Kenne Deine Rechte

„Verschwendung sollte ein No-Go sein“


Mit ganzem Herzen engagiert und immer bereit, für sein Engagement auch anzuecken – so könnte man Pfarrer Pucher wohl am besten beschreiben. Als der Priester mit einem Herz für die Notleidenden 1993 das VinziDorf – eine Betreuungseinrichtung für obdachlose Alkoholkranke – gründete, hagelte es Kritik. Wie die Situation von Menschen in Armut heute aussieht und was ihn antreibt weiterzumachen – darüber hat er mit Kenne deine Rechte gesprochen.

KdR: Sie sind im März dieses Jahres 80 geworden. Denken Sie auch manchmal ans Aufhören?

Pucher (entschlossen): Nein. Warum soll ich denn aufhören? Ich habe keinen Grund dazu. Ich kann mich erinnern, in meinem Heimatdorf haben die Menschen während meiner Kindheit immer so lange gearbeitet, bis sie nicht mehr konnten. Dann war es halt aus. Aber ich sehe nicht ein, dass ein kräftiger Mensch nicht mehr arbeiten soll – schon gar nicht in meinem Beruf.

KdR: Der Gedanke, dass Menschen Sie brauchen, motiviert Sie also zum Weitermachen?

Pucher: So ist es.

KdR: Der Glaube stellt ja für viele heute keine wirkliche Motivation mehr dar. Geht es den Menschen zu gut, als dass sie an etwas glauben?

Pucher: Das stimmt vielleicht für Europa. Global betrachtet ist der Glaube definitiv noch ein wichtiger Faktor für viele Menschen. John Allen hat ein Buch über die Zukunft der katholischen Kirche geschrieben und dazu eine Umfrage in vielen Ländern der Welt durchgeführt. Das Ergebnis: Es gibt Länder, in denen bis zu 98 % der Menschen gesagt haben, sie können ohne Religion nicht leben. Aber in Europa sieht das anders aus: In Deutschland geben 8 von 10, in Frankreich 9 von 10 Menschen an, sie würden keine Religion brauchen. Meine Mutter hat immer gesagt: Not lehrt Beten. Aber Not muss nicht immer nur Hunger sein. Es kann auch die Erkenntnis sein, dass wir eine höhere Kraft brauchen, damit wir unser Leben bewältigen können. Und ich merke seit einiger Zeit, dass die Gottesdiensteinnahmen [gemeint sind Einnahmen durch Spenden während des Gottesdienstes, Anm.] wieder zunehmen. Es scheint sich also eine Trendwende anzubahnen. Das hängt sicher auch mit der ganzen Umweltproblematik, der Unsicherheit auf politischer Ebene und mit den Ereignissen auf der ganzen Welt – im mittleren und vorderen Orient und in China – zusammen.

 

KdR: Sie geben oft an, sich für die „hässliche“ Armut einzusetzen. Was ist denn „schöne“ Armut und was macht sie wünschenswerter als „hässliche“?

Pucher: Eigentlich gibt es schöne Armut nicht. Ich verwende den Begriff der hässlichen Armut nur, weil er deutlich zeigt, um welches Problem es mir geht. Es gibt arme Menschen, deren Armut anderen Menschen zu Herzen geht

. Ein kleines, weinendes Kind berührt z.B. jeden. Es gibt aber auch Arme, denen man das nicht ansieht. Zum Beispiel haben wir eine Einrichtung für Frauen mit großen psychischen Belastungen. Die sehen nicht arm aus, und wegen ihrer Krankheit hat die Gesellschaft für solche Menschen oftmals nichts übrig. Auch die Armut von Drogenabhängigen wird oft als selbstverschuldet wahrgenommen. Für die empfinden nur die wenigsten Mitleid. Wir betreiben die einzige Einrichtung in der Steiermark, in denen Drogenabhängige wohnen und leben können, bis sie einen neuen Ort zum Leben gefunden haben. Das Gleiche gilt für alkoholkranke Menschen. Dort ist der Begriff doppelt angebracht: Ihre Armut ist hässlich und die Tatsache, dass ihnen niemand helfen will, ist ebenso hässlich.

