Kenne Deine Rechte

“Wenn ich Menschlichkeit sehe, kann ich dich nicht so leicht töten”


Die Friedensnobelpreisträgerinnen Jody Williams (1997) und Rigoberta Menchú Tum (1992) gehören zu den Aushängeschildern jener Frauen, die für ihre Rechte und die Rechte anderer eintreten! Die Gründe für die Verleihungen des Friedensnobelpreises an sie sind unterschiedlich, aber ihre Mission ist dieselbe. Was sie zur Gründung der „Nobel Women’s Initiative“ bewegte, erklären sie im Interview.

Kenne deine Rechte befasst sich mit Themen wie Menschenrechte, Frauenrechte, aber auch Frieden. Glauben Sie, dass vor allem Frauen über ihre Rechte Bescheid wissen und diese auch beanspruchen?

Jody Williams: „Frauen ohne Ausbildung fordern ihre Rechte nicht ein, das ist klar. Außerdem ist das von Land zu Land unterschiedlich, immerhin kämpfen Frauen in einigen Ländern dafür, dass sie für dieselbe Arbeit gleich bezahlt werden, in anderen wiederum dafür, dass sie eigenständige Entscheidungen treffen dürfen.

Ich bin immer wieder schockiert, wenn ich Frauen treffe, die wirklich etwas erreicht haben und ihr Recht vom Gericht zugesprochen bekommen haben und dann trotzdem sagen ‚We are just women, they do not listen to us‘“.

Ich habe eine Frau aus Kolumbien getroffen, bevor ich nach Guatemala gefahren bin und sie meinte, es brauche seine Zeit, bis verstanden wird, dass Menschenrechte keine Männerrechte sind, sondern jedem zustehen, egal ob Mann, Frau oder Kind. “

Rigoberta Menchú Tum: „Ich denke, dass es viele Frauen gibt, die ihre Rechte einfordern, es hat sich in den letzten Jahren sehr gebessert. Vorher wussten Frauen zwar darüber Bescheid, dass sie die Rechte in der Theorie haben, hatten aber kaum Chancen, sie in der Praxis auch zu beanspruchen. Solche Menschen gibt es auch nach wie vor auf der ganzen Welt.

Gegen Rassismus und Diskriminierung haben Menschenrechte in manchen Gebieten noch immer keine Bedeutung.“

Frau Williams, Sie wurden 1997 für Ihr Engagement für das Verbot und die Räumung von Landminen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Diese Kampagne vergrößerte sich im Laufe der Zeit auf über 1300 beteiligte Organisationen in 95 Ländern. Heute warnen Sie jedoch vor Maschinen und Robotern, warum?

Jody Williams: „Wissen Sie, was eine Drohne ist? Sie fliegt zwar selbstständig umher, aber es sitzt nach wie vor ein Mensch vor einem Computer, um das Angriffsziel zu bestimmen, den Knopf zu drücken und damit zu entscheiden, welche Menschen getötet werden. Im Moment werden Waffen entwickelt, die keinen Menschen brauchen, um zu entscheiden, wer getötet werden soll. Als ich davon hörte, bekam ich wirklich Angst und gleichzeitig das Gefühl, etwas tun zu müssen. Mit meinem Mann und einigen Kollegen starteten wir eine Kampagne im April 2013 und innerhalb weniger Monate schafften wir es, dass Regierungen in den Vereinten Nationen darüber sprachen. Dennoch wird die Entwicklung der Waffen fortgesetzt.“

Frau Menchú, was dachten Sie 1992, als Sie erfuhren, dass Ihnen der Friedensnobelpreis verliehen wird und wie fühlt es sich an, eine Friedensnobelpreisträgerin zu sein?

Rigoberta Menchú Tum: „Ich war eine der ersten, die sich in Lateinamerika für die indigenen Völker eingesetzt hat. Ich musste in meiner Jugend viel Leid meines Volkes mitansehen und habe körperliche und sexuelle Gewalt auch selbst erlebt. Wenn man sieht, wie das gesamte Dorf niedergebrannt wird und die Familie ums Leben kommt, dann prägt das. Und ich wollte damit an die Öffentlichkeit, um gegen Gewalt an Menschen zu kämpfen.

Es ist eine große Anerkennung und Ehre für unsere Arbeit. Aber es ist nicht nur ein persönlicher Erfolg, dahinter steht ein Kollektiv. Wenn ich an die  24 Jahre seit der Verleihung zurückdenke, bin ich stolz, dass wir die ersten waren, die gegen Diskriminierung etc. kämpften.“

Jody Williams: „Wir haben uns nicht zusammengeschlossen, um Männer niederzumachen. Wir wollen die Arbeit von Frauen betonen und an die Öffentlichkeit bringen, weil wir daran glauben, dass jeder etwas davon hat, wenn Frauenrechte bewusst gemacht werden.

Jede/r flippt bei dem Wort „Feministin“ aus. Eine Feministin zu sein bedeutet lediglich, dass man möchte, dass jede/r die gleichen Rechte hat, Mann sowie Frau. Ich wollte niemals in meinem Leben ein Mann sein, aber ich glaube, dass ich die gleichen Rechte habe wie jeder Mann auch. Manchmal bin ich sogar der Meinung, