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Bildung in und über Israel – Palästina


Über den Israel-Palästina Konflikt zu schreiben fühlt sich für mich vollkommen anders an, als über die meisten anderen Probleme in der heutigen Welt zu schreiben. Kein anderer noch immer andauernder Konflikt hat so lange gebrodelt, hat auf beiden Seiten so viel Leid gekostet und scheint so unlösbar.

Ein wichtiger Aspekt in jedem Versuch, den Konflikt sinnvoll anzugehen, ist der Versuch zu verstehen, was die Menschen darüber denken. Es wird unmöglich sein, Frieden zu schaffen, geschweige denn in Frieden nebeneinander zu leben, wenn die Vorstellungen voneinander voller Hass und Misstrauen sind.

Um zu verstehen, was die Menschen denken, ist es naheliegend sich anzuschauen, was in der Schule unterrichtet wird. Das ist der grundlegende Ansatz um herauszufinden, was der Durchschnitt der arabischen Bevölkerung vom Durchschnitt der israelischen Bevölkerung hält und umgekehrt.

Neutrale Beweise sind in diesem Konflikt leider sehr schwer zu finden und so gibt es mehrere Ebenen und mehrere Perspektiven der “Fakten”. Für die explizite Frage, was die beiden Seiten übereinander in den Schulen unterrichten, waren die Studien von Drittparteien aufschlussreich – allerdings gab es auch hier bedeutende Abweichungen. [Siehe Infobox] Während die Recherchen zu Schulbüchern einen Aspekt hervorgehoben haben, würden die Interviews, die ich geführt habe, andere Schlüsse zulassen.

Auf der palästinensischen Seite haben mir Schüler/innen und Lehrer/innen aus verschiedenen Schulen versichert, dass im Moment nur historische Fakten unterrichtet werden. Zum Beispiel, wann die Balfour- Deklaration unterzeichnet wurde oder wann der Sechs-Tage Krieg stattgefunden hat – sogar über die Intifada werden angeblich nur Fakten gelernt.

Diese Aussage unterscheidet sich deutlich von den Ergebnissen der Studien über die Schulbücher. Laut Lehrer/innen, die ich interviewt habe, ist das so, weil die Fatah, welche angeblich nur eine Marionette Israels ist, den Lehrplan beglaubigen muss.

Was die Schüler/innen über das Thema lernen, ist daher abhängig von ihren Lehrer/innen. Zweifelsohne gibt es viele Lehrer/innen, welche Israelis als Kriminelle und schlimmeres beschimpfen. Einige dieser Lehrer/innen waren in israelischen Gefängnissen, was nicht besonders verwunderlich ist, da “fast jeder Palästinenser einen Angehörigen hat, der hinter Gittern ist – oder selbst dort war”.[1] Diese Personen berichten, dass die Gefängniserfahrung sie veränderte und sie verbittert gegenüber den Juden machte.

Allerdings reden die allermeisten Lehrer/innen nur in sehr abstrakten Begriffen über den Konflikt, weil sie besorgt sind, aufgrund Ihrer Meinungen von den (palästinensischen) Behörden “auf ein Gespräch eingeladen zu werden”. Die Fatah handelt so, da sie fürchten, dass ihnen ihre Steuereinnahmen, welche von den Israelis kontrolliert werden, nicht ausgezahlt werden. In der Vergangenheit ist das bereits geschehen und das bedeutete unter anderem auch, dass Lehrer/innen nicht bezahlt wurden – inklusive jener Lehrer/innen, mit denen ich diese Interviews führte.

Auf der israelischen Seite muss man drastisch unterscheiden zwischen staatlich-säkularen und staatlich-religiösen Schulen. Letztere sind der Ort, wo die meisten Probleme des Konflikts auf der Israelischen Seite ihren Ursprung haben. Lehrer/innen und Schulbücher auf dieser Seite äußern Meinungen in die Richtung: “Das ist unser Land, weil es das versprochene Land aus der Bibel ist, und wenn die Araber deswegen leiden, ist das ihr Problem”.

