechte

Ein gutes Miteinander


Migration ist so alt wie die Menschheit selbst. In der Hoffnung auf ein besseres Leben verlassen Menschen ihre Heimatländer, oft haben sie aufgrund von Kriegen, Verfolgung oder anderen Katastrophen keine Wahl. Menschen in Not zu helfen und unsere internationalen Verpflichtungen zum Schutz der Menschenrechte einzuhalten, sollte nicht verhandelbar sein. Trotzdem stellt das Thema Migration und Integration die Gesellschaft vor Herausforderungen.

Jährlich werden österreichische Staatsbürger*innen dazu befragt, wie sie das Zusammenleben im Land wahrnehmen und was ihre subjektiven Einschätzungen zur Integration von flüchtenden Menschen und Zugewanderten ist.

Laut Integrationsbefragung des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) haben sich 2025 circa 34 % der Österreicher*innen sehr oft und circa 30 % öfter Sorgen über das Thema „Integration von Flüchtlingen und Zuwander/innen“ gemacht. Offensichtlich ist die Mehrheit der Befragten besorgt. Dabei muss man bedenken, dass es alle möglichen Gründe gibt, um sich Sorgen zu machen. Weil man wegen einer Situaiton besorgt ist, heißt es nicht automatisch, dass man ihr gegenüber negativ oder ablehnend eingestellt ist.

Auch interessant wäre es, sich geflüchtete und zugewanderte Personen Sorgen über ihre Integration machen und was ihre subjektiven Einschätzungen zum Zusammenleben mit Österreicher*innen Um Dialog und Austausch zu schaffen ist es wichtig, mit Betroffenen zu sprechen anstatt nur über sie. „Für die Integration braucht man beide Seiten“ sagt Roda aus Somalia in einem Interview mit Der Standard.

Integration in Österreich – the good, the bad, the ugly

Spätestens seit 2015 sind die Themen Flucht und Migration aus den Medien, politischen Programmen und dem zwischenmenschlichen Diskurs nicht mehr wegzudenken. Die anfängliche Betroffenheit über Einzelschicksale ist kollektiver Ablehnung, Angst, Missgunst und allen voran Ausländerfeindlichkeit gewichen.

Dutzende Forschende haben es sich zur Aufgabe gemacht, die gängigsten Mythen und Stereotypen wissenschaftlich zu überprüfen. Dabei wurde beispielsweise festgestellt, dass die meisten Migrant*innen gar keine Flüchtlinge sind, auch keine Wirtschaftsflüchtlinge, die überwiegende Mehrheit stammt aus Deutschland und kommt aus familiären oder beruflichen Gründen nach Österreich. Bei Menschen, die aus Ländern auswandern, die kulturell und religiös starke Unterschiede zu Österreich aufweisen, werden Probleme in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt oft auf Diskrepanzen im Wertesystem geschoben. Laut einer Studie befürworten aber rund 90 % der Zugewanderten das friedliche Zusammenleben in einer Demokratie und teilen österreichische, demokratische Werte. Folglich wünschen sich nur weniger als 10 % einen höheren Stellenwert und Einfluss von Religion.

„Beim Geld hört sich der Spaß auf“ ist eine typisch österreichische Aussage. Viele Menschen glauben, dass Geflüchtete wesentlich mehr finanzielle Unterstützung erhalten als Österreicher*innen. Laut Wissenschaftler*innen des Forschungsinstituts EcoAustria fließen allerdings öffentliche Gelder in Form von Familienbeihilfe, Mindestsicherung etc. nicht vermehrt in die Taschen von Zugewanderten. Trotzdem kommt es zu Situationen, in denen Geflüchtete anfänglich etwas mehr Unterstützung aufgrund der negativen Arbeitsmarktsituation benötigen. Da die Gruppe der Zugezogenen aber großteils eher jung ist, ist deren Leistung am Arbeitsmarkt zur Finanzierung der heimischen Pensionen unentbehrlich.