KdR: Gerade für die Arbeit mit diesen Menschen haben Sie aber auch oft Kritik einstecken müssen…

Pucher: Das hat sich sehr geändert. Dass wir alkoholkranke Menschen betreuen, hat zuerst große Ablehnung ausgelöst. Das ging bis zu Drohungen mir gegenüber. Aber heute gibt es keinen einzigen Menschen mehr, der mir gegenüber gesagt oder geschrieben hätte, er möchte, dass es das VinziDorf nicht mehr gibt.

KdR: Trotzdem scheint es noch immer genug Dinge in Graz zu geben, über die Sie sich ärgern. Man denke an Ihre Empörung über die „reichen Prasser von Graz“.

Pucher: In Zeiten wie diesen hat niemand das Recht, mit dem, was er besitzt oder auch rechtmäßig erworben hat, zu protzen. In unserer Stadt haben wir 30.000 Menschen, die von der Grundsicherung leben. Da hat man nicht das Recht, sich vor denen auf einen Platz zu setzen und demonstrativ zu zeigen, was man sich leisten kann. Das ist ein Akt der Unmenschlichkeit, eine unzulässige Provokation. Die Menschen können privat tun, was sie wollen, aber nicht im öffentlichen Raum – das ist reine Provokation.

KdR: Sie haben bekannterweise auch keine Scheu, innerkirchlich anzuecken. Selbst der ehemalige Papst Benedikt XVI. kam bei Ihnen nicht ungeschoren davon…

Pucher: Da geht es um folgende Geschichte: Der Papst hat damals einen Österreichbesuch gemacht. Also habe ich den Nuntius [den diplomatischen Vertreter des Papstes, Anm.] gebeten, der Papst möge sich doch nicht nur bei den Menschen, denen es gut geht, aufhalten und sich bejubeln lassen, sondern auch eine Stippvisite ins VinziDorf machen. Erstens sind es gerade diese Menschen, für die das Evangelium von Bedeutung ist. Zweitens wäre es für ihn kein großer Umweg, nach Graz zu kommen. Daraufhin hieß es, es gäbe dafür keinen Platz im päpstlichen Zeitplan. Ich war dann aber mit einigen VinziDorf-BewohnerInnen bei der Verabschiedung des Papstes. Dort hieß es, man würde ein Grußwort an diese Menschen richten. Das ist nicht passiert und wir mussten noch dazu eine Stunde auf ihn warten, weil der Papst spontan Heiligenkreuz eine Stippvisite abgestattet hat. Der dortige Abt ist ein Adeliger – und für den gab es schon Zeit.

KdR: Sehen Sie sich eher als „Rebell der Nächstenliebe“ oder doch manchmal mehr als Moralapostel?

Pucher: Über den Titel „Rebell der Nächstenliebe“ war ich ehrlich gesagt nicht immer glücklich. Ich rebelliere ja gegen nichts und niemanden. Aber ich habe gemerkt, dass mein Wirken von Leuten im Umfeld der Kirche oder der Caritas oftmals als Provokation empfunden wird, weil sie das, was ich tue, oft selbst nicht machen können oder wollen. Ich werde also von manchen als jemand gesehen, der ihnen indirekt einen Vorwurf macht. Außerdem melde ich mich zu Dingen zu Wort, zu denen eine große Mehrheit schweigt. In Österreich sind z.B. 1996 Roma aufgetaucht, die gebettelt haben. Kein Mensch – weder innerkirchlich noch außerkirchlich – hat sich um diese Menschen gekümmert. Ich war der Erste, der die Frage gestellt hat: Wo schlafen die überhaupt? Und als ich erfuhr, dass die in Toiletten schliefen, habe ich gesagt: Das gibt es wohl nicht in der Stadt der Menschenrechte! Wir haben dann ein halbes Jahr gebraucht bis sämtliche in Graz anwesende Bettler zumindest in Notquartieren untergebracht waren.

KdR: Gerade das soziale Engagement betreffend, gibt es offenbar eine große Differenz zwischen Sein und Schein. Auf den sozialen Netzwerken stilisieren sich ja viele gern zum Weltverbesserer und doch wird oft bewusst weggeschaut, wo Menschen Not leiden. Worin besteht der Grund dafür?

