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“VOTRE DAME” – Warum die Spendenaktion nach dem Brand nicht für alle Europäer/innen ein Zeichen von Zusammenhalt ist


Heute schreibe ich am Beispiel zweier Online-Beiträge, die zum Brand von Notre-Dame veröffentlicht wurden, über meine Sorge, welche Botschaft die enorme Spendenkampagne Teilen der Bi_POC-Diaspora weltweit sendet. Die Auslandskorrespondentin von Phoenix erzählt der dortigen Tagesschau-Moderatorin, wie sich Pariser vom Zustand des Wahrzeichens überzeugen und dass viele Menschen getrauert und geweint haben. Obwohl Notre-Dame noch steht, und zwar beinahe vollständig. Nach der Analyse des Mauerwerks rückt die Korrespondentin vor Ort die Schwachstellen des Bauwerks und die Ursachen des Feuers in den Fokus. Brandstiftung schließen Expert/innen laut Berichterstattung der beiden weißen* Frauen aus. Ich fühle Erleichterung. Zumindest die Debatte über eine/n mögliche/n Täter/in, auf dem Rücken von Bi_POC, bleibt uns diesmal erspart. Zur Spendenaktion selbst sagen die Journalistinnen: Notre-Dame gelte als das Herz von Paris und die Solidarität mit der Stadt sei riesengroß, sodass sogar “viele Unternehmen” und “Privatleute” spenden. Namen nennen sie bewusst keine. Innerhalb von 24 Stunden sind bereits über 600 Millionen Euro an Spendengeldern zusammengekommen. Mittlerweile sind es fast 900 Millionen. Außerdem gibt es Kondolenzbücher, in denen die Leute sich eintragen können.

Persönlich bin ich für die Instandhaltung und für das Gedenken an großartige Errichtungen, egal aus welchem Kulturkreis. Und ich bin auch dafür, dass jeder Mensch sein Geld verschenken kann, wohin er will. Was mich jedoch beunruhigt, ist: Im selben Zeitraum, in dem Menschen weltweit erschossen werden, ertrinken, geschändet werden, hungern, leiden und unterdrückt werden, bekommt eine Kirche in Frankreich, die weder völlig zerstört, noch mutwillig angegriffen wurde, multimediale Aufmerksamkeit in Form von spektakulären Bildern, gepaart mit emotionsfördernden Texten und Ansprachen, die um die Welt gehen. Und wenn ich von Peter Sieben, Online-Redakteur für DER WESTEN, lese, weshalb er die Kritik im Netz an großen Sendern und Sendernetzwerken als “Quatsch” und als “unnötig” bezeichnet, weiß ich wieder, warum meine Arbeit so notwendig ist. Erstmal, danke Peter: Meine Gefühle sind kein Quatsch, nur weil du sie nicht verstehst. Und zweitens: es geht weniger um die Tatsache, wer spendet, sondern vor allem darum, in welchen Worten über den Brand berichtet wird (z.B. Unglück, Tragödie, Trauerfall…), wie viel Aufmerksamkeit dem Thema zukommt und dass die Spenden-Aktion als “europäischer Zusammenhalt” gewertet wird. Wo ist dieser europäische Zusammenhalt, wenn es um den Anschlag auf Moscheen geht? Und wo ist er, wenn es um illegale Abschiebungen geht? Wo ist dieses Europa, wenn es um Seenotrettung geht? Im Jahr 2017 kam für diese Art der humanitären Hilfe nicht mal ansatzweise so viel Geld zusammen, wie für Notre-Dame an einem Tag.

Dass der Brand von Notre-Dame derart politisch instrumentalisiert wird, dass sich sogar Putin in Russland dazu berufen fühlt, seine Hilfe am Wiederaufbau anzubieten, lässt mich auch an der Moral und am Bewusstsein der deutschen Journalist/innen zweifeln, die diesen Auswuchs ermöglichten, ohne daran zu appellieren, dass große Spenden vor allem andernorts gebraucht werden. Damit nicht das Bild entsteht, als wäre der Brand von Notre Dame das schlimmste Schicksal, das Europa in den letzten Jahren ereilt hat. Denn wenn der Erhalt eines Objektes, Symbol hin oder her, in der deutschen Medienlandschaft mehr Gewicht und Clout einnimmt als die Bedrohung von Menschenleben (übrigens auch durch die Bundesregierung und die EU), dann ist das aus meiner Perspektive ein Phänomen, das ich als schwarze, queere, transidente Person ergründen will. Und wenn ich lese, wie mein Drang nach Antworten als Dummheit abgetan wird, dann möchte ich umso mehr, dass sich Gegner/innen meiner Kritik im Klaren sind, dass sie einen anti-rassistischen Diskurs behindern.

Meine Kritik soll Leser/innen darin beeinflussen, wofür sie Geld einsetzen und darauf hinweisen, dass die enorme Trauer um Notre-Dame aus meiner Sicht ein Symbol dafür ist, wie wenig (Black and Indigenous) People of Color als Teil der europäischen Gesellschaft betrachtet werden. Denn die Kritik an der Berichterstattung zu Notre-Dame stammt nicht aus der Feder einer Natascha Ochsenknecht, die sich mit ihrem Instagram-Beitrag der Cultural Appropriation unserer Gefühle schuldig macht. Sondern aus Enttäuschung von BIPOC, darüber, wie die deutsche Medienlandschaft Prioritäten setzt.


Gastbeitrag von Mikah – Zur Person:

Mein Name ist Mikah (mit bürgerlichem Namen: Miriame Manette Anescar-Schundelmeier). Ich bin 26 Jahre alt, nonbinär, sesshaft in Freiburg i.Brsg. und ich blogge unter dem Synonym @derquotenneger über meine Lebenserfahrung als schwarze, queere, transidente Person in Deutschland/der Welt. Dabei fokussiere ich mich auf meine alltäglichen Herausforderungen mit mentaler Gesundheit, weise auf soziale Missstände hin und normalisiere den LSBTTIQA*+-Lebensstil für BIPOC, aber auch für zahlreiche Abonnenten außerhalb der Diaspora und innerhalb des heteronormativen Identitäts-Spektrums. Darüber hinaus habe ich es mir zur Lebensaufgabe gemacht, die Geschichten von sämtlichen marginalisierten Personen(-gruppen) durch Integration in die Schönheits- und in die Modeindustrie für eine breite Masse zugänglich zu machen und zudem Drehbücher für Webserien und TV-Formate zu schreiben, in denen die Welt wiedergespiegelt wird, in der ich mich bewege.
Um mein Vorhaben voranzutreiben, habe ich die Kampagne #MehrLiebeImNetz gestartet, die auf Instagram über @mehrliebeimnetz veröffentlicht wird und die sich um mehr breitflächige Sichtbarkeit von Intersektionalität und Unterdrückung innerhalb feministischer Bewegungen bemüht. Ich verstehe meine Plattformen in erster Linie als Safe Space, in dem sich jeder zum Ausdruck bringen darf, wir einander fördern, Trost spenden und unsere Geschichten erzählen. Wenn ihr mich und meine Projekte unterstützen wollt, dann abonniert meine Kanäle. Ich freue mich auf spannende Diskurse mit euch und sage ein herzliches Dankeschön an @kennedeinerechte für die Möglichkeit, hier für euch schreiben zu dürfen.

Image (modified): (c) Marind, licensed under the Creative-Commons-License „Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-SA 4.0)“


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