Wie es um den Arbeitsmarkt und die gesamtgesellschaftliche Situation steht, geht aus einem Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) über den „Stand der Integration von Zugewanderten“ in Österreich hervor.

Dieser stellt primär fest, dass Zugewanderte meist besser gebildet sind als Österreicher*innen. Die Auswertung verschiedener Studien und anderweitiger Datenerhebungenzeigt, dass circa 20 % der Gesamtbevölkerung und 25 % der erwerbsfähigen Personen in Österreich aus Migrant*innen bestehen. Ein großes Problem stellt allerdings leider die Nichtanerkennung vieler Qualifikationen dar.

Der Anteil von gering qualifizierten Zugewanderten aus EU- und Nicht-EU Ländern, die in Österreich arbeitslos sind, liegt bei 18 % und ist damit im Durchschnitt der Europäischen Union vergleichsweise hoch.

Positiv ist, dass das Interesse an den Sprachkursen und Teilnahme daran hierzulande sehr hoch ist. Außerdem hat der Prozentsatz der Zugewanderten, die erwerbstätig sind, in den letzten Jahren ein Rekordhoch erfahren und ist mittlerweile höher als im EU-Durchschnitt.

Deutschkurse gestrichen

Trotzdem gibt es auch konkrete Gründe zur Sorge: In Wien werden Deutschkurse für Geflüchtete gestrichen. Im Jahr 2025 hat die Stadt Wien aus eigener Initiative, 1.700 geflüchteten Menschen die Möglichkeit gegeben, an Deutschkursen teilzunehmen. Diese Möglichkeit, die bisher durch den Fonds Soziales Wien (FSW) finanziert wurde, wird es 2026 nicht mehr geben. Die Kurse wurden bis dato Asyl- und subsidiär Schutzberechtigten, geflüchteten Personen in der Grundversorgung sowie Asylwerbenden mit hoher Anerkennungs- und Bleibewahrscheinlichkeit zur Verfügung gestellt. Der Stadtrat begründet die Entscheidung mit mangelnder Zuständigkeit sowiemit einem Milliardendefizit im Wiener Budget.

Dass oft die schutzbedürftigsten und schwächsten Personen unter Sparmaßnahmen leiden müssen, ist wortwörtlich ein Armutszeugnis.

Eigentlich ist für die Bereitstellung von Deutschkursen für Geflüchtete laut § 4 Integrationsgesetz der Bund zuständig. Diese Regelung besagt auch, dass die Abwicklung durch den Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) erfolgen soll. Im Zuge der Debatte fordert der Sozialstadtrat Wien erneut den Österreichischen Integrationsfond auf, dieser Aufgabe nachzukommen. Leider ist der Bedarf an Kursplätzen viel größer als das Angebot des ÖIF: Rund 4.000 Personen in Wien haben demnach keine Chance auf einen Deutschkurs bekommen. Der ÖIF begründet dies damit, dass die Betroffenen aus disziplinären Gründen ausgeschlossen worden seien, Kurse unentschuldigt abgebrochen oder gar nicht in Anspruch genommen hätten.

Im Jahr 2025 gab es durch den ÖIF 31.000 Plätze für Deutschkurse in Wien und insgesamt in Österreich rund 60.000 Plätze.

Ein großes Problem zwischen der Stadt Wien und dem Österreichischen Integrationsfonds ist dabei die Auffassung des letzteren, was es bedeutet, „einen Anspruch“ auf einen Deutschkurs zu haben. Beispielsweise stellte die Stadt Wien in der Vergangenheit bereits Kurse für Asylwerbende in der Grundversorgung zur Verfügung, damit deren Integration beschleunigt werden kann. Dies wird vom ÖIF nicht angeboten.

Der Fonds Soziales Wien prüft derzeit rechtliche Schritte gegen den ÖIF. Dass Geld die Welt regiert und Vorschrift Vorschrift ist, wissen wir in Österreich ja sehr gut. Es stellt sich allerdings die Frage, wie sich Integration und Zusammenleben (zum Positiven?!) verändern würden, wenn sowohl der Fonds Soziales Wien als auch der Österreichische Integrationsfonds Deutschkurse anbieten würden.

