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Das KZ in den Bergen – Mauthausen ist näher als ihr denkt


Am 5. Mai 1945 wurde das Konzentrationslager Mauthausen von den vorrückenden US-Truppen gestürmt und die Gefangenen befreit. Das Lager ist offiziell eingenommen. Doch was passierte davor?

Es ist der 10. November 2016, gut 70 Jahre nach den schrecklichen Geschehnissen im KZ. Eine Gruppe von 20 SchülerInnen, darunter ich selbst, nehmen im provisorischen Sesselkreis in einem der Seminarräume in der Gedenkstätte Mauthausen Platz, wo wir von einer freundlichen Gruppenleiterin empfangen werden. Sie wird heute die Führung durch die dunklen Räume und verlassenen Straßen des ehemaligen KZs mit uns machen. Wir starten mit ein paar Fotos und Zeichnungen, die sie uns in die Hand drückt. Darauf abgebildet ist Mauthausen, ein grauer, trauriger Ort, aber nur die Außenwand dessen, was sich im Inneren abspielte, und was wir Menschen heutzutage nicht nachzufühlen vermögen. Auf einem anderen Foto sieht man Gefangene, die sich vor den Türen der Schlafbaracken tummeln, viel zu viele Leute, für die augenscheinlich viel zu wenig Platz da ist. Ihre Köpfe sind kahlgeschoren, ihre abgemagerten Körper eingehüllt in dünne Häftlingskleidung. Jeder gleicht dem anderen, jeder hier hat alles verloren. Das letzte Bild mustern wir mit besonderer Abscheu. Es zeigt vier SS-Offiziere in Uniform, lachend und unbekümmert, voller Stolz auf die “Leistung”, die sie ihrem Land gegenüber erbringen. Verständnislosigkeit macht sich in unserer Gruppe macht breit. Wie können diese Mörder und Sadisten fröhlich Feste feiern, während sich nur wenige Meter entfernt Leute zu Tode schuften?

Die Führung beginnt mit einem Rundgang durch das Lager, vorbei an dem riesigen Stacheldrahtzaun, dessen Überquerung unmöglich ist, und an dem kleinen Friedhof, an dem unzählige Opfer beigesetzt wurden. Währenddessen lauschen wir gespannt den Worten unserer Gruppenleiterin, niemand traut sich was zu sagen, alle sind verstummt, als wären unsere Worte und Gedanken in der Leere dieses Ortes aufgesaugt worden. Ab und an kommen Fragen auf, Diskussionen entstehen. Sie führt uns durch eine kleine Ausstellung mit Zeitungsartikeln und gefälschten Urkunden, welche die Nazis benutzt haben um die Tode der Gefangenen zu vertuschen. Der Flur führt weiter in einen dunklen Raum, der von oben bis unten mit Namen bedruckt ist, Namen jener Menschen, die hier ihr Leben ließen und ihre Freunde und Familie nie wieder sahen. Es ist ein bedrückendes Gefühl hier zu sein, denn die Namen sind real und die Menschen, welche einst hinter ihnen lebten, waren es auch. Das erste Mal habe ich die Grausamkeiten, die an diesem Ort passierten, richtig vor Augen und verlasse panisch den Raum, gefolgt von vielen meiner MitschülerInnen. Draußen sammeln wir uns, viele haben Tränen in den Augen. Doch es ist noch nicht vorbei, Orte wie die Gaskammern und Krematorien fühlen sich auf einmal viel näher an als im Geschichtsunterricht, wir wandeln durch sie hindurch wie Gespenster.

Die äußere Hälfte des KZs ist dagegen eine andere Welt, der Bereich der SS-Offiziere und Wachmänner ist ausgestattet mit Swimming Pool und Fußballplatz, daneben ist eine Tribüne für Freunde aus dem Dorf aufgebaut. Hier wurden Geburtstags und Weihnachtsfeste gefeiert, nur wenige Meter vom Steinbruch entfernt, in dem viele der Gefangenen ihr Leben ließen.

Das sind die Parallelwelten des Bösen.

Abschließend stehen wir vor den Türen des KZs und blicken auf das letzte Bild, aufgenommen am 5.Mai 1945, welches so viel Hoffnung ausstrahlt wie nichts anderes an diesem Ort. Es zeigt die Gefangenen, die als freie Menschen aus ihrer Gefangenschaft ausbrechen und den Reichsadler, der von den Toren gerissen wird und so den Sturz der Nazis symbolisiert. Es ist ein guter Abschluss für die Führung, trotzdem gehen wir alle gedankenverloren zurück zum Bus. Die heutigen Medien und Ansichtsweisen der Menschen scheinen häufig noch so geprägt von den Ideologien der Nazis, dass die Wichtigkeit solcher Gedenkstätten, und alles, was hier passiert ist, im Hintergrund verblassen.


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