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Europa, in Vielfalt geeint


Am 9. Mai 1950 hielt Robert Schumann, der damalige Außenminister Frankreichs, eine Rede, in der er seine Vision einer neuen Art der politischen Zusammenarbeit innerhalb Europas propagierte. Zu diesem Zeitpunkt erahnte natürlich noch niemand, dass dies der Beginn von etwas ganz Großem war: Der Grundstein für unsere heutige Europäische Union – wie wir sie kennen, lieben und bekritteln.

Die EU in den Kinderschuhen

Robert Schumann verbrachte seine Jugend in der französisch-deutschen Grenzregion. Für ihn war klar, dass die Aussöhnung mit Deutschland zentral für ein Europa des Friedens und der Einheit sein wird. Gemeinsam mit Jean Monnet entwickelte er den Schumann-Plan, der eine gemeinsame Verwaltung des Kohle- und Stahlsektors beinhaltete. Diese waren nämlich die wichtigsten Grundstoffe der Rüstungsindustrie. So wollte man ein enormes Konfliktpotential entschärfen und das Risiko eines erneuten Krieges bestmöglich ausmerzen.

„Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung. Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen.“ Dies sagte Schumann 1950 in seiner berühmten Rede. Nur ein Jahr später unterzeichneten sechs Länder, darunter auch die Erbfeinde Frankreich und Deutschland, den Pariser Vertrag zur Gründung der EGKS (Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl). Als Startschuss für die längste Periode des Friedens und der Zusammenarbeit zwischen den nunmehrigen EU-Mitgliedstaaten könnte man fast meinen, dieser Augenblick war eine wahrhaftige Sternstunde der Menschheit.

Bestandsaufnahme der EU

Heute, fast 70 Jahre später, ist ein Europa ohne die Europäische Union kaum denkbar. 2012 wurde die EU sogar mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet – nicht unkritisiert, wohlgemerkt. Dennoch sind Frieden, Versöhnung, Demokratie oder die Förderung von Menschenrechten alles Dinge, welche mitunter den Kern der europäischen Werte ausmachen. Immer mehr Menschen berufen sich statt auf ihre eigentliche Staatsbürgerschaft auf ihre Unionsbürgerschaft. Ein „grenzenloses Europa“, das propagierte die Band Bilderbuch Anfang des Jahres und Facebook wurde überschwemmt von EU-Pass-Profilbildern. Oh Europe, my lovely, lovely Europe …

Doch es geht auch anders. Denn Europa, das sind nicht nur FöderalistInnen, die Generation Erasmus und pro-europäisch Gutgesinnte. Europa, das sind auch Brexit-BefürworterInnen, Victor Orbán und ENF-WählerInnen. Die EU sei in der Krise, sagen manche, die EU steht gerade erst in den Startlöchern, meinen andere. Doch, historisch gesehen, woran gehen Imperien zugrunde? Dekadenz, Migration und Elitenversagen – zumindest nehmen HistorikerInnen dies beim Imperium Romanum an. Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, sagt: „Europa findet immer nur durch Krisen zu mehr Integration.“

Dystopie EU?

Schenkt man den letzten Wahlprognosen Glauben, dann werden die kommenden EU-Parlamentswahlen die ersten sein, in denen die Europäische Volkspartei (EVP) und die Sozialdemokraten (SPE) gemeinsam keine Mehrheit in der EU-Volksvertretung erringen werden. Tatsächlich ist es sogar möglich, dass die EU-kritischen Fraktionen die zweitstärkste Kraft im Parlament bilden.

Für die nächsten Wahlen könnte beachtenswert sein, dass die Brexit-Entscheidung 2016 eine deutliche Generationenkomponente besaß. Die jüngere Altersgruppe, meine Altersgruppe, stimmte klar für den Verbleib in der EU. Dennoch war genau ihre fehlende Wahldisziplin mitausschlaggebend für den nach wie vor ausstehenden Austritt Großbritanniens. „Die Jungen sind selbst schuld“, titelten damals die Zeitungen, denn sie sind einfach nicht wählen gegangen. Ob das auch für die kommenden Parlamentswahlen zutreffen wird, werden wir sehen – schließlich haben heuer unzählige junge Menschen ausgerufen: „Diesmal wähle ich!“


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“EUFlag”by iwishmynamewasmarsha is licensed under CC BY-NC 2.0


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