Die Wichtigkeit von Sprache im Integrationsprozess

Sprache ist kein Selbstzweck. Sie ist der Schlüssel zur Teilhabe, zur Selbstständigkeit – und oft zur ersten Begegnung mit der Stadt, in der man lebt.“ sagte der Grazer Stadtrat Robert Krotzer im Rahmen eines Interviews zu dem Projekt „Wir lernen Deutsch – mit Graz-Bezug“. Die Lernmaterialien decken alltägliche Themengebiete wie beispielsweise Gesundheit, öffentlicher Verkehr oder andere soziale Bereiche ab und helfen dabei, sich in etwaigen Situationen besser zurechtzufinden. Alle Unterlagen, Lösungshefte und eine Anleitung für einen Stadtspaziergang stehen kostenlos online zur Verfügung.

Die Wichtigkeit von Sprache betreffend Integration

Eine gemeinsame Sprache zu sprechen ist zweifellos wichtig, um gut miteinander auszukommen. Aber Sprache ist ebenso wichtig, wenn man das Zusammenleben thematisiert. Die Caritas übt seit langem Kritik daran, wie über geflüchtete und schutzbedürftige Menschen gesprochen wird. Beispielsweise findet man im Regierungsprogramm die Themen Asyl und Migration in dem Kapitel „Sicherheit“, was impliziert, dass diese Menschen eine Sicherheitsgefährdung darstellen.

Wiederherstellung einer Einheit

Das feminine Substantiv „Integration“ bedeutet „Wiederherstellung einer Einheit“ oder auch „Vervollständigung“. Es ist ein Prozess, der Schritt für Schritt und nur durch gemeinsame Anstrengung vollzogen werden kann. Für geflüchtete Personen bedeutet es, oft nach traumatischen Erfahrungen in eine komplett neue und fremde Umgebung einzutauchen, meist ist dies überfordernd und sehr einsam. Die Angst, nicht willkommen zu sein oder sich nicht gut genug erklären zu können trifft oft auf Behörden, die den zugewanderten Menschen mit Vorurteilen und negativen Haltungen begegnen.

Langfristige Integration gelingt nur, wenn Politik, Zivilgesellschaft und Verwaltung zusammenarbeiten und sich für alle Menschen gleichermaßen einsetzen. Selbst etwas dafür zu tun, ist nicht immer leicht, aber es beginnt bei ehrenamtlichen Tätigkeiten, geht über ehrenamtliche Tätigkeiten und respektvolle und offene Begegnungen im Alltag und endet bei politischen Wahlen. Denn gelungene Integration heißt, dass die ganze Gesellschaft profitiert, und zwar durch Arbeitskräfte, kulturelle Vielfalt und ein gutes Miteinander.

 

Quellen:

https://www.derstandard.at/story/3000000297695/stadt-wien-streicht-deutschkurse-fuer-fluechtlinge#

https://www.caritas.at/ueber-uns/publikationen/fuer-eine-gute-zukunft/regierungsprogramm/integration-migration-und-asyl/

 

https://www.graz.at/cms/beitrag/10448485/8114338/Integration_beginnt_mit_Sprache.html

https://www.derstandard.at/story/3000000299158/zuwanderer-in-214sterreich-gut-ausgebildet-dennoch-probleme#

https://www.graz.at/cms/beitrag/10349173/12610780/Wir_lernen_Deutsch_mit_Graz_Bezug.html

https://www.oeaw.ac.at/oeaw/presse/nachrichten/17-kapitel-fuer-mehr-klarheit-im-zuwanderungsdiskurs

https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/hilfe-weltweit/perspektiven-schaffen/integration

https://www.derstandard.at/story/3000000295422/fluechtlinge-die-aus-mindestsicherung-fallen-wie-soll-ich-mich-mit-leerem-magen-integrieren#

 

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