Steht der Fußball im Vordergrund, wirft er dunkle Schatten.
Fußball schreibt Geschichten: Geschichten des Erfolgs, der Niederlage, der Hoffnung oder der Verzweiflung. Am 20. November kommt es zum Höhepunkt eines der düstersten Kapitel des Fußballs, nämlich der Weltmeisterschaft in Katar. Dem Wüstenstaat wird vorgeworfen bei der Vorbereitung auf das Turnier mehrfach Menschenrechtsverletzungen begangen zu haben.1,2
Alles der Reihe nach: 2010 kommt es zu einem neuartigen Ereignis in der Fußballwelt. Die Weltmeisterschaft 2018 und 2022 werden an einem Abend vergeben; normalerweise findet für jedes Turnier eine eigene Vergabe statt. Laut Tariq Panja von der New York Times, sei dieses Szenario perfekt, um Geld zu verdienen. Warum das möglich ist? Es gibt viele Berichte über Korruption innerhalb der FIFA (Fédération Internationale de Football Association, Weltfußballverband). Bis zum Vorabend der Abstimmung wurde laut Aussagen noch verhandelt, es geht angeblich um Geldbeträge in Millionenhöhe. Das Ergebnis des Lobbyismus ist, die WM 2018 findet in Russland und die WM 2022 in Katar statt. Die Wahl dieser Nationen ist, aus rein sportlicher Sicht, nicht nachvollziehbar. In Katar herrschen im Sommer Temperaturen um die 50 Grad Celsius und das Land besitzt keine Fußballstadien. Außerdem ist die Menschenrechtslage in beiden Staaten katastrophal. 16, 17
6.500 Tote in 12 Jahren
Seit der WM-Vergabe 2010 wurde seitens der Regierung Katars einiges in Gang gesetzt, da das Land auf eine Veranstaltung dieser Größe nicht vorbereitet war. Hotels für Massentourismus, Infrastruktur und natürlich bespielbare Stadien, all das musste erst gebaut werden. Um diese Projekte rechtzeitig zum Abschluss zu bringen, warb Katar Arbeitsmigrant:innen an, die an den Baustellen arbeiten sollten. Die Arbeitsbedingungen dort sind nach wie vor hart: körperliche Jobs, teilweise in schwindligen Höhen, in der Hitze des mittleren Ostens. Durch die Reise nach Katar, welche die Arbeiter:innen selbst bezahlen müssen, sind sie meist schon bei ihrer Ankunft schwer verschuldet. Wegen der Zinsen und dem Einbehalten ausständiger Löhne spitzt sich die prekäre Situation immer mehr zu. Auch der Bildung von Gewerkschaften wirkt Katar aktiv entgegen und bestraft Personen, die in einer Mitglied sind. 2, 3, 4, 5
Laut dem „Guardian“ sollen rund 6500 der Gastarbeiter:innen um die Bauarbeiten zu Tode gekommen sein. Die meisten starben wohl aufgrund der zu hohen Belastung des Körpers. Ganz genau wissen kann man das allerdings nicht, da keine Obduktionen stattfinden. Aufgrund dieser fehlenden Beweislage spricht Katar von weniger als 50 Toten. Wie drastisch die Lage in den Nationen der Arbeitsmigrant*innen ist zeigt der Fakt, dass in Nepal durch diese Umstände eine neue Berufsgruppe entstanden ist: Menschen verdienen dort ihr täglich Brot damit, die Leichen nepalesischer Gastarbeiter:innen vom Flughafen abzuholen und zu ihren Familien zu bringen. 1, 2, 3
Die Lage der Migrant:innen ist schon lange bekannt und erst jetzt, kurz vor dem Beginn der Weltmeisterschaft, kommt es zu Berichten über eine leichte Besserung der Arbeitsbedingungen. Vor allem dadurch, weil NGOs Katar lautstark kritisierten. Besonders eine Plattform der Internationalen Arbeitsorganisation der UNO (ILO), auf der arbeitsrechtliche Verstöße gemeldet und veröffentlicht werden können, verschafft den Beschwerden Gehör. 5,6
Im Laufe der letzten 12 Jahre wurden seitens der Regierung des Golfstaates mehrfach deutliche Änderungen der Rechtslage angekündigt. Allerdings mussten diese von NGOs immer wieder eingefordert werden, da sich die Situation einfach nicht verbesserte.2, 6
Frauenrechte? Fehlanzeige!
