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Was wir sagen, wenn wir etwas sagen


Wer sich ein wenig mit Sprache allgemein oder auch Sprachwissenschaft beschäftigt, wird schnell auf die Begriffe „Denotation“ und „Konnotation“ stoßen. Ein Denotat, das ist die Grundbedeutung eines Wortes, also das, was wir eigentlich mit einem Begriff bezeichnen. Als Konnotat hingegen werden Nebenbedeutungen bezeichnet, die durch einen Begriff ebenso aktiviert werden – sie „schwingen“ quasi mit. Das Wort „Fuchs“ bezeichnet zum Beispiel grundsätzlich ein Tier, gleichzeitig aktiviert es, vor allem wenn wir es in einem bestimmten Kontext hören, aber auch Bedeutungen wie „ein besonders schlauer, gewiefter Mensch“ – wie zum Beispiel im Satz „Das ist aber ein Fuchs!“.

Nahezu jedes Wort, das es in die Umgangssprache, aber auch den öffentlichen Diskurs schafft, hat solche Konnotationen. Gerade deshalb lohnt es sich auch, sich diese etwas näher anzuschauen und sich dessen bewusst zu werden, was man eigentlich sagt, wenn man etwas sagt.

Flüchtlingswelle

Ein metaphorischer Ausdruck, dem wir seit der großen Migrationsbewegung 2015 immer wieder begegnen, ist der Terminus der „Flüchtlingswelle“. Damit werden besonders im politischen Diskurs gerne größere Flüchtlingsbewegungen bezeichnet. Allerdings suggeriert der Ausdruck gleichzeitig eine gewisse Bedrohung: Eine Welle ist nämlich eine Art Naturgewalt; etwas, das einen überschwemmen und im schlimmsten Fall sogar unter sich ertrinken lassen kann. Implizit suggeriert der Begriff also, dass wir von Flüchtlingen „überrollt“ werden. Viele verwenden deshalb als Alternative gerne den neutraleren Terminus „Flüchtlingsbewegung“.

Klimawandel

Die Temperaturen auf der Erde steigen kontinuierlich, weil sich das Klima aufgrund der seit der Industriellen Revolution stetig steigenden Treibhausgasausstöße verändert und die Erde sich zusehends erhitzt. Wichtige internationale Organisationen und NGOs warnen davor, dass sich ohne tiefgreifende Veränderungen gravierende Konsequenzen, Natur- und Hungerkatastrophen sowie klimabedingte Massenmigration ergeben werden. Gerade in Anbetracht der Schnelligkeit der Veränderungen und der schwerwiegenden Folgen erscheint der Begriff des „Klimawandels“ eigentlich etwas zu wenig drastisch, verbindet man mit Wandel doch eine Veränderung, die nicht zwangsläufig negativ sein muss. Im öffentlichen Diskurs findet deshalb seit einiger Zeit der Begriff „Klimakatastrophe“ immer größere Verbreitung. Klingt drastisch, ist es ja aber auch!

Einzelfälle

Ja, es gab viele davon während der letzten ÖVP-FPÖ-Regierung: „Einzelfälle“. Wobei es ja an sich schon problematisch ist, ein derartiges Wort für wiederholte rechtsstaatlich, demokratisch und menschenrechtlich höchst bedenkliche Handlungen einer Regierungspartei zu verwenden. Schließlich widerstrebt es an sich eigentlich jeglicher Logik, das Wort „Einzelfall“ überhaupt in die Mehrzahl zu setzen. Vielleicht mag dieses Wort als Beschönigung herhalten, doch zutreffend oder angebracht ist es keineswegs.

Passender wäre es, die Dinge beim Namen zu nennen: Rassismus für das Rattengedicht der FPÖ Braunau oder Angriff auf die Pressefreiheit in Bezug auf die Aussendung des Innenministeriums an die Polizei, laut der die Kommunikation mit kritischen Medien eingeschränkt werden sollte.

Behinderte

Wenn es darum geht, Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen zu bezeichnen, tun wir uns oftmals schwer. Besonders in der Umgangssprache werden oft noch Begriffe wie „Behinderte“ verwendet. Aber auch im öffentlichen Diskurs ist oftmals der Ausdruck „behinderte Menschen“ zu finden. Was dabei allerdings – mehr oder weniger bewusst – gemacht wird, ist, die betroffenen Menschen ganz und gar auf ihre Behinderung zu reduzieren (wie das mit dem Ausdruck „Behinderte“ der Fall ist) oder die Behinderung vor den Menschen zu stellen („behinderte Menschen“). Zentral ist jedoch die Wertschätzung jedes Mitglieds der Gesellschaft, ungeachtet etwaiger Einschränkungen. Deshalb wird grundsätzlich die Wendung „Menschen mit Behinderung“ bevorzugt. Diese stellt nämlich den Menschen vor die Behinderung.

Gutmensch

Menschen, die politisch links der Mitte stehen oder sich für Themen wie Gleichstellung von Frau und Mann sowie die Integration von MigrantInnen einsetzen, werden vor allem – aber nicht nur – in rechten Kreisen oftmals als „Gutmenschen“ bezeichnet – ein Begriff, der ja auf den ersten Blick gar nicht allzu negativ zu sein scheint. Doch auch wenn der Terminus nicht – wie oftmals fälschlich behauptet – aus der NS-Zeit stammt, so erinnere er unweigerlich an die Diskurspraxis der Diffamierung während der NS-Zeit in Deutschland, so Margarete Jäger, Leiterin des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung, im Gespräch mit „FOCUS“. Wenn Sie also Kritik an den Idealen einer Person üben möchten, versuchen Sie doch eher konstruktiv zu bleiben und höflich und wertschätzend jene Punkte anzusprechen, mit denen Sie nicht einverstanden sind. Ein Kampfbegriff wie „Gutmensch“ hat aber in einer sachlichen Diskussion nichts verloren.

Nach all diesen Überlegungen ist aber vor allem eines wichtig: Es geht nicht darum, Sprachpolizei zu spielen oder Menschen vorzuschreiben, was sie sagen dürfen und was nicht. Vielmehr ist es zentral, ein gesteigertes Bewusstsein für die Facetten unseres Sprachgebrauchs zu entwickeln und somit auch regelmäßig über das, was wir sagen, zu reflektieren. Denn wer seinen eigenen Sprachgebrauch hinterfragt und versucht zu verstehen, wie andere uns durch Sprache lenken, der versteht letztlich auch die Welt ein Stück besser. Und wer die Welt besser versteht, kann auch dafür Sorge tragen, sie zu verbessern.


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