Der Religionsunterricht in den säkular-staatlichen Schulen allerdings hat keinen Bezug auf die Palästinenser, da die Bibel nur als historisches Dokument aufgefasst wird und nicht als göttliche Offenbarung. Lehrer/innen werden Fragen, die in Bezug zum Konflikt oder zu den Siedlungen stehen, ansprechen, zum Beispiel wo Siedlungen in biblischen Orten heute existieren, aber der Zusammenhang zwischen der Bibel und dem derzeitigen Konflikt kommt nicht im Lehrplan vor. Allerdings sind die staatlichen Schulen auch nicht ohne ihre besonderen Probleme.

Was im Unterricht sehr genau besprochen wird, sind der Holocaust und der Zionismus – zwei fundamental jüdische Themen. In gewisser Weise jüdisch werden auch die Geschehnisse von 1948  (die Gründung des israelischen Staates) behandelt, was zu einem einseitigen, unkritischen Narrativ führt. In manchen Schulen hört der Geschichtsunterricht mit dem Yom Kippur Krieg 1973 auf.

Was die meisten Palästinenser/innen schocken würde, und was aufzeigt wie unzulänglich mit dem Thema auf israelischer Seite umgegangen wird, ist, dass es laut manchen Schüler/innen bereits bedeutet, eine “extreme politische Einstellung” zu haben, wenn das Wort kibush (hebr. Besatzung) auch nur in den Mund genommen wird. Man lernt in den Schulen ausschließlich, dass Israel das Westjordanland im  Krieg von 1967 erworben hat und es nun aus Sicherheitsgründen kontrolliert.

Was mich besonders bestürzt hat, ist, dass mir Schüler/innen auf beiden Seiten mitgeteilt haben, dass sie generell sehr wenig über den Konflikt lernen. Die Lehrer/innen, mit denen ich gesprochen habe, haben mir auch gesagt, wie schwierig es ist, über den Konflikt zu sprechen – vor allem konstruktiv. Palästinensische Lehrer/innen erwähnen, dass es beinahe unmöglich ist, die Schüler/innen aufzufordern die Vorgehensweise der Israelis nachzuvollziehen, wenn vor ein paar Wochen ein/e Schulkamerade/in von einem Soldaten erschossen worden ist. In Israel hatte ein Lehrer einen unliebsamen Kontakt mit den Behörden, weil er “extreme linke” Ansichten geäußert hat. Außerdem machen es die Terrormeldungen, welche praktisch die gesamte Berichterstattung über Palästina füllen, schwer, Mitgefühl aufzubauen.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass die Bildung in und über Israel-Palästina zu der Feindseligkeit der beiden Seiten beiträgt und nicht hilft, den Konflikt zu lösen, sondern ihn, wenn überhaupt, noch festgefahrener macht. Insgesamt hängt es vom Lehrer/von der Lehrerin ab, ob der Konflikt auf einer der beiden Seiten erwähnt wird und natürlich auch, wie er erwähnt wird. Leider ist es gängige Praxis, das Thema so wenig wie möglich anzusprechen – auf beiden Seiten.

Wenn dieser Konflikt aber jemals gelöst werden soll und wir schlussendlich Frieden und Vertrauen zwischen Juden und Arabern sehen wollen, müssen wir jetzt beginnen darüber zu reden!

 


Infobox

  • In der Balfour Declaration hat die britische Regierung den Juden ihre Unterstützung bei der Errichtung eines Jüdischen Staates ausgedrückt.
  • Der Sechs-Tage Krieg fand 1967 statt und bedeutete die Übernahme des Westjordanlandes, welches bis dahin von Jordanien kontrolliert wurde, durch Israel sowie andere militärische Erfolge für Israel.
  • Eine Intifada ist die Bezeichnung für einen teilweise gewalttätigen Aufstand weiter Teile der arabischen Bevölkerung gegen die israelische Besatzung.

Ein Teil der Studien hat ergeben, dass die Schulbücher in überwiegendem Maße negativ sind, und zwar zu 49% in säkularen staatlichen Schulen bzw. 73% in religiösen staatlichen Schulen in Israel und zu 84% in Schulen in Palästina. Eine andere Studie hat allerdings ergeben, dass die Schulbücher zwar (innerhalb ihrer Narrative) “faktisch” akkurat sind, aber sich gegenseitig in negativer und feindlicher Weise beschreiben. Desweiteren wird in vielen Schulbüchern die andere Seite ignoriert oder nach kartographischen Standards nicht adäquat dargestellt.


Hinweis: Den Artikel gibt es auch auf Englisch und in noch umfangreicherer Form auf Jakobs Blog.


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