Kenne Deine Rechte

Sicherheit statt Freiheit?


Wir fühlen uns immer unsicherer. Terror, Klimawandel, Arbeitslosigkeit, Abstiegsängste, Globalisierung, Rechtsruck, Migration: Von diesen Themen wird die Medienlandschaft zurzeit dominiert und das trägt zu dem allgemeinen Unbehagen, das momentan zu herrschen scheint, bei. Um der gefühlten Unsicherheit entgegenzuwirken, wird mehr Sicherheit, mehr Polizei, mehr Militär, mehr Überwachung gefordert. Doch ist das tatsächlich die Lösung unserer Probleme? Viele warnen davor, dass dieser Wunsch nach Kontrolle und Sicherheit als Rechtfertigung für die Einschränkung von Grundfreiheiten missbraucht werden könnte und somit unsere demokratischen Werte und Ideale aushöhlt.

Simon Maierhofer mit Clemens Bechtel

Clemens Bechtels Stück „Sicherheit statt Freiheit? Graz und die Menschenrechte 2“ beschäftigt sich zwar nicht direkt mit diesen Themen, aber sein audiovisuelles Rechercheprojekt kann durchaus auch metaphorisch verstanden werden. Im Rahmen einer dreiteiligen Reihe zum Thema „Graz und die Menschenrechte“ setzt er sich mit den Eindrücken und Gefühlen, Gedanken und Hoffnungen von Insassen und Angestellten zweier Grazer Gefängnisse auseinander. Bechtel versteht die Arbeit am Stück vor allem auch als eine journalistische, wie er mir in einem Interview erklärt, da er auf Gespräche mit Gefangenen und Bediensteten zurückgreift und diese die Grundlage für das Projekt darstellen. Er und sein Ensemble haben dann aus dem Gesagten heraus eine dramatische Inszenierung entwickelt. Das Ergebnis ist eine Collage zum Thema „Menschenrechte“, die den Verlust von Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung und die daraus resultierende Hilflosigkeit und Verzweiflung thematisiert. Anfangs war die Idee aber eine ganz andere, wie Regisseur Bechtel erzählt:

„Ursprünglich gab es erst den Titel und dann das Thema. Ursprünglich war tatsächlich der Gedanke, ein Stück über Überwachung zu machen. […] Für mich war das sehr viel schwieriger greifbar, theatral, weil Theater dann doch immer mit Menschen zu tun hat und dieser Begriff “Freiheit” in so einer Situation wie im Gefangenenhaus nochmal eine ganz andere Rolle spielt, als wenn ich ihn abstrakt denke.“

Als Theatermensch versteht er, dass Kunst – im Idealfall – Abstraktes konkret macht, indem schwer fassbare Themen, Ideen und Emotionen persönlich, menschlich und subjektiv behandelt werden. Oder wie es James Joyce in Bezug auf seine Literatur ausdrückte: „In the particular is contained the universal.“ Er wäre nicht der erste, der die stark beengte, eingeschränkte Existenz eines Gefangenen universell als Schicksal des Menschen darstellt – man denke nur an Robert Bressons Filmklassiker „Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen“. Trotzdem betont er, dass es nicht seine Absicht war, aus seinem Gefangenenstück eine Allegorie zu machen:

[Ich habe mich entschieden,] „ganz konkret Gefangenschaft oder Gefangene, die Situation in Gefangenenhäusern zu thematisieren, ob das dann als Symbol wahrgenommen wird oder als Metapher wahrgenommen wird für Gesellschaft, das mag durchaus sein, aber mir geht es ganz konkret um diese Situation der Inhaftierten und auch um die Situation der Menschen, die im Gefangenenhaus arbeiten, und nicht so sehr um das Gefängnis als Metapher für einen allgemeinen Daseinszustand.”

Die Art der Inszenierung lässt in der Tat dem Publikum genug Interpretationsspielraum. Vom Schauspielhaus aus fährt man mit einem Bus, vorbei an der Justizanstalt Karlau, zum Schaumbad, einem kleinen Veranstaltungsort gegenüber einer stillgelegten Industrieanlage. Während der Fahrt sind über Kopfhörer bereits die ersten Interviews und ein längerer Auszug aus Michel Foucaults Klassiker der postmodernen Philosophie „Überwachen und Strafen“ zu hören. Diese Textstelle bildet das thematische Fundament des Stücks. Mit ruhiger Stimme liest ein Schauspieler die nüchterne, literarisch-detaillierte Schilderung der Hinrichtung eines Mörders vor einigen hundert Jahren. Nach einer langen, brutalen Tortur ist der Körper des vermeintlichen Verbrechers verschwunden, nur noch Asche bleibt zurück. Die Zeiten, in denen das Verständnis von Justiz und Gerechtigkeit solche Methoden legitimierte, sind vorbei, auch wenn die versuchte Vierteilung des Gefangenen in der vorgelesenen Passage an Exekutionen in den USA erinnert, die mehrmals aufgrund von fehlerhafter Planung und Durchführung scheiterten. Der heutige Strafvollzug hinterlässt bei den Insassen eher seelische als körperliche Narben, und genau das zeigt sich in Bechtels Stück.

Die Zuschauer sind Teil der Inszenierung, sitzen auf unbequemen Hockern – Brecht lässt grüßen – in kleinen, gedachten „Zellen“, von Rohren und transparenten Vorhängen begrenzt. Zwischen diesen sind Gänge, die von einer einschüchternden Gestalt begangen werden – ein halbnackter, stummer und fast schon animalisch wirkender Mann, der sich im Laufe des Stückes mit Bandagen einwickelt, bis fast sein ganzer Körper bedeckt ist. Inmitten des Gestänges, das die Bühne bildet, bewegen sich die anderen Schauspieler, drei, die den Insassen eine Stimme verleihen, zwei, die das gleiche für die Angestellten tun. Die beste und eindrucksvollste Szene des Stücks ist auch die letzte: Das Publikum wird aus dem Theater hinausgeführt und blickt auf das hinter einem Zaun liegende Fabriksgelände, wo die Schauspieler, die die Gefangen porträtieren, ziellos in der entmenschlichten Leere umherirren. Orientierungslos, hilflos, hoffnungslos – das ist das triste Bild, mit dem die ungewöhnliche Inszenierung endet. Den ZuschauerInnen wird dabei klar: Auch nach der Haftentlassung sind die Insassen nicht wirklich frei, sie bleiben Gefangene ihrer eigenen Vergangenheit.


Das Kenne deine Rechte-Team bedankt sich recht herzlich für das Interview und die Einladung zur Hauptprobe!

“Sicherheit statt Freiheit? Graz und die Menschenrechte 2”: Premiere am Donnerstag, 1.6., 19:00 Uhr, weitere Vorstellungen am 2., 3., 6., 7., 8. und 9. Juni, jeweils 19:00 Uhr, Treffpunkt Foyer Schauspielhaus, anschließend Busfahrt zum Spielort SCHAUMBAD.

Fotos (inkl. Titelbild und Vorschaubild auf der Startseite, außer Maierhofer und Bechtel):

(c) Lupi Spuma


 


Das könnte dich auch interessieren