Kenne Deine Rechte

Haben Menschen- und Kinderrechte eine Zukunft?


Im Rahmen der dritten Steirischen Kinderrechtewoche fand am 22.11.2018 im Gemeinderatssitzungssaal des Grazer Rathauses eine öffentliche Podiumsdiskussion statt, die sich mit der Frage „Haben Menschen- und Kinderrechte eine Zukunft?“ beschäftigte.

Angeleitet wurde die Diskussion von Mag.a Angelika Vauti-Scheucher, der Vorsitzenden des Menschenrechtsbeirates Graz. Neben ihr nahmen Wolfgang Benedek, Völker- und Menschenrechtsexperte sowie Gründer des European Training Center for Human Rights and Democracy, Daniela Grabovac, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Denise Schiffrer-Barac, Kinder- und Jugendanwältin, Georg Pickl, Mitglied von Kenne-Deine-Rechte in der Funktion als Kommentator sowie Karl Garnitschnig, Vorsitzender der Janusz-Korcak-Gesellschaft, teil.
In der Eingangsfrage wurde bewusst zwischen Menschen- und Kinderrechten differenziert, als Ausgangspunkt der Diskussion und dem Umstand Rechnung tragend, dass eine solche Unterscheidung nach wie vor sowohl rechtliche als auch gesetzliche Verhältnisse nicht zuletzt auch in Österreich darstellt.

Die Diskussion wurde mit einem Impulsvortrag von Karl Garnitschnig eingeleitet, in welchem er sowohl die Verantwortung jedes und jeder Einzelnen als auch die der Staaten betonte, wenn es um die gelebte Umsetzung von Menschen- und damit eingeschlossen Kinder-, auch aber beispielsweise Behindertenrechten geht. Staaten hätten die Aufgabe, sich aus ihrer „Lethargie der Wirtschaft gegenüber“ zu befreien und dieser die „Möglichkeit zur Barbarei“ zu nehmen. Mit Bezug auf Janusz Korcak wies er auf dessen Arbeit hin, Kindern eine Stimme gegenüber Erwachsenen einzuräumen. Korcak war ein polnischer Pädagoge und Kinderarzt, der 1942 in Treblinka ermordet wurde, weil er freiwillig die ihm in seinem Waisenhaus anvertrauten jüdischen Kinder bei deren Deportation begleitete. Garnitschnig endete seinen Vortrag mit einer Erinnerung an die Verantwortung eines jeden Menschen, am eigenen Verhalten die Einhaltung universeller Rechte zu prüfen.

Im Anschluss an seinen Vortrag entspann sich eine Debatte unter den Podiumsgästen. Wolfgang Benedek betonte wie Garnitschnig die Unteilbarkeit der Menschenwürde und dass Rechte täglich neu „affirmiert, erarbeitet, erstritten“ werden müssen. Die Entwicklung dieser Rechte sieht Benedek weltweit betrachtet rückläufig, wenngleich es lokal Unterschiede gibt; am Beispiel Graz sei dies etwa am breit aufgestellten Podium zu sehen, mit Vertretern und Vertreterinnen der Antidiskriminierungsstelle, der Kinder- und Jugendanwaltschaft etc.

Er verwies auf historische Entwicklungen wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948, eine anfangs noch unverbindliche Empfehlung, der in den nächsten Jahrzehnten verbindliche Konventionen folgen sollten, etwa die UN-Kinderrechtekonvention 1989. Ungefähr zehn Konventionen der Vereinten Nationen spannen Verbindlichkeiten zur Einhaltung der Menschenrechte weltweit. Die Realität, vor allem in Bezug auf die alltägliche Umsetzung, sei aber noch eine andere, meinte Benedek.

In Bezug auf Graz verwies er auf Altbürgermeister Stingl, auf dessen Initiative Graz 2001 offiziell zur „Menschenrechtsstadt“ erklärt worden war. Praktisch hieße das unter anderem, dass der Gemeinderat bemüht sei, jedem Bürger und jeder Bürgerin über deren Rechte Bescheid zu geben. Bezogen auf Kinder sei hier bspw. Aufklärungsarbeit an Schulen gefragt.

Denise Schiffrer-Barac von der Kinder- und Jugendanwaltschaft erinnerte an die drei Säulen der Kinderrechtekonvention und auf lokale, nationale Unterschiede im Umgang mit Kindern. Beispielsweise sei es in Frankreich nach wie vor durchaus üblich, körperliche Züchtigung als angemessene Strafe zu betrachten. Weiters verwies Schiffer-Barac auf die Notwendigkeit, Kinder über ihre Rechte aufzuklären; auch sei es aber wichtig, den Unterschied zwischen Rechte haben und Recht haben – im juristischen Sinne – aufzuzeigen.

Daniela Grabovac von der Antidiskriminierungsstelle beleuchtete das Problem, dass Kinder selbst sich kaum an ebendiese Stelle wendeten, dass das Einholen von Beratung unter Kindern weniger vertreten sei als bei Erwachsenen und wenn dann diese mit Problemen zu ihr kämen. Als Beispiel nannte sie, dass bei Nachbarschaftsstreitigkeiten oftmals Kinder statt der Eltern von Nachbarn beleidigt würden. Eltern bekämen so etwas oft erst spät mit – dies spiegelt sich auch in Schulen wider, wo vielfältigste Arten von Diskriminierung stattfänden. Grabovac endete mit der Besinnung darauf, dass wir alle einmal Kinder waren und dies nicht vergessen sollten.

Im weiteren Verlauf wurden noch Themen wie die Flüchtlingsproblematik mit Hinblick auf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufgegriffen sowie gen Schluss eine neuerliche Fokussierung auf schulische Kontexte, angesprochen von Georg Pickl, der am Beispiel der Ausbildung von Lehrpersonal die Begriffe Resilienz und Empathie in die Diskussion einbrachte. Wie sehr muss ein Lehrer/eine Lehrerin Resilienzfertigkeit aufweisen können, wenn der Wechsel der Rolle von Lehr- zu Privatperson zuhause erfolgt? Wie sehr muss, sollte und kann man in Bezug auf die eigene psychische Stabilität die Empathie den Kindern gegenüber an- und/oder ausschalten?

Die 90-minütige Podiumsdiskussion endete mit persönlichen Schlussstatements aller Beteiligten, ganz zuletzt mit Pickls Aufruf zu – wieder vermehrter – Diskussionskultur und einem „Anschalten des Empathie-Knopfes“. In Bezug auf die Eingangsfrage herrschte am Podium Einigkeit, dass die Universalität und Unveräußerlichkeit der Menschenrechte Kinder selbstverständlich einschließt, diese aber noch größeren Schutz benötigen und daher die Kinderrechte besondere Achtung brauchen.

Links

Steirische Kinderrechtewoche

Antidiskriminierungsstelle Steiermark

Kinder- und Jugendanwaltschaft Steiermark

Janusz Korczak Gesellschaft

ETC Graz

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