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Biologisch weder Mann noch Frau: Über die Diskriminierung intersexueller Personen in Europa


Wie so oft zeigt sich, dass die Welt vielfältiger als unsere sozial konstruierten Labels ist. Täglich sprechen wir von ‘Mann’ und ‘Frau’. Doch was ist mit dem ‘Dazwischen’? Was ist mit den Menschen, die Geschlechtsmerkmale aus beiden Kategorien aufweisen? Besonders intersexuelle Menschen erleben aufgrund von zu wenig Aufklärung noch immer Angst, Ablehnung und Hass- auch hier in Europa.

LGBTQI – Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual, Queer, Intersexual. Über sexuelle Orientierungen und unterschiedliche Geschlechtsidentitäten wird heutzutage viel gesprochen. Zum Glück, wenn man bedenkt wie viel Hass, Ungerechtigkeit und menschenunwürdiges Verhalten durch Aufklärung vermieden wird. Doch auch wenn sich die Situation für die Menschen der LGBTI-Community weltweit tendenziell verbessert hat, erleben viele dennoch Angst, Übergriffe und haben das Gefühl sich verstecken zu müssen. Um die Lebensqualität Betroffener zu verbessern und weitere Missstände in diesem Bereich aufzudecken, erhob die Europäische Grundrechteagentur (European Union Agency for Fundmental Rights) 2019 eine großräumige Umfrage, an der 140.000 Personen, die sich selbst als LGBTQI definieren, teilnahmen. Abgefragt wurden unter Anderem Offenheit im Umgang mit der eigenen Geschlechtsidentität/Sexualität und mit dem biologischen Geschlecht, erlebte Übergriffe, Angst und Vertrauen in die Regierung, uvm. Ziel der Studie war es Entscheidungsträger*innen in der Regierung in Europa faktische Nachweise über die jetzige Lebenssituation von LGBTQI-Personen in Europa zu liefern und die ausschlagsgebendsten Ansatzpunkte aufzuzeigen um mehr Schutz zu gewährleisten.

Besonders in den Kategorien ‚transsexuell‘ und ‚intersexuell‘ sind die Ergebnisse auch in Österreich erschreckend. So gehen beispielsweise 60% der transsexuellen Menschen, also Menschen, die sich psychisch mit dem Geschlecht identifizieren, das nicht ihrem biologischen Geschlecht entspricht, ‘selten’ oder ‘fast nie’ offen mit ihrer Geschlechtsidentität um. Auch beinahe zwei Drittel der Befragten intersexuellen Menschen geben an im vergangenen Jahr mindestens in einem Lebensbereich diskriminiert worden zu sein. Zirka ein Drittel der befragten intersexuellen Personen empfindet es als großes Problem, dass Intersexualität noch immer als Krankheit betrachtet wird. Die mangelnde Aufklärung über Intersexualität wird kritisiert.

Laut Schätzungen sind rund 1.7% der Bevölkerung intergeschlechtlich und erleben Diskriminierung, Hass und auch andere Hindernisse im Alltag – nicht zuletzt auch in Österreich.

Was ist Intersexualität?

Intersexuelle Menschen weisen biologisch männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale (chromosomial, anatomisch und/oder hormonell) auf. Wie sich diese Zusammensetzung äußert variiert stark – demnach gibt es nur nicht ‘die’ intersexuelle Person, sondern eine große Vielfalt. Personen können beispielsweise sowohl männliche als auch weibliche Hormone in sich tragen und/oder innere bzw. äußere Geschlechtsteile beider Geschlechter besitzen. Die österreichische Plattform Intersex schreibt hierzu: „Manche Menschen gehen immer noch davon aus, dass es nur zwei Geschlechter gibt. Ein ganzes System von Gesetzen, Theorien und Praktiken unterstützt dieses Zweigeschlechterdenken. Inter*Personen werden in dieser binären Vorstellung von Geschlecht unsichtbar gemacht.“

Ist Intersexualität eine Krankheit?