Zusätzlich zu den Problemen mit den Arbeitenden ist die Situation für Frauen äußerst kritisch. Von Gleichberechtigung ist die Gesellschaft Katars weit entfernt: Es gilt die Scharia, das islamische Recht. Dieses spricht Frauen viele Menschenrechte ab: Das Reisen ist eingeschränkt, Scheidungen sind erschwert, es besteht nicht ausreichend Schutz gegenüber häuslicher Gewalt und wenn Frauen der Polizei eine Vergewaltigung melden, dann kann es sein, dass sie dafür inhaftiert wird. Der Grund: der außereheliche Sex. Was dafür notwendig ist? Der Mann muss behaupten, dass der Geschlechtsverkehr einvernehmlich war. 3, 7, 8
Persönliche Freiheiten und Meinungsäußerung
Auch auf sexuelle Handlungen zwischen Frauen sowie zwischen Männern steht eine Haftstrafe von bis zu sieben Jahren und der Scharia zur Folge könnte man sogar zum Tode verurteilt werden. Man habe einfach auch eigene Werte und Normen, sagte der WM-Chef Nasser al Kater als er von Journalist:innen auf die Thematik angesprochen wurde. Man erwarte, dass die katarische Kultur von allen Tourist:innen geachtet werde. 2011 riet er Homosexuellen bei einem Besuch der WM jede sexuelle Handlung zu unterlassen. 9, 10
Man sollte vorsichtig sein, sich in Katar gegen diese Umstände zu äußern. In der Nation ist die Meinungsfreiheit stark eingeschränkt. Nicht nur wurden schon mehrfach Personen wegen Blasphemie zu Haftstrafen verurteilt, sondern auch ein Dichter kam beispielsweise drei Jahre lang ins Gefängnis, weil er ein Gedicht rezitiert hat, das Sheikh Hamad bin Khalifa Al-Thani, den damaligen Emir Katars beleidigte. 11
Antwort auf Kritik
Für die Umstände wird nicht nur der Golfstaat scharf kritisiert, auch die FIFA bekam ihren Teil der Kritik ab. Während der katarische Emir sein Land einer beispiellosen Kampagne ausgesetzt sieht, sagt FIFA-Präsident Gianni Infantino, dass der Fußball im Vordergrund stehen müsse. Außerdem verweist der in Katar wohnende Italiener regelmäßig auf die sich, laut ihm, bessernde Lage und spricht immer wieder von „nur“ drei Toten im Rahmen der Bauarbeiten. Diese Zahl stimmt bedingt: Drei Menschen starben bei Arbeitsunfällen direkt an den Baustellen. Aber alle weiteren Tode vergisst seine Rechnung. Als er vor sechs Monaten abermals von Journalist:innen auf das Thema angesprochen wurde, sagt er: „Wenn Sie jemandem Arbeit geben, auch wenn er in einer schwierigen Lage ist, verleihen Sie ihm Würde und Stolz. Es geht nicht um Almosen. Dabei geht es um Stolz. Und dass wir die Bedingungen für diese 1,5 Millionen Menschen verändern konnten, macht uns ebenfalls stolz.“ 15 Eine Sprecherin von Human Rights Watch meinte, dass diese Aussagen sehr aufschlussreich seien und einen Mangel an Einfühlungsvermögen und Verständnis gegenüber den Gastarbeiter:innen, die unter tödlichen Bedingungen arbeiteten, zeigen würden. 12, 13, 14, 15
Der niederländische Nationaltrainer Louis van Gaal fand deutliche Worte: „Ich finde es lächerlich, dass man in einem Land spielen soll, um wie die FIFA sagt, da den Fußball weiterzuentwickeln. […] Das ist einfach Bullshit. Dafür tut man das nicht. Es geht ums Geld, um kommerzielle Belange. Nur darum geht es, bei der FIFA.“ 15
Egal, ob es tatsächlich nur ums Geld geht oder nicht, eines ist klar: Um die Einhaltung der Menschenrechte geht es bei der Fußballweltmeisterschaft 2022 auf jeden Fall nicht!
Quellen
1: https://www.sportschau.de/fussball/fifa-wm-2022/katar-wm-der-schande-die-toten-100.html
3: https://www.tagesschau.de/inland/faq-katar-101.html
6: https://www.rosalux.de/news/id/43475/das-kafala-system-besteht-fort
7: https://www.dailymail.co.uk/news/article-10076077/The-land-raped-women-end-fault.html
8: https://www.theguardian.com/world/2016/jun/13/dutch-woman-qatar-rape-claim-to-be-deported
9: https://www.deutschlandfunk.de/wm-katar-homosexualitaet-100.html
13: https://sport.orf.at/stories/3101062/
15: https://www.sportschau.de/fussball/fifa-wm-2022/katar-wm-der-schande-der-schein-100.html
16: https://www.sportschau.de/fussball/fifa-wm-2022/katar-wm-der-schande-die-vergabe-100.html



