Kenne deine Rechte

Пумпај (lat. pumpaj) – Die Bewegung, die Serbien verändert


Die Nacht vom 1. November 2024 hat Serbien verändert. In Novi Sad stürzte das frisch renovierte Vordach des Bahnhofs ein – ein infrastrukturelles Symbol für den Zerfall eines Systems, das dieses Land seit Jahren begleitet. Bei dem Einsturz verloren 15 Menschen ihr Leben – ein tragisches Ereignis, das viele als Folge schlechter Bauqualität, politischer Einflussnahme bei Auftragsvergaben und mangelnder Kontrolle sehen (1). Doch was folgte, war mehr als nur kollektive Trauer – es war der Beginn eines Aufbegehrens, das mittlerweile das ganze Land erfasst hat. Für viele junge Serb:innen war das der Moment, an dem aus Frust Wut wurde – und aus Wut Widerstand. Die Erkenntnis, dass Korruption nicht nur moralisch verwerflich ist, sondern Leben kosten kann, hat für viele den Wendepunkt markiert.

Diesen Artikel schreibe ich nicht nur als Beobachterin, sondern auch als Freundin. Eine meiner Freundinnen, Sofija*, eine Studentin aus Novi Sad, ist mitten in diesem historischen Geschehen – als aktiver Teil der Bewegung, die seither Tausende junge Menschen auf die Straßen bringt. Sie stehen mit Kerzen in der Hand und Wut im Herzen – aber auch getragen von Hoffnung. Durch sie sehe ich, was es heißt, für die eigene Zukunft zu kämpfen. Sie und ihre Mitstreiter:innen sagen: „Wir schweigen nicht mehr.“ Denn was in Serbien passiert, ist mehr als nur Freunderlwirtschaft – es ist ein durch und durch gekapertes System. Der Protest gilt nicht allein dem bröckelnden Beton, sondern einem System, das an seinen jungen Menschen zerbricht – eines, das sie und ihre Generation täglich im Stich lässt.

Als das Dach fiel – und die Jugend aufstand

Der Einsturz des Bahnhofs in Novi Sad wurde für viele zum Symbol eines schon lange bestehenden Problems. Bereits im Vorfeld war das Vertrauen in staatliche Bauprojekte gering – immer wieder wurden Fälle bekannt, in denen Unternehmen mit Nähe zur Politik bevorzugt wurden oder Sicherheitsauflagen offenbar nur unzureichend überprüft wurden. Nach dem Unglück kamen neue Details ans Licht: Es deutete vieles darauf hin, dass zentrale Warnungen ignoriert wurden und die Transparenz bei den Vergaben der Projekte zu wünschen übrig ließ. Die Behörden reagierten zögerlich – und verloren damit weiter an Glaubwürdigkeit. (2)

Laut Ermittlungen soll minderwertiges Material verbaut und öffentliches Geld unterschlagen worden sein. Gegen 13 Personen, darunter der ehemalige Infrastrukturminister, wurde Anklage erhoben. Für viele Demonstrant:innen ist das nur die Spitze des Eisbergs. Der serbische Staat, so sagen sie, sei ein korrupter Koloss – ein System, das sich in alle Lebensbereiche gefressen hat. (3)

Erst am 28. Januar 2025 traten Premierminister Miloš Vučević und der Bürgermeister von Novi Sad, Milan Đurić, zurück. Für viele – auch für Sofija – war das kein Akt der Verantwortung, sondern eine Flucht. Denn die Proteste hatten längst begonnen, und das Thema war größer als ein einzelnes Unglück: Es ging um strukturelle Korruption, um Intransparenz, um das Gefühl einer ganzen Generation, dass sie in einem Staat lebt, der sie weder schützt noch hört. (4)

Widerstand aus den Hörsälen

Was danach geschah, war beispiellos. Unter dem Slogan „Mladi protiv korupcije“ (Jugend gegen Korruption) entstand eine Bewegung – sie formierte sich schnell, war gut organisiert und dezentral. Innerhalb kurzer Zeit kam es zu Straßenblockaden, Demonstrationen an Universitäten und sogar zu spektakulären Aktionen in staatlichen Einrichtungen.

Sofija erzählt mir: „Wir sind wütend, aber wir sind auch organisiert. Und wir wissen, wofür wir kämpfen und haben nichts zu verlieren.“ Auch die erste Mahnwache in Belgrad erwähnte sie. „Wir standen dort, schweigend, mit Kerzen in der Hand. Es war eiskalt. Und doch spürte ich so viel Wärme – von all den Menschen, die endlich nicht mehr allein waren mit ihrer Wut“, sagte sie mir am Telefon, die Stimme brüchig, aber entschlossen.

