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Der Einfall des Realen – Notizen, Beobachtungen und Fragmente zu COVID-19


Einer Gesellschaft, die sich selbst zur Natur wird, kann das Naturgeschehnis nur als Mythos erscheinen. Der Einfall des Realen, der den reproduktiven Zirkel einer mediengesättigten und fossilisierten Kultur bricht, bietet die Möglichkeit einer Neuordnung des Blicks, die Eröffnung eines Raumes an Potentialitäten, die im Sinne technokratischer Alternativlosigkeit und Fantasiemangel ausgeschlossen waren. Dazu wird es aber wahrscheinlich nicht kommen, da – wie schon bei anderen Naturkatastrophen – das Ereignis als exogener Schock rezipiert werden wird, während die inhärenten strukturellen Schwächen des dominanten Systems in einer retrospektiven Bewertung des Pandemieverlaufs wohl keine Berücksichtigung finden werden. Der Schauer des Realen, dem man sich einen Moment lang hingebungsvoll zugewandt hat, mit Lust an Spektakel, Chaos und Katastrophe, wird an uns vorbeiziehen und die Kultur wird wieder in ihren dogmatischen Schlaf zurücksinken.

Tag 10 der de facto Quarantäne in der de facto Krise. Es schneit. Zweimal täglich gibt es eine Pressekonferenz. Während des Tages Berichte verschiedener Zeitungen, Internetforen, Ärzte, Virologen, Epidemiologen, Statistiker, Ökonomen und andere ExpertInnen, die ihre Einschätzungen präsentieren, dazu Millionen an verunsicherten Laien, Gerüchte, Spekulationen. Leere Straßen, die mentale Strukturierung des Raumes fällt in sich zusammen: der Weg zur Schule, zur Arbeit, zur Uni, zu den Großeltern, zu den Freunden, ins Kino, Theater, Museum, Café, Restaurant. Wege, tausendfach beschritten, führen plötzlich ins Nichts. Schnee fällt auf den kalten Asphalt.

Virenbedingter Biedermeier. Panik in Echtzeit. Alles, nur keine Demokratie der Risiken. Man hat es oft gehört, diese unterwürfige Logik: der Tod kommt für alle, der Virus kennt keine Grenzen, keine Klasse, usw. Verfällt man nicht diesem Nihilismus, dieser säkularen Logik der letzten Dinge, so muss man erkennen, im Kapitalismus sind Risiken immer ungleich verteilt. Es macht eben einen Unterschied, wohin man sich zurückzieht, in das geräumige Haus mit Garten und Garage oder in die kaum leistbare, winzige Mietwohnung mit Fenster zur Straße. Das hat reale Konsequenzen, denn jene, die risikobefreit Entscheidungen treffen können, deren Folgen anderen aufgebürdet werden, haben das Gewalt-, Macht- und Souveränitätsmonopol.

Inmitten mittelständischer Panik reale Prekarität der Mittellosen. Die grenzenlose Welt des globalisierten Kapitalismus ist bodenlos. Wer von Monat zu Monat leben muss, fällt jetzt in den Abgrund: unser Wohlstand ist ein Luftschloss. Wer wird sich am Ende durchsetzen? Die sozialdemokratischen Keynesianer oder die neoliberalen Kaputtsparer, die schon die letzte Wirtschaftskrise zu einem sozialen Verfall steigerten? Gereicht dieser Moment wirklich noch zur veritablen Krise des globalisierten Spätkapitalismus? Fluidität, Mobilität, Post-Ideologie, Selbstentfaltung, Selbstoptimierung, Selbstvermarktung: Ich, Ich, Ich. Das Subjekt ist Schauplatz einer ideologischen Projektion geworden, wurde ersetzt durch eine neoliberale Phantasie. Jetzt spürt man diese Last, kann alleine diesem Gewicht nicht standhalten und der Staat, die Gesellschaft, all das Totgesagte, schreitet als unheimlicher Wiedergänger zur Tat, während die atomisierten Individuen in ihre überpreisten Miethöhlen zurückkriechen.

Die spanische Grippe 1918-1920 tötete zwischen 20 und 40 Millionen, vor allem junge Menschen. Noch während die Krankheit wütete, beschloss man einen Frieden, der den Nährboden für den kommenden Faschismus bereitete, die USA, von wo aus die Pandemie ausging, entschieden sich nicht dem neugegründeten Völkerbund beizutreten und zehn Jahre später kam die große Krise, Faschismus, Nationalsozialismus, Terror und schließlich Krieg und Massenvernichtung. Die Grippe, dieser Schauer des Realen, der alle zu Solidarität ermuntern hätte können, war vergessen worden. Deshalb ist wohl die Hoffnung unbegründet, dass eine Ökologisierung und Sozialisierung die Folge der momentanen Krise sein werden. Eher muss man wachsam sein, dass aus dem Ausnahmezustand kein Dauerzustand wird. Die heute wieder beliebte Kriegsrhetorik dient genau diesem Ziel (siehe Ungarn). Man muss sich daran erinnern: trotz allem herrscht Friede.

Die Stunde der Wahrscheinlichkeit, der sicheren Unsicherheit hat geschlagen. Heute lebt man von Prognose zur Prognose. Exponentialfunktionen werden zu Naturgesetzen erhoben, Menschen zu Zahlen erniedrigt. Alles, was nicht abgezählt werden kann, fällt unter den Tisch. Die Krankheit, eine allgemeine Fäulnis, ist eine heimtückische Ungewissheit. Virologisch gesehen gibt es Wahrscheinlichkeiten, sich anzustecken, zu erkranken, einen milden oder schweren Verlauf durchmachen zu müssen, zu leben und zu sterben. Epidemiologisch betrachtet kommen dazu die Wahrscheinlichkeiten der momentanen Ausbreitung und der kommenden Verbreitung. Eine doppelte Verunsicherung: Die Möglichkeit verdrängt Statistik für Statistik, Computermodellierung für Computermodellierung die Wirklichkeit. Ein Sinnbild der Spätmoderne, die Verfügung und Linearität gegen Verfügbarkeit und Simultanität eingetauscht hat, die keinen Zustand, sondern nur den Prozess kennt. Geschichtsvergessen stolpert man in die Zukunft und ist immer aufs Neue überrascht, wenn die heilige Normalität, der mystische Naturzustand des ‚Nine-to-Five‘ gestört wird. Wenn eine Sache von dieser Krise bleiben soll, dann ist es ein historischer Sinn. Erst wenn man weiß, in welcher Zeit man lebt, kann eine neue anbrechen. Das Andere, das Mögliche ist immer schon Horizont des Momentanen und Wirklichen. Möglicherweise ist genau jetzt die Zeit, sich diesem zuzuwenden!

Graz, 25. März 2020

Weiterführende Links

https://www.falter.at/zeitung/20200325/die-infizierte-vernunft/_b124d480e0

https://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article206732493/Wir-duerfen-die-Vernunft-nicht-dem-Virus-ueberlassen.html

https://www.lrb.co.uk/the-paper/v42/n06/rupert-beale/short-cuts

https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/corona-gesellschaft-wider-die-vernunftpanik-kolumne-a-772e1651-f393-4bc6-8f79-79dc7a5ed025


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