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Sexarbeit ist genauso Arbeit


Auf eine ganz bestimmte Berufsgruppe scheint die Gesellschaft während der Corona-Krise zu vergessen, nämlich auf all die Menschen, welche im Bereich der Sexarbeit tätig sind. Viele Menschen in dieser Branche arbeiten auch jetzt, trotz der Gefahren einer Ansteckung und Verbreitung des Virus, weiterhin.

Seit Mitte März mussten etwa in Österreich aufgrund der Maßnahmen bezüglich des Corona-Virus öffentliche Einrichtungen wie Kinos, Clubs, Museen, aber auch Bordelle schließen. Das Verbot des Anbietens von sexuellen Dienstleistungen gilt jedoch nicht nur für Bordelle, sondern ebenso für alle Orte, an denen ein Austausch stattfinden würde, zum Beispiel auch private Haus- oder Hotelbesuche oder das Besuchen von sogenannten Terminwohnungen für eben jenem Zweck.

In unseren Nachbarländern sieht die Lage übrigens nicht anders aus, auch in Deutschland mussten seitens der Regierung entsprechende Maßnahmen getroffen werden, um Kontaktvermeidung zu gewährleisten. Das Risiko einer Ansteckung oder Übertragung für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter und deren Kundinnen und Kunden wäre einfach zu groß.

Doch die Realität ist leider eine ganz Andere. Viele Prostituierte arbeiten trotz der Maßnahmen, an die sich Arbeiter*innen und Kund*innen eigentlichen halten sollten. Aus einem ganz einfachen Grund: Sie sehen für sich in der Situation, in der sie sich befinden, keine andere Möglichkeit.

Prostitution ist in Österreich rechtlich legal, man gilt als selbstständig erwerbstätig[1], muss sich demnach also bei der Polizei, dem Finanzamt und bei der Sozialversicherung melden. Zudem müssen sich jene Frauen und Männer regelmäßigen Untersuchungen unterziehen, zum Schutz ihrer eigenen Gesundheit und natürlich auch zum Schutz der Gesundheit ihrer Klient*innen. Außerdem sind sie krankenversichert und müssen selbstverständlich genauso Steuern bezahlen.

Dennoch gibt es eine unglaublich hohe Dunkelziffer von Prostituierten, welche arbeiten, ohne gemeldet zu sein. Dies hat einen bestimmten Grund: ,,Die aktuellen gesetzlichen Regelungen bedeuten für SexarbeiterInnen viele Pflichten, aber noch wenige Rechte“, schreibt www.feel-ok.at auf in einem Beitrag über Sexarbeit. Ein großes Ziel stellt die Verbesserung der Arbeitsbedingungen dar, um selbstbestimmt arbeiten und handeln zu können. Das Arbeitsumfeld ist nicht nur prekär, sondern auch ausbeutungsgefährdet. Viele Sexarbeiter*innen sind Migrant*innen, die schlechte Bedingungen in Kauf nehmen um mehr Geld zu verdienen, als sie es oft in ihrem Heimatland tun würden.[2] Das Frauenservice Graz setzt sich unter anderem für die Rechte von Sexarbeiter*innen ein und bietet Betroffenen vor Ort, in Form einer Hotline und Online (via Chat- beziehungsweise Videochat) ihre Hilfe an. [3]

Viele Sexarbeiter*innen melden sich also nicht ordnungsgemäß an, somit profitieren all jene auch nicht von der rechtlichen Sicherheit, die durch eine Anmeldung gewährleistet werden würde. In Zeiten von Corona ist diese Sicherheit besonders wichtig, denn jene, die als Selbstständige gemeldet sind und durch die Krise ihre Einkommensquelle verlieren, können zum Beispiel durch den Härtefonds der Regierung einmalige finanzielle Hilfe beantragen. Dies steht ihnen zumindest offen, sofern sie ihr Einkommen korrekt deklariert haben und dieses nachweisen können.

Die Krise trifft Prostituierte besonders hart. Die meisten haben keine Möglichkeit, Geld als Rücklage zu ersparen, sind dementsprechend also auf regelmäßiges Einkommen angewiesen. Zudem stehen leider viele Frauen und Männer in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Arbeitgeber*innen und fühlen sich aus diesem Grund überaus großem Druck ausgesetzt. Deshalb arbeiten viele davon weiterhin, trotz des Verbotes und obwohl sie damit sich selbst und andere der Gefahr einer Übertragung des Virus aussetzen. Damit riskieren sie nicht nur ihre eigene Gesundheit und die, ihrer Klient*innen, sondern begeben sich auch auf rechtliches Glatteis, denn für Verstoße gegen die verhängten Maßnahmen zur Kontaktvermeidung gelten empfindliche Geldstrafen.

Aus diesem Grund laufen Kontakt und Vermittlungen nun hauptsächlich über das Internet, zum Beispiel über spezielle Portale. Auf einigen Plattformen wird dem entgegengewirkt: dort sind aktuell nur Online-Angebote erlaubt. Die Frauen und Männer können ihren Klient*innen dort zum Beispiel Telefonsex oder das Verschicken von selbst produzierten Videos anbieten.[4] Ob dies die Einnahmen, die sonst durch Sexarbeit erzielt werden, auch nur annähernd ersetzen kann, bleibt offen. Leider arbeiten auch nicht alle Plattformen besonders gewissenhaft, viele lassen beispielsweise das Einschalten von Anzeigen zu, in denen sexuelle Dienstleistungen in Wohnungen oder Hotels angeboten werden, womit sie sich momentan durch die Kontakteinschränkungen strafbar machen können.

Es ist wohl absolut einleuchtend, dass wir hierzulande ein besseres Prostituiertenschutzgesetz brauchen, welches all die Frauen und Männer nicht nur in solch schwierigen Situationen besser unterstützt und schützt, sondern auch generell, Tag für Tag. Es ist wichtig, dass Sexarbeiter*innen mehr Vorteile als Nachteile darin sehen, sich offiziell anzumelden, um ein besseres Leben führen zu können. Doch dafür sind viele Veränderungen und Überarbeitungen der aktuellen Gesetze in den neun österreichischen Bundesländern notwendig.


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Prostitution_in_%C3%96sterreich

[2] https://www.derstandard.at/story/2000001085102/wiener-prostitutionspolitik-gut-gemeint-statt-gut-gemacht

[3] https://www.feel-ok.at/de_AT/jugendliche/themen/liebe_sexualitaet/themen/prostitution/infos/wie_ist_sexarbeit_geregelt.cfm

[4] https://www.bento.de/politik/sexarbeit-in-corona-krise-warum-prostituierte-weiter-arbeiten-a-f3b5f007-a153-4f34-b20e-792c782b3c05


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