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Not your toy! – Proudly presenting the Winner of the Eurovision Song Contest 2018


Der Eurovision Songcontest ist das weltweite Hochfest der Musik und vereint über 43 Nationen mit deren Komponistinnen und Komponisten, Sängerinnen und Sängern. Über 200 Millionen Menschen weltweit verfolgen den Wettbewerb, der schon lange nicht mehr nur Länder Europas umfasst. Länder wie Israel, Aserbaidschan und seit drei Jahren auch Australien senden jedes Jahr ihre Musikerinnen und Musiker in die Hauptstadt jenes Landes, das im Vorjahr gewonnen hat. Ein Essay über die diesjährige Gewinnerin aus Israel.

Wenn Netta Barzilai auf der Bühne des Eurovision Songcontest in Lissabon steht, beginnt sie nicht, ihr Lied zu einer Melodie im Background zu singen. Sie stellt sich vor ein Mischpult und beginnt, akustisch interessante Geräusche zu machen und dann zu loopen, was sich zuerst einfallsreich, aber auch etwas komisch anhört. Danach folgen gackernde Geräusche, während sie ein Huhn mit ihren Armen imitiert. Schon bald stellt sich heraus, dass sie damit eine viel bedeutendere Message als erwartet übermitteln will.

„Look at me, I’m a beautiful creature“, beginnt Netta zu singen. Auf der Bühne befinden sich bunt gekleidete Tänzerinnen, die zwar das gleiche Outfit tragen, aber auf ihre eigene Art und Weise anders aussehen und tanzen. Netta selbst trägt schrille, pinke Farben, ihre dunklen Haare in zwei Buns gebunden. Mit auffälligem Makeup und ihrem besonderen Blick in das Publikum reißt sie alle Augen auf sich. Im Hintergrund schwenken dutzende Winkekatzen die Pfoten im Takt – ein enorm besonderes Bühnenbild wird den Zuschauerinnen und Zuschauern geboten.

„Sieh‘ mich an, ich bin ein wunderschönes Wesen“, auf Zeilen wie diese folgen im ersten Teil aussagekräftige Statements wie: „I don’t care about your modern-time preachers /
Welcome boys, too much noise, I will teach you (…) / I think you forgot how to play“. Auf die Attitüde des angesprochenen Mannes/der Männer reagieren, wie im weiteren Text erkennbar, selbst die Stofftiere der Sängerin erschrocken – doch was möchte Netta damit ausdrücken?

Nach etwas Interpretation und Nachdenkzeit erkennt man, dass das Lied von der derzeit viel diskutieren #MeToo-Debatte handelt. Netta erklärt selbst, dass sie mit diesem Lied jene Männer anspricht, die Frauen wie ein Spielzeug behandeln. Die erste Zeile im Refrain beginnt mit „I’m not your toy, you stupid boy!“ Einfacher Text, kurz, prägnant und treffend – sie selbst wird wohl auch oft in eine Schublade geschoben, abgewertet oder mit den Vorurteilen der Gesellschaft konfrontiert. Sie richtet die Message an all jene, die sie als Frau abwerten und sich das Recht nehmen, sie wie einen Gegenstand zu behandeln.

Mit einigen kindlich-klingenden Zeilen im Lied („My teddybear is running away“) stellt Netta auch die jungen Frauen und alle Mädchen in den Mittelpunkt, die in Zukunft von diesem Problem betroffen sein könnten, wenn die Zahlen sexueller Missbräuche oder Diskriminierungen nicht zurückgehen werden.

Der Text mischt sich mit elektropop-asiatischer Musik im Hintergrund, Netta bringt die gesamte Halle in Lissabon zum Tanzen, am Ende des Liedes kann jeder mitsingen. Mittendrin wird ihre Stimme wieder ruhig: „Wonder woman, don’t you ever forget / You’re divine and he’s about to regret“, bevor sie wieder mit dem Gackern beginnt. Auch für diese besondere Einlage ist eine Erklärung von Netta vorhanden. Sie ahme damit die „chickens“, also die „Feiglinge“ nach, die dieses aktuelle Problem nicht einsehen wollen und ignorieren. „He’s about to regret“ – er wird es bereuen, dich schlecht behandelt zu haben.

Als die Entscheidung über den Sieg fällt und Israel wegen des Publikumsvotings mit 529 Punkten auf den ersten Platz rückt, hält sich Netta die Hände vors Gesicht. Sie kann ihre Freude nicht in Worte fassen und beendet ihre kurze Rede mit „I’m so happy!“ Später fügt sie noch hinzu: „Keep that going, do good to others, be good to yourselves, that’s about it, let’s party!“ Die Gewinnerin darf ihr Lied als Abschluss des Abends erneut singen. Die Freude steht ihr ins Gesicht geschrieben, goldenes Konfetti fällt auf die Bühne, auf der Netta alle in der Halle zum Tanzen und Mitsingen auffordert und ihren Pokal in die Höhe hält. Trotz der schwierigen Situation in ihrem Heimatland trägt Netta Stolz und eine positive, von vielen Menschen bestätigte Nachricht in ihre Heimat. Vielleicht kann Netta nicht nur den Titel nach Israel tragen, sondern die Welt ein bisschen zum Guten wenden und betroffene Frauen ermutigen.

 

Foto (adaptiert auf Startseite und als Artikelbild): © Wouter van Vliet, EuroVisionary, under the Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License


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