Kenne Deine Rechte

Die ewige Debatte: Pro Life/Pro Choice


„You may call it a choice, but it’s still murder!”, liest man auf den Transparenten von GegnerInnen der Abtreibung. Viele demonstrieren auch in diesem Jahr gemeinsam mit ihren Kindern für das gesetzliche Verbot eines Schwangerschaftsabbruchs, vielleicht auch deswegen, weil sie sich selbst bewusst gegen eine Abtreibung entschieden haben. Es ist ihre Meinung, ihre eigene Einstellung, die jedem Menschen nach den Menschenrechten zusteht und die ich auch respektiere. Aber schränke ich nicht bei meinem Statement „Pro-Life“ andere Menschen ein, deren Geschichte und Beweggründe ich gar nicht kenne?

Ich habe das Bedürfnis, mich bei einem Diskussionsthema immer in beide Sichtweisen hineinzuversetzen. Es ist engstirnig, nur die eigene Meinung als richtig gelten zu lassen und alles andere als falsch zu erklären. Aber hier stoße ich auf ein Thema, das mir keine Möglichkeit bietet, mich in die Lage einer schwangeren Frau und einer aussichtslosen Situation hineinzuversetzen. Ich verfolge des Öfteren Debatten über Pro-Life/Pro-Choice auf Facebook, die nie enden. Eigentlich stelle ich mir hier die Frage, wer nun wirklich Recht hat, oder ob es hier je eine einzige Antwort geben kann, mit der sich alle zufriedengeben.

Für Pro-Life-AnhängerInnen stellt sich anfangs gar keine Frage, denn genauso wie Pro-Choice-AnhängerInnen versuchen sie, die andere Sichtweise in das schlechteste Licht zu rücken. Doch wer ist wirklich für Pro-Life? Der Soziologe Ziad Munson hat verschiedene Charakteristika der Aktivistinnen und Aktivisten in den Vereinigten Staaten erforscht und veröffentlicht. Hier zeigt das Ergebnis, dass 93% der Pro-Life-AktivistInnen weiß, 57% weiblich sind und 71% einen akademischen Grad besitzen. Ein ausschlaggebendes Motiv ist vielleicht, dass 66% christlich sind („The making of pro-life activists“, University of Chicago Press, 2008). Die Kirche gilt hier allgemein als Verurteilerin der Abtreibung.

Wie es gesetzlich aussieht

Weg von den religiösen Aspekten und auf die gesetzliche Ebene. Für jede Frau in Österreich besteht die Möglichkeit, bis zum dritten Schwangerschaftsmonat abzutreiben. Dennoch ist diese Möglichkeit in einigen Regionen aufgrund fehlender Verfügbarkeit von ÄrztInnen eingeschränkt und Schwangere sind auf eine Privatklinik angewiesen. Oft bleibt Schwangeren aufgrund der Fristenlösung nur wenig Zeit, sich für oder gegen das Kind zu entscheiden. Will man nun abtreiben, so zählen zu den häufigsten Beweggründen bestehende Risiken oder das Fehlen von finanziellen Mitteln und Unterstützung. Auch eine durch Vergewaltigung verursachte Schwangerschaft ist ein entscheidender Grund und hier könnte Abtreibung Teil einer „Therapie“ sein, um ein schreckliches Erlebnis aufzuarbeiten und abzuschließen.

Als Lösung bleibt hier vielen also nur ein Schwangerschaftsabbruch, um dem Kind ein Leben voller Einschränkungen, eine sehr schwere Behinderung oder das Aufwachsen in einem Kinderheim zu ersparen. Menschen, die sich gegen Abtreibung aussprechen, sehen gerne über diese Faktoren hinweg, werfen alle Schwangeren in einen Topf, drehen den Spieß um und verurteilen abtreibende Frauen als Mörderinnen.

Einige dieser als „Mörderinnen“ bezeichneten Frauen erleben ein Gefühl des Versagens. Sie erkennen, dass sie nicht bereit wären, ein Kind großzuziehen. Frauen, die vergewaltigt wurden, sehnen sich oft danach, dass sich ihr Leben nicht durch ein Ereignis geändert hätte und sie in einer normalen Beziehung eine Familie gründen könnten, ohne, dass sie täglich durch das Kind an einen Vorfall erinnert werden, den sie nie vollständig verkraften oder überhaupt verstehen werden.

Die Entscheidung, ob man nun ein Kind abtreibt, ist keine einfache, die man innerhalb kürzester Zeit treffen kann – und das, obwohl man nur drei Monate Zeit hat, noch kürzer, wenn man noch nicht von der bestehenden Schwangerschaft wusste. Es ist auch keine Entscheidung, die man von außen als richtig oder falsch bezeichnen darf. Selbst, wenn ich mich aufgrund meiner ethnischen oder religiösen Motive gegen Abtreibungen ausspräche, würde ich nicht wollen, dass ich anderen Frauen in vermeintlich schwierigeren Situationen das Recht auf ihre eigene Entscheidung nehme. Kein Mensch, auch keine Mutter von mehreren Kindern, kann sich in jede einzelne, auf die eigene Art und Weise komplizierte Situation hineinversetzen. Und jene, die sich selbst in einer aussichtslosen Situation befinden, werden wohl oder übel eine Entscheidung treffen müssen, die, egal wie sie ausfällt, Konsequenzen nach sich zieht. Im 21. Jahrhundert sollte man jeder Frau das Recht lassen, für sich selbst zu entscheiden, und genau diesen Respekt fordere ich auch von Pro-Life-AktivistInnen.


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