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Impfungen als Menschenrecht?


Einen der entscheidendsten Fortschritte in der Geschichte der Medizin machten die europäischen Mediziner Edward Jenner und Louis Pasteur. Heute, ungefähr 200 Jahre später, gelten Impfungen und der Begriff „Immunisierung“ als sichere Maßnahmen, um diversen Krankheiten vorzubeugen. Doch nicht alle Menschen befürworten Impfungen, viele kritisieren Nebenwirkungen und eventuell auftretende Schäden. Könnte man die Möglichkeit des Impfens auch als Menschenrecht definieren?

Dem britischen Landarzt Edward Jenner gelang durch eine einfache Beobachtung ein Durchbruch: Landarbeiterinnen und Landarbeiter, die sich mit den harmlosen Kuhpocken infiziert hatten, blieben unter der Bezeichnung „Milchmädchen-Mythos“ von den Menschenpocken verschont. Letztere rissen ungefähr ein Drittel der Betroffenen in den Tod und traten immer wieder in Form von großen Epidemien im 19. Jahrhundert auf. Jenner führte 1796 die erste bekannte Impfung beim achtjährigen Jungen James Phipps durch (in der Türkei wurde eher von erfolglosen und kontraproduktiven Impfungen berichtet).

Die Pockenimpfung setzte sich in der gesamten Welt durch. Vor allem Menschen über 50 Jahre tragen noch die „Pockennarbe“ am Oberarm, an dessen Impfstelle eine einzige „Pocke“ entstanden ist, um die Menschen gegen diese Krankheit zu immunisieren. In den 1970ern starb der letzte Mensch an den Pocken – einige Jahre später erklärte die WHO die Welt für pockenfrei. Diese erfolgreiche Ausrottung einer tödlichen Krankheit soll nur als Beispiel für derzeit bestehende Krankheiten dienen.

Impfgegner/Innen – damals und heute

Sogenannte ImpfgegnerInnen gibt es seit der ersten Impfung – persönliche oder erzählte Erlebnisse, in denen die Impfung nicht die Immunisierung, sondern Nebenwirkungen und Schäden auslöste, bewegten Menschen immer wieder dazu, sich gegen Impfungen zu stellen. Dennoch ist das Niveau der heutigen Medizin nicht mit dem vor hundert Jahren vergleichbar. Postvakzinale Erkrankungen sind in den letzten Jahren immer seltener und die Impfungen effizienter geworden.

Die Impf-Debatte wurde in der Steiermark im Januar 2019 stark in den Fokus gerückt, als ein masernkranker Junge im LKH Graz mehrere Babys auf einer Station ansteckte. Diese rasche Infektion zeigt die Gefährdung von ungeschützten Personen in der Gesellschaft. Manche Menschen genießen den „Herdenschutz“ im Kreise von geimpften Personen, manche Menschen gelten als OpportunistInnen und schätzen die Wahrscheinlichkeit, an Masern zu erkranken, als zu gering ein, um sich impfen zu lassen.

Dennoch muss man auf die „Schwachen“ in der Gesellschaft achten, die aufgrund von gesundheitlichen Einschränkungen keine Impfungen empfangen können. Masernimpfungen beispielsweise sind erst ab dem vollendeten 9. Lebensmonat möglich. Neben Babys können auch sehr alte Menschen mit schlechtem Immunsystem keinen Impfschutz empfangen. Genauso können Krebserkrankte oder AIDS-Erkrankte nur vereinzelt geimpft werden; ihr Immunsystem ist für die Aufnahme und Verarbeitung des Impfstoffs zu schwach. Auch erkälteten Menschen wird von einer Impfung strengstens abgeraten, weil das Immunsystem geschwächt ist.

Notwendige Impfungen in der Kindheit und im Erwachsenenalter sind an Aktionstagen (z.B. von Krankenkassen) weitegehend gratis und leicht verfügbar. Nachdem der Impfpass in den nächsten Jahren digitalisiert wird, endet auch das nervige Suchen des gelben Impfpasses. Immer noch werden Impfstoffe erneuert und nach neuen Erkenntnissen verbessert. Die Medizin hat aufgrund der Pocken erkannt, dass mit großer Impfbereitschaft der Menschen Krankheiten ausgerottet werden können.

Impfung nicht nur für mich

Ist es also nicht eine Verantwortung gegenüber geschwächten und kranken Menschen, dass die impffähigen Menschen aus Solidarität eine Impfung empfangen und das Risiko, beispielsweise an Masern zu erkranken, verringern? Der Ansatz einer Impfflicht wäre in Bereichen wie elementaren Bildungseinrichtungen vor allem unter dem Personal von Vorteil. Aber das Wort „Pflicht“ würde für viele, derzeit noch nicht Geimpfte, als Zwang empfunden werden.

Würde man diese Gruppe über die Vorteile (und auch die Nachteile der Impfung und die Nachteile der Krankheit, gegen die man geimpft wird) aufklären und über all die Menschen, die eine Impfung noch nicht, derzeit nicht oder nie mehr empfangen können, informieren, würde man den sozialen und hilfsbereiten Sinn dahinter betonen. Impfungen sind nicht nur für mich selbst, sondern auch für alle in der Gesellschaft.


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