Pucher: In einer Mischung von Motiven. Denken Sie an das Wort von Bert Brecht: „Verdammt, wer sich der Verdammten annimmt.“ Das war ja bei Jesus nicht anders. Er hat sich der Ausgeschlossenen angenommen und ihnen Heil zugesprochen. Und schließlich haben sie ihn ans Kreuz genagelt. Das ist also einer der Gründe: Viele wollen nicht anecken. Außerdem wird man automatisch in das Schicksal des anderen hineingezogen, sobald man sich seiner annimmt. Plötzlich spüre ich: Ich kann nicht mehr wegschauen, ich muss etwas tun. Somit wird das eigene Leben – zumindest nach außen – ein wenig reduziert, zugunsten eines anderen. Jesus hat genau das als Sinn des Lebens dargestellt: Wer sein eigenes Leben hergibt, wird es gewinnen. Wer sein eigenes Leben gewinnen will, wird es verlieren.

KdR: Sie meinten einmal, Sie würden den Satz „Das geht nicht.“ hassen. Was soll denn in den nächsten Jahren alles noch gehen?

Pucher: Ich habe dem damaligen Bundeskanzler Schüssel gesagt, die Frage, ob die Obdachlosigkeit zu überwinden ist, ist keine Frage des Geldes, sondern eine Frage der Zustimmung der Bevölkerung. Und er hat mir sofort recht gegeben. Es ist nicht wahr, dass man die Obdachlosigkeit in Österreich nicht überwinden kann. Man will es einfach nicht, weil es mühsam ist. Um sich mit diesen Menschen abzugeben, muss man eigene Vorurteile überwinden. „Geht nicht, gibts nicht!“ gilt auch für die Frage, wie viel an Zuwanderung wir „ertragen“. Vor 10 oder 20 Jahren habe ich oft den Satz gehört: „Das Boot ist voll.“ Das Boot ist in Wahrheit noch lange nicht voll. Diese Debatte ist nur ein Symptom dafür, dass wir uns oft selbst zu wenig zutrauen.

KdR: Und was soll nicht mehr gehen?

Pucher: Die Bequemlichkeit sollte reduziert werden. Vorurteile sollten abgebaut werden. Wenn du nicht 1000 Meilen in den Mokassins des anderen gegangen bist, hast du kein Recht, über ihn zu urteilen. Und die Menschen sollten weniger verschwenderisch sein. Ich bin dagegen, dass man alle Freuden des Lebens abschafft, aber die Verschwendung in der Welt ist gewaltig. Am 5. Jänner bin ich einmal in eine Siedlung gekommen, da stand auf einer Freitreppe auf jeder Stufe eine leere Flasche Champagner. Wenn die Person sich schon damit betrunken hat, dann muss sie die Flaschen nicht auch noch dorthin stellen. Wenn wir mehr zum Teilen bereit wären – Emotionen zu teilen, Ressourcen zu teilen, Fähigkeiten zu teilen, dann würde es uns allen besser gehen.

KdR: Das heißt, die Menschen haben das Teilen verlernt?

Pucher: Das muss man erlernen – am besten von Kindesbeinen an. In Großfamilien war das Teilen früher notwendig, damit man überleben konnte. Ich komme aus einer armen Familie. Wenn wir einen Schulausflug machten, habe ich immer ein wenig Notgeld mitbekommen. Meine Mutter bat mich immer darum, das Geld, wenn möglich, wieder nach Hause zu bringen. Wenn aber heute Kinder Geld mitbekommen und nicht alles brauchen, denken sie eher daran, wie sie das übriggebliebene Geld noch am besten ausgeben könnten. Das ist eine schreckliche Grundeinstellung. Verschwendung sollte ein No-Go sein.

Links

VinziDorf in Graz

VinziWerke Österreich

ad personam: Pfarrer Wolfgang Pucher wurde 1939 in Hausmannstätten bei Graz geboren und wuchs dort in armen Verhältnissen auf. Nach seiner Priesterweihe 1963 und mehreren innerkirchlichen Tätigkeiten gründete er 1990 die Vinzenzgemeinschaft Eggenberg, die österreichweit Betreuungseinrichtungen für Bedürftige betreibt. Für sein Engagement hat Pucher zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den Ute-Bock-Preis für Zivilcourage und das Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Aufsehen erregte er u.a. mit einer Selbstanzeige infolge des vom Land Steiermark erlassenen Bettelverbots. Dieses wurde schließlich 2013 vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben.


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