Häufig treten keine gesundheitlichen Beschwerden auf. Außerdem ist die Bezeichnung ‚Krankheit‘ durchaus problematisch: Viele Menschen fühlen sich mit beiden Geschlechtsmerkmalen wohl. Solange keine medizinischen Schäden auftreten besteht in diesem Fall meiner Meinung nach auch gar kein Grund etwas an dem Körper dieses Menschens zu ändern. Der Verein intersexuelle Menschen Österreich hält hierzu fest: „Intergeschlechtlichkeit ist keine Krankheit und keine Störung, genauso wenig wie Männlichkeit oder Weiblichkeit – allerdings werden dem viele Mediziner*innen widersprechen, und viele Formen von Intergeschlechtlichkeit stehen auch immer noch im internationalen Krankheitsindex, zusammengefasst als ‘Disorders of Sexual Development‘“.

Wenn man diesen Gedanken weiterspinnt erkennt man, dass sich die fehlende Akzeptanz und die Betrachtungsweise ‚Krankheit‘ sich besonders im medizinischen Bereich auswirkt. Häufig werden intersexuelle Menschen behandelt ohne eine ausreichende Aufklärung über die Notwendigkeit eines Eingriffes zu erhalten. Oft wird intersexuellen Kindern kurz nach der Geburt ein Geschlecht zugeschrieben (meist anhand der dominierenden Geschlechtsmerkmale), diese Kinder werden nach diesem Geschlecht aufgezogen. Besonders im frühkindlichen Alter kommt es häufig zu medizinischen oder auch kosmetischen Eingriffen. Nicht selten kommt es vor, dass diese Personen merken, dass das ihnen zugeschriebene Geschlecht gar nicht zu ihnen passt und/oder sie sich einfach als ‘intersexuell’ identifizieren möchten. Demnach entsteht nicht nur ein Kampf mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung, sondern oft auch ein Kampf mit dem eigenen Körper.

Bürokratie

Des Weiteren geben in der vorher genannten Studie der Grundrechteagentur 60 Prozent der befragten intersexuellen Menschen in Europa an, sich großen Aufwand unterziehen zu müssen um ihre Geschlechtsidentität in öffentlichen Dokumenten eintragen zu lassen. 40 Prozent wurde nach eigener Aussage die Eintragung verweigert und auch Belästigung und Verspottung durch Beamte mussten sie erfahren. Im Juli 2018 schreibt allerdings der Standard darüber, dass im Verfassungsgerichthof Österreichs beschlossen wurde in öffentlichen Dokumenten jetzt auch die Geschlechter Kategorien ‘divers’, ‘offen’ oder ‘inter’ einzuführen. Das ist sicherlich ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung! Dennoch ist es auch hier traurig, dass einem Menschen die Berechtigung öffentlich zu sein wie er ist, abgesprochen wird nur weil sein Körper nicht in unsere dominierenden Kategorien passt.

Ein langer Weg zum Ziel

Intersexuelle Menschen sind, nicht nur in Österreich, aber auch europaweit eine der bei LGBTQI inkludierten Gruppen, die wenig bis gar keine öffentliche oder mediale Aufmerksamkeit bekommen. Die geringe Aufklärung führt oft zu Belastung und Diskriminierung. Genau deshalb ist es wichtig, dass auch diesen Menschen Gehör verschafft wird. Die rechtlichen Änderungen in Österreich sind ein wichtiger Schritt, was noch fehlt ist die gesellschaftliche Akzeptanz und ein Ausbruch aus dem binären Mann-Frau denken. Zum Schluss möchte ich betonen, wie wichtig ich es finde auch einfach weiter über jegliche LQBTI-Themen zu sprechen, da wir offensichtlich lange noch nicht am Ziel sind.

Intersexualität existiert und verdient die gleiche Toleranz und Akzeptanz wie alle anderen Geschlechter/ Geschlechtsmerkmale!

Weitere Informationen zu diesem Thema gibt es hier https://vimoe.at/ und hier www.plattform-intersex.at


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