Die Bewegung breitete sich rasant aus. In über zwanzig Städten gab es Protestzüge, Diskussionsrunden, Mahnwachen. Viele Student:innen verließen ihre Vorlesungen, nicht weil sie Politik spielten, sondern weil sie verstanden: Wenn wir jetzt nicht aufstehen, dann wird sich nie etwas ändern.

Es geht längst nicht mehr nur um ein paar Beamte in Dienstwägen mit Chauffeur. Korruption in Serbien ist wie ein feines Netz – unsichtbar, aber überall. Da wird ein Führerschein nicht durch Können, sondern durch Kuverts erlangt. Straßen kosten das Doppelte, obwohl der Untergrund derselbe ist. Und bei öffentlichen Renovierungen wird billig gebaut, aber teuer abgerechnet – während das Vertrauen der Bevölkerung in ihre Institutionen Stück für Stück zerbröselt. (5)

Das Netzwerk der Schatten

Wie tief das System verflochten ist, zeigen die zahlreichen Verbindungen zwischen Politik, Wirtschaft und organisierten Strukturen. In den letzten Jahren häuften sich Vorfälle, bei denen Mitglieder aus Politik und Sicherheitsapparat in direkte Nähe zu kriminellen Kreisen rückten. So kursierten Bilder von hochrangigen Angehörigen aus dem Umfeld führender Politiker im Beisein bekannter Straftäter, während Sicherheitsdienste teilweise in dubiose Vorfälle verwickelt waren. Auch Großprojekte geraten immer wieder in die Kritik – etwa, wenn Wohnhäuser unter fragwürdigen Bedingungen abgerissen wurden oder staatliche Einrichtungen in Skandale rund um Drogenplantagen verwickelt sind. (6)

Der Corruption Perception Index von Transparency International zeigt, wie ernst die Lage ist: Serbien liegt auf Platz 104 von 180 Ländern – eine Einstufung, die im europäischen Vergleich zu den Schlusslichtern gehört. (7)

Warum hält sich die Korruption so hartnäckig? Weil viele staatliche Strukturen als schwach gelten – darunter die Justiz, die Medienlandschaft und institutionelle Kontrollmechanismen. In solchen Kontexten greifen Bürger:innen oft auf inoffizielle Wege zurück, um Leistungen oder Genehmigungen zu erhalten – und genau dort gedeiht Korruption. (8)

Belgrad schweigt, der Staat schreit zurück

Am 15. März 2025 kam es in Belgrad zu einem Vorfall, der die Bewegung bis ins Mark erschütterte. Mehrere Hundert, manche sagen sogar Tausend junge Menschen versammelten sich zu der bis dahin größten Mahnwache der Protestbewegung – still, friedlich, würdevoll. Der Platz der Republik, das Herz der Hauptstadt, war erfüllt von Kerzenlicht und stummer Entschlossenheit. Doch mitten in dieser kollektiven Stille ertönte plötzlich ein hochfrequenter, körperlich schmerzhafter Ton. Menschen hielten sich die Ohren zu, einige wankten, andere flohen panisch. Zeugen berichteten von Übelkeit,Desorientierung, Schwindel. Binnen Minuten war der Platz leer. Sofija war dabei. Sie sagte, sie habe das Geräusch „nicht nur gehört, sondern gespürt – wie eine Attacke im Kopf“. Die Regierung dementierte den Einsatz technischer Mittel. Doch unabhängige Beobachter:innen, darunter die OSZE und Human Rights Watch, fordern eine lückenlose Aufklärung. Sollte sich bestätigen, dass sogenannte „Sonic Devices“ gezielt gegen friedliche Demonstrierende eingesetzt wurden, wäre dies ein massiver Verstoß gegen internationales Recht – und ein alarmierendes Zeichen dafür, wie weit die Staatsmacht bereit ist zu gehen. (9)

Hoffnung auf zwei Rädern: Novi Sad – Straßburg

Was kann man tun, wenn im eigenen Land kein Gehör geschenkt wird? Man geht dahin, wo Entscheidungen über die Zukunft Europas gefällt werden. Am 3. April 2025 starteten rund 80 Studierende aus Novi Sad eine Fahrradtour nach Straßburg – über 1.300 Kilometer im Namen der Gerechtigkeit (10). Auch Sofija ist dabei. In ihrem Rucksack: Schlafsack, Wasserflasche, EU-Vertrag in Kopie, Regenjacke. Und vor allem: ein klares Ziel. Sie wollen ein Dokument überreichen – eines, das die Verletzung der Bürgerrechte in ihrem Land festhält.

