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Die Revolution vor den Türen der EU


Ich stehe in meinem Hotelzimmer und genieße das Panorama aus dem zwölften Stockwerk des Hotels Ukraine. Wer hat nicht gerne eine traumhafte Aussicht auf eine fremde Stadt, um das Treiben der umherhastenden Menschen zu beobachten? Doch es ist noch einmal ein besonderes Gefühl, wenn man dabei auf den historischen Maidan in Kiew hinunterblickt.

Warum ist der Platz historisch?

2014. Hier sind Menschen gestorben. Menschen, die für ihr Land und dessen Zukunft gekämpft haben. Menschen, die mit Fahnen, Megaphonen und Transparenten ausgestattet hierher zogen, um gegen ihre korrupte Regierung zu protestieren.

Auslöser dafür war, dass der frühere ukrainische Präsident Wiktor Janukowytsch im letzten Moment das Assoziierungsabkommen zwischen der Ukraine und der Europäischen Union doch nicht unterzeichnete, vermutlich aufgrund von Wladimir Putins Einflussnahme. Vor allem für junge UkrainerInnen war dies ein schwerer Schlag. In den folgenden Tagen, Ende November 2013, zogen deshalb hauptsächlich Studierende auf den Maidan in Kiew, um dort friedlich zu protestieren und zu zeigen, dass sie für ihre politische Zukunft eher die EU und nicht Russland als Vorbild haben.

Oppositionelle Politiker, darunter auch Vitali Klitschko, riefen dazu auf, die Revolution friedlich zu vollziehen. Doch die Stimmung änderte sich schlagartig, als am letzten Novembertag 2013 die polizeiliche Spezialeinheit Berkut um drei Uhr Früh die Besetzung des Maidan gewaltsam auflösen wollte. Über 80 Menschen wurden dabei verletzt und flohen in ein nahegelegenes Kloster, zu dem innerhalb kurzer Zeit Tausende Menschen Lebensmittel, Medizin oder Kleidung brachten und so auch Teil einer großen Revolution wurden.

Am nächsten Tag kehrten die vertriebenen Menschen zurück auf den Maidan und sie wurden immer mehr, der Euromaidan wurde zu einer Massenbewegung.

Sie kehren zurück auf den Maidan

Trotz Versammlungsverbots demonstrieren Anfang Dezember über 500.000 Menschen hier an diesem Ort, auf den ich gerade aus meinem Fenster hinabblicke. Angst hatten sie offensichtlich keine, sie schlugen Zeltlager auf, blockierten Hauptstraßen und entwickelten eine unglaubliche Infrastruktur, die das vorübergehende Leben hier am Platz erleichtern sollte. Zeitgleich organisieren die AktivistInnen Selbstverteidigungseinheiten, um sich mit Holzschildern und Helmen zu wehren.

Über 800.000 Menschen machen diesen „Marsch der Millionen“ zu einer der größten pro-europäischen Demonstrationen überhaupt. Doch immer wieder geht die Spezialeinheit Berkut brutal gegen die DemonstrantInnen vor, selbst bei JournalistInnen und ÄrztInnen machen sie keine Ausnahme. Catherine Ashton, die damalige EU-Vertreterin für Außen- und Sicherheitspolitik, trifft sich mit Janukowytsch und der Opposition in Kiew. Währenddessen versuchen Polizeieinheiten frühmorgens den Euromaidan gewaltsam zu räumen.

Parlament tritt Bürgerrechte mit Füßen – die ersten Toten

Während der Proteste Helme zu tragen wird verboten. Autofahren in Kolonnen wird untersagt. Das Parlament beschließt Gesetze, die die Meinungs- und Versammlungsfreiheit einschränken. Polizisten zwingen einen Demonstranten, sich öffentlich bei Minusgraden zu entkleiden. Der Weißrusse Michail Schyschnewski und Sergeij Nigojan aus Armenien werden von Polizeischüssen oder Granatensplittern getötet.

Der „Prawyj Sektor“ (Rechter Sektor), eine radikale, nationalistische paramilitärische Einheit, will das Parlament, die Werchowna Rada, stürmen. Die Polizei setzt am Maidan Rauchgranaten, Tränengas und Wasserwerfer ein, DemonstrantInnen werden verhaftet. Verletzte AktivistInnen werden teilweise aus dem Krankenhaus entführt und später gefoltert oder ermordet im Wald aufgefunden.

Im Februar eskaliert die Situation am Maidan völlig. Über 80 Menschen werden am Maidan getötet, auf DemonstrantInnen, die am Boden liegen, wird weiter eingeschlagen. Janukowitsch wird zum sofortigen Rücktritt aufgefordert. Aufgrund seines Befehls, auf die DemonstrantInnen zu schießen, wird nach ihm gefahndet. Er flieht nach Russland.

Alles auf Anfang – oder doch nicht

Neue Präsidentschaftswahlen werden für den 25. Mai 2014 angesetzt, bis dahin wird eine Übergangsregierung gebildet. Somit wurden erste Schritte für die Erfüllung der Forderungen der DemonstrantInnen durchgeführt und am Maidan kehrt langsam Ruhe ein. Doch in der Schlussphase der Maidan-Proteste annektiert Russland die Krim und löst einen bewaffneten Krieg in der östlichen Ukraine nahe Luhansk und Donezk aus. Auch heute wird dort geschossen und getötet. Menschen in der Ukraine sterben auch heute noch für die Freiheit ihres Landes.

Was bringt die Zukunft?

Jetzt stehe ich hier am Fenster meines Hotelzimmers und die Bilder der Revolution 2014 gehen mir durch den Kopf. Auch heute sind die Leute unzufrieden, versprochene Reformen gehen nur sehr schleppend voran und das alte korrupte System bahnt sich seinen Weg zurück in die Führungsreihen.

Das was hier passiert ist, passierte am Rande der EU und nicht in einem weit entfernten Land, von dem wir EuropäerInnen keinerlei Vorstellung haben. Man sieht heute noch die Einschusslöcher in Straßenlaternen und das ausgebrannte Gewerkschaftshaus, das während der Revolution in Brand gesteckt wurde. Es ist ein unheimliches und zugleich unglaubliches Gefühl hier zu stehen und das Ganze aus der Vogelperspektive zu sehen, diesen momentan „ruhigen“ Ort.

Der Konflikt hat so viele Ebenen, Facetten und Perspektiven über die man diskutieren kann, dies hier ist nur ein Auszug. Aber eine Frage drängt sich ständig auf: Warum müssen Menschen auch heute noch am europäischen Kontinent für die Freiheit ihres Landes sterben und ihre eigene Regierung fürchten?


Daniela Schmid war Mitte November 2016 mit KollegInnen des Studiengangs Journalismus und PR der FH Joanneum Graz auf Recherchereise in Kiew. Ihre im Laufe dieser Reise entstandenen Impressionen und Beiträge findet man im Magazin BLANK X. Im Jänner 2017 werden sie auch als Printversion veröffentlicht.


 


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