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Murkraftwerk: Zwischen zivilem Ungehorsam und „wurscht“


„Es gibt zwei Gruppen von GrazerInnen: jene, die sich maßlos über das Murkraftwerk aufregen und jene, denen das Kraftwerk ‚wurscht’ ist.“ Diese Aussage stammt aus einer Diskussion rund um die Grazer Gemeinderatswahl und versucht, die Situation in Graz zusammenzufassen.

Nicht mehr so ‚wurscht’ ist das Thema allerdings, seit einen Tag nach der geschlagenen Gemeinderatswahl die ersten Bagger am Murufer damit begannen, Rodungen durchzuführen. Der Politik wird oft vorgeworfen, nur zu reden und nicht zu handeln. Das gut getimte Handeln in diesem Fall hinterlässt allerdings einen üblen Beigeschmack.

Ein mögliches Murkraftwerk wird von der Politik und vor allem der Energie Steiermark schon seit Jahren diskutiert. Dem erklärten Ziel, auf diese Art und Weise „grünen Strom“ zu produzieren, weht allerdings immer wieder heftiger Wind entgegen und auch in der Stadtpolitik wurde das Thema mehrfach zum Knackpunkt einer Zusammenarbeit, bis daran sogar die Koalition zerbrach und Neuwahlen ausgerufen werden mussten.

Hauptgründe für die Kritik am Projekt sind vor allem die Frage nach der Wirtschaftlichkeit und die Umweltschäden, die dadurch möglicherweise auch längerfristig entstehen könnten.

Graz hat durch seine geografische Lage ein enormes Feinstaubproblem und liegt schon jetzt über den gesetzlichen Grenzwerten, die eigentlich für das gesamte Jahr gelten sollten.

In den Werbebroschüren der Energie Steiermark hat man auf einen Schlag das Gefühl, dieses urbane Problem sei gelöst. Versprochen werden gemütliche Spaziergänge durch das natürliche Grün am Murufer und ein neues Wohlfühlparadies für alle GrazerInnen, die raus aus der dicken Luft wollen.

Doch der Weg dahin scheint noch ein sehr langer.

Denn dafür müssen eben auch vorübergehend Bäume gefällt werden. Seit Anfang Februar hört und sieht man Motorsägen, knackende, umstürzende Bäume und dicke Baumstümpfe, die aus dem Boden ragen. Bald sollen über 8.000 Bäume gefällt worden sein. Wie lange das Murufer benötigt, um sich wieder zu erholen – auch bei Neubepflanzung – ist umstritten.

Jeder tut, was ihm selbst nützt

Ein großes Problem an der ganzen Thematik ist, dass es an objektiver Information der Bevölkerung mangelt. Proteste gegen das Murkraftwerk kündigen sich an und auch direkte Störaktionen der Bauarbeiten – inkl. Erklärvideo, wie man dies am besten macht – werden angezettelt. Der “zivile Ungehorsam” scheint entbrannt. Doch zu Beginn dieser Aktionen war kaum jemandem so richtig klar, welchen Umfang das Murkraftwerk und der dazugehörige Speicherkanal haben werden. Die jeweiligen Seiten veröffentlichen vor allem Informationen, die ihnen selbst helfen. Erst mehrmaliges Nachfragen liefert weitere Erklärungen dazu, wie das Projekt tatsächlich aussieht (siehe dazu z.B. diesen Facebook-Post).

Im Laufe der Zeit zeigte sich, dass einige Gerüchte nicht stimmen und offensichtlich unterschiedliche Planungsstufen veröffentlicht wurden, ohne dabei zu vermerken, dass es davon Aktualisierungen gibt.

Das Projekt „Murkraftwerk“ scheint nun nicht mehr aufzuhalten, nachdem nach über sieben Jahren Diskussion nun das Murufer kahlgeschlagen wurde und hunderte verwaiste Tiere auf die nächste Bauphase warten.

Wirtschaftlich ist das Kraftwerk laut einigen Gutachten nicht. Aber es ist ein Prestigeprojekt, an dem der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl federführend mitarbeitet. Ob es ein genialer Schachzug für die Zukunft oder ein jahrzehntelanger Millionensumpf für Steuergelder wird, kann nur die Zukunft zeigen.

„Ziviler Ungehorsam“ wird wohl dauerhaft nicht zu vernünftigen Lösungen führen, vielleicht aber eine zivilgesellschaftliche Initiative wie „Mur findet Stadt“, die trotz allem auch ein gewisses Potential für die Stadtentwicklung sieht und jede/n dazu einlädt,  seinen/ihren Beitrag zur Mitgestaltung zu leisten.

 


Foto (im Zusammenhang mit diesem Beitrag auch auf der Startseite zu finden): (c) Zeynel Cebeci, licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license


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