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Die Jugend und die Coronakrise – Probleme von jungen Menschen während des Lockdowns


Wenn man sich die Beiträge und täglich abgehaltenen Pressekonferenzen der österreichischen Bundesregierung öfters zu Gemüte geführt hat, wurde dem einen oder anderen sicher bewusst, dass einer Gruppe unserer Gesellschaft eine Zeit lang keine oder nur wenig Beachtung geschenkt wurde, nämlich den Kindern und Jugendlichen. Sie mussten von ihren oft dicht gedrängten Freizeitaktivitäten und dem Treffen mit Freundinnen und Freunden Abstand halten. Zuerst gab es ein Hin-und-Her bei der Verschiebung der Zentralmatura, Lehrlinge wurden gekündigt oder wissen immer noch nicht, wie ihre Zukunft aussieht und bei den hunderttausenden Sicherheitsmaßnahmen musste man sich hüten, nicht als „lebensgefährdend“ abgestempelt zu werden, sollte man gegen eine dieser unzähligen Vorschriften verstoßen.

Junge und ältere Menschen haben Probleme in der Coronakrise – nur sind es andere

Es sind vor allem junge Menschen bis 29, die laut einer Studie der Universität Erfurt durch die Maßnahmen der Politik psychisch sehr stark belastet sind, um einiges mehr noch als die älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger.[1] Diese Studie besagt nämlich, dass 56,3% der 18-29- jährigen Befragten ihre persönliche Situation als belastend empfunden haben – und das noch am Anfang des sogenannten „Lockdowns“ (Stand 31.3.2020). Belastend war in dem Fall vor allem die Situation, dass nicht wie gewohnt persönlicher Austausch von Erfahrungen stattfinden konnte und viele Jugendliche, die es gewohnt waren, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen, auf sich allein gestellt waren (vgl. Absatz „Erfahrung von Freundinnen und Freunden“).

Auch eine neue österreichische Studie vom Zentrum für Soziale Innovation besagt, dass beispielsweise 35% der Befragten Jugendlichen zwischen 7 und 19 Jahren aufgrund der Situation des Lernens von zu Hause überfordert und verunsichert seien. 64% und 47% geben an, dass sie entweder ihre Mütter oder Freunde zur emotionalen Unterstützung und zur Überwältigung der Situation brauchen.[2]

Laut der Psychologin Silvia Schneider sei „in dieser Lebensphase [der jungen Menschen] die Vulnerabilität höher, man ist empfänglicher für Angst“, so die Psychologin. Wir, die jüngere Generation, wachsen im Wohlstand auf und waren dadurch noch nie mit so einer Krisensituation konfrontiert. Die einzige Entlastung für junge Menschen sei es, dass sie wissen, dass die ganze Gesellschaft von der Krise betroffen ist, und nicht nur sie allein.

Schule ist viel mehr als bloße Wissensvermittlung

Normalerweise hat man in diesem Alter mit besonderen Entwicklungsaufgaben zu kämpfen, die nun schlicht und ergreifend nicht angegangen werden konnten aber sehr notwendig gewesen wären. Loslösung von der Familie, Selbstfindung, das Gestalten der Zukunft, ob beruflich oder privat. Dies sind alles Facetten, die für viele junge Menschen nun nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen konnten. Im Gegenteil: in dieser Zeit, in welcher sich viele Jugendliche bewusst von ihren Eltern oder Erziehungsberechtigten abgrenzen, ist dies nun nicht nur räumlich nicht mehr möglich, das Streben nach Unabhängigkeit und einer eigenen Identität wurde sogar regelrecht blockiert. Schließlich gehen junge Menschen ja nicht nur in die Schule, um Fakten oder mathematische Aufgaben zu lösen und zu lernen.[3]

Schule kann und ist viel mehr als ein Ort der bloßen Wissensvermittlung. Viel mehr als uns vorher vielleicht bewusst war. Sie ist ein Ort des Austauschs, des Konflikts, der täglichen Verbesserung seiner Fähigkeiten, des Findens seiner eigenen Stärken und Schwächen. Doch auch für das Entfalten seiner eigenen Identität und das Erlernen seiner Unabhängigkeit ist die Schule ein idealer Ort. Der gewohnte, aber doch facettenreiche Alltag war von einem Tag auf den anderen auf einmal Geschichte.

Viele Jugendliche verfielen durch die Veränderung dieses gewohnten Ablaufes oftmals in alte Muster, das heißt beispielsweise, sie überließen viele Tätigkeiten, welche sie normalerweise eigenständig erledigten, ihren Eltern. Dies konnte wie meine eigene Erfahrung zeigte auch ein Brandherd für Konflikte sein, da die Bequemlichkeit sich im Alltag manifestiert und manch Jugendlicher Tätigkeiten den Erziehungsberechtigten überlässt, oder sich schlicht und einfach für gewisse Tätigkeiten nicht mehr zuständig fühlt.

