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“Man fühlt sich schnell unangenehm beobachtet” – Der Blinden- und Sehbehindertenverband im Gespräch


318.000 Personen, das sind 3,9 Prozent der österreichischen Bevölkerung (Statistik Austria, 2007), leiden in Österreich an einer dauerhaften Sehbeeinträchtigung. Mit einer Brille oder Kontaktlinsen kann eine solche nicht ausgeglichen werden. Ende letzten Jahres wurde der Blinden- und Sehbehindertenverband Steiermark “für die jahrzehntelange Unterstützung von blinden und sehbehinderten Menschen” mit dem Grazer Menschenrechtspreis ausgezeichnet. Wir von Kenne deine Rechte waren vor Ort und hatten die Möglichkeit zu einem Gespräch mit Obmann Johann Kohlbacher.

Welche Ziele verfolgt der Blinden- und Sehbehindertenverband Steiermark?

Johann Kohlbacher: Im Allgemeinen können blinde und sehbehinderte Menschen ein selbstbestimmtes Leben führen. Die Voraussetzung dafür ist aber, dass das materielle Umfeld abgesichert ist und da geben wir die Hilfestellung.

Wir haben eine Sozial- und Rechtsberatung, die den Leuten beispielsweise in Sachen Pflegegeld und beim Erwerb eines Behindertenpasses zur Verfügung steht. Wir helfen auch dabei, die Leistungen des steirischen Behindertengesetzes zu nutzen, durch die man ein persönliches Budget oder Freizeitassistenz bekommen kann. Ein großes Standbein ist auch die Beratung zu Hilfsmitteln, die unsere Sehbehinderung ausgleichen, denn durch die Entwicklung der Technik gibt es heute komplette Arbeitsplatzausstattungen für Blinde. Da die Geräte sehr teuer sind, besteht die Möglichkeit einer finanziellen Unterstützung durch die Kostenträger – im Falle einer Ablehnung schreiben wir Berufungen oder geben den Angehörigen Anleitungen.

Seit wann sind Sie aktiv?

Kohlbacher: 1921 haben sich die ersten Blinden zusammengeschlossen, um durch das Betreiben einer Werkstätte und den Erlös daraus ihr Leben finanzieren zu können und so in die Eigenständigkeit und Selbstbestimmtheit zu gelangen. Mitte der 50er Jahre wurde von unseren Vorgängern die Blindenbeihilfe für die Zivilblinden erkämpft – bis dahin hat sich der Staat nur für die Kriegsblinden verantwortlich gefühlt. Die Zivilblinden waren entweder im Odilieninstitut in den Werkstätten beschäftigt oder haben sich durch Bettelei am Leben gehalten. Unsere Vorgänger haben im Landtagsitzungssaal einen Hungerstreik angedroht, woraufhin die Medien auf die Lage aufmerksam geworden sind. Schließlich hat die Landesregierung das Pflegegeld eingeführt. Später wurde es im österreichweit einheitlichen Pflegegeldgesetz festgehalten und steht heute allen Betroffenen zu, bei denen das Sehvermögen dementsprechend eingeschränkt ist.

Wo findet man Sie in Graz?

Kohlbacher: Die Beratungen finden in unserer Verbandszentrale statt. In der Augasse haben wir auch Werkstätten mit 12-14 unterschiedlichen Betroffenen, die entweder in der Weberei oder Bürstenmacherei arbeiten. Wir haben auch Gehörlose und Leute mit Lernschwächen dabei und, was ganz toll ist, verschiedene Nationen. Die Gemeinschaft ist dabei ganz wichtig.

Wir organisieren Treffen in den Bezirken, zu denen wir Leute, die eigentlich wegen ihrer Sehschwäche lieber zu Hause bleiben, einladen und ermutigen, sich zu kennzeichnen. In Graz gehören Rollstuhlfahrer oder Blinde zur Tagesordnung aber in den Bezirksstädten fühlt man sich schnell unangenehm beobachtet. Deswegen braucht es einen Anstoß, zum Beispiel einen Sehstock zu verwenden.

Gratulation zu Ihrer Auszeichnung. Erachten Sie den Grazer Menschenrechtspreis als eine wichtige Anerkennung?

Kohlbacher: Ja, ganz wichtig. Unsere Arbeit ist für uns selbstverständlich aber wir leiden leider an Unbekanntheit. Wir werden einfach nicht wahrgenommen. Blindsein – und das soll nicht falsch verstanden werden – verbindet man automatisch mit dem Odilieninstitut, das schon seit 130 Jahren als Schule und Ausbildungsstätte bekannt ist. Der Preis ermöglicht uns, dass wir aus der Unbekanntheit herausgehoben und wirklich wahrgenommen werden. Natürlich wollen wir nur das Beste für unsere Leute, umso wichtiger ist es, dass diese wissen, dass sie bei uns Hilfe bekommen.

Wie können unsere LeserInnen den Blinden- und Sehbehindertenverband unterstützen?

Kohlbacher: Die Zuwendungen aus öffentlicher Hand sind eher bescheiden – vom Land Steiermark haben wir voriges Jahr überhaupt keine Subventionen bekommen. Wir sind daher zu 90 Prozent auf Spenden angewiesen, die genauen Informationen gibt es auf unserer Homepage.

Sehen Sie die Auszeichnung auch als Ansporn für zukünftige Projekte?

Kohlbacher: Selbstverständlich. Wir sehen, dass wir nicht nur im Verborgenen agieren. Zudem arbeiten wir Funktionäre alle ehrenamtlich. Es gibt immer mehr Organisationen, die sich teure Geschäftsführer leisten, aber die Ehrenamtlichkeit ist für uns das oberste Prinzip. Umso mehr freut und bestärkt uns diese Anerkennung.

 

Wir bedanken uns sehr herzlich für das Gespräch!

Mehr Informationen zu aktuellen Projekten, Spenden und Leistungen findet ihr hier.


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