Serbien ist seit Jahren EU-Beitrittskandidat – doch viele junge Menschen fühlen sich von Brüssel übersehen. Sie wollen die Stimme der serbischen Jugend direkt ins Herz Europas tragen. „Wir radeln für unsere Zukunft, gegen die Korruption, für unsere Eltern, für unsere kleinen Geschwister“, schrieb mir Sofija aus Zagreb. Die Gruppe trägt Transparente mit Aufschriften wie „Corruption kills“ oder „EU, are you listening?“. Ihre Botschaft: Europa darf nicht länger wegsehen. Ihr Protest ist friedlich, aber eindringlich – und ein Hilferuf an die Europäische Union, endlich konsequent für die Werte einzustehen, die sie selbst vertritt. (11)

Medien im Dienst der Mächtigen?

Ein zentrales Thema der Proteste ist die Medienlandschaft Serbiens. Viele große Fernsehsender sind eng mit der Regierung oder deren Förderern verflochten. Kritische Journalist:innen werden eingeschüchtert oder aus dem Programm gedrängt.

In einer eindrucksvollen Aktion zogen Student:innen in weißen Schutzanzügen und Atemmasken vor das Gebäude eines regierungsnahen Senders. „Dekontaminierung“ nannten sie das – ein symbolischer Akt gegen die permanente Desinformation, gegen das, was sie als „toxische Öffentlichkeit“ empfinden. (12)

Hoffnung trotz Angst

Ich bewundere Sofija für ihren Mut. Für ihre Ausdauer. Für ihren Glauben daran, dass ein anderes Serbien möglich ist. Trotz Bedrohungen, Polizeigewalt und Erschöpfung macht sie weiter – wie so viele andere. Sie kämpfen nicht für ein Parteiprogramm. Sie kämpfen für ein Serbien, das sie verdienen: eins, das Bildung, Gerechtigkeit und Menschenwürde über Macht und Profit stellt.

Vielleicht wird diese Bewegung morgen nicht siegen. Vielleicht dauert es Jahre. Vielleicht braucht es viele schmerzhafte Einschnitte. Aber sie hat etwas in Bewegung gesetzt, das nicht mehr aufzuhalten ist und eins ist sicher: Diese Generation trägt den Funken in sich – und meine Freundin gehört zu denen, die daraus ein Feuer der Veränderung entfachen.

Пумпај – das ist mehr als ein Slogan. Es ist ein Aufruf. Ein Aufbruch. Und ein Versprechen.

*Name aus Schutzgründen geändert.

Quellen:
1: vgl. funk (2024, 18. März). Korruption tötet – Warum Serbien explodiert [Video]. YouTubhttps://www.youtube.com/watch?v=3FKOUZQ4z1Y
2: ebd.
3: ebd.
4: ebd.
5: ebd.
6: ebd.
7: vgl. Transparency International (2024): Corruption Perceptions Index 2023. Online unter: https://www.transparency.org/en/cpi/2023/index/srb
8: vgl. funk (2024, 18. März). Korruption tötet – Warum Serbien explodiert [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=3FKOUZQ4z1Y
9: vgl. AP News (2025): Protesters report sonic attack during anti-corruption vigil in Belgrade. Veröffentlicht am 15. März 2025. Online verfügbar unter: https://apnews.com/article/214ff2630733b68dd2987e411b405197[abgerufen am 08.04.2025].
10: vgl. AP News (2025): Serbian students cycle to Strasbourg in anti-corruption protest aimed at EU leaders. Veröffentlicht am 3. April 2025. Online verfügbar unter: https://apnews.com/article/398094de8251ffb3579231e805fc28a7 [abgerufen am 08.04.2025]
11: ebd.
12: vgl. AP News (2025): Serbian students protest media bias with “decontamination” performance. Veröffentlicht am 29. März 2025. Online verfügbar unter: https://apnews.com/article/serbia-students-protest-media-corruption-55eb09552cd16059cf12440e50e92a29 [abgerufen am 08.04.2025].

Titelbild: © Jovana Miletić


Das könnte dich auch interessieren