Aber dies kann man natürlich nicht auf alle Jugendliche ummünzen: einige werden dankbar über die durch die Maßnahmen freigewordene Zeit gewesen sein, da sie sich jetzt endlich Gedanken über ihre Zukunft machen konnten. Oder aber auch konnten sich junge Menschen in dieser Zeit auch die Frage stellen, welcher Mensch sie eigentlich sein wollen. Auch hatten die Jugendlichen mehr Zeit, etwas mit ihren Eltern und Geschwistern an der frischen Luft zu unternehmen.  Diese Facetten konnten durchaus für einige Jugendliche als positive Chancen aufgegriffen werden.

Erfahrungen von meinen Freundinnen und Freunden

Ich habe ein paar meiner Freundinnen und Freunde befragt, wie sie sich während der Ausgangsbeschränkungen gefühlt haben, was sie gemacht haben, wenn es ihnen schlecht ging, und wie es ihnen heute geht. Die Reaktionen auf meine Fragen waren überraschend, denn sie haben jene Aspekte widerspiegelt, die in den Studien zu Belastung herausgefunden wurden: die Situation ist und war für junge Menschen wirklich nicht einfach und oftmals fehlte es an notwendiger Unterstützung und Aufmerksamkeit.

Eine Freundin von mir (19) beschreibt ihre persönliche Situation so: „Meinen beiden liebsten Hobbies, Shoppen und ins Fitnessstudio gehen, konnte ich aufgrund des Corona-Lockdowns nicht mehr nachgehen, was natürlich schlimm für mich war. Damit es mir besser geht, habe ich zuhause Sport gemacht und mich kreativ betätigt. Das hat zwar meinen Gemütszustand verbessert, aber war kaum vergleichbar mit dem guten Gefühl, welches ich nach einem Tag im Shoppingcenter oder einem Workout im Fitnesscenter hätte.  Jetzt, mit dem Ende der Ausgangsbeschränkungen, bin ich froh, endlich meine Freundinnen und Freunde wieder zu sehen und meinen Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen.“

Eine andere Freundin von mir (20) beschreibt die Situation so: „Anfangs war diese neue Situation für mich schwierig. Ich hatte plötzlich kein fixes Programm, und dadurch, dass ich plötzlich viel weniger Menschenkontakt hatte als sonst, war es für mich emotional besonders schwer. Jetzt habe ich mich schon ziemlich daran gewöhnt und es ist relativ okay. Natürlich ist es weiterhin nicht einfach, aber es geht mehr oder weniger. Was mich aber sehr freut ist, dass ich nun endlich wieder meine Freundinnen und Freunde in der echten Welt sehen kann und nicht nur auf dem Bildschirm via Skype.

Ich hatte keine psychische Probleme, jedoch war der Lockdown für mich sehr mühsam. Ich wurde auch sehr faul und wusste nicht wie ich die schulischen Aufgaben meistern soll, weil ich mich nicht auskannte, wie ich Aufgabenstellungen lösen sollte. Nach einigen Wochen bemerkte ich wie tief ich gesunken war und begann täglich Sport zu machen und mich zu organisieren. Das ist so eine Sache, die mir vor der Coronakrise an mir nicht aufgefallen ist, und nun war der ideale Zeitpunkt daran an mir zu arbeiten. Bis zum Ende der Ausgangsbeschränkungen hat es mich frustriert, dass ich mich mit keinen meiner Freundinnen und Freunde treffen konnte.“, so ein Freund (18).

Was man jetzt nach der Kontaktsperre tun könnte

Die Zitate oben zeigen, dass die Situation nicht einfach zu bewältigen war. Dennoch gibt es auch kleine Erfolgsmomente, bei denen sich auch bei meinen Freundinnen und Freunden gezeigt hat, dass es sich lohnt, ein wenig nett zu sich zu sein, denn, wie bereits oben erwähnt, in einer solchen Situation waren wir noch nie.

Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, nachdem es mir während der Ausgangsbeschränkungen auch nicht immer so gut ging, dass ich mich gleich besser fühlte, als ich ab dem Ende der Ausgangssperre meine Freundinnen und Freunde sehr oft traf, um so wieder in die Normalität zurückzufinden. Mit Sicherheitsabstand, bei Besuchen zuhause oder bei Treffen in der Stadt und nicht über das Internet.

Ich wünsche mir, dass die Situation sich nun weiterhin verbessern kann und dass dieser Lockdown ein wichtiger und auch positiver Lern- und Erkenntnisschritt für andere junge Menschen war, das, was wir in der „alten Normalität” kannten, mehr zu schätzen und nicht für selbstverständlich zu sehen. Auf das die Normalität bald wieder zurückkehrt – und die „neue Normalität“, von der die Bundesregierung spricht, nie wieder komme!


[1] https://www.zeit.de/campus/2020-04/jugend-coronavirus-krise-lockdown-psychologische-auswirkungen

[2] https://www.zsi.at/object/news/5574/attach/
Erste_Ergebnisse_Lernen_im_Ausnahmezustand_Schueler_innenbefragung.pdf

[3] https://www.nzz.ch/meinung/corona-krise-ein-albtraum-gerade-auch-fuer-jugendliche-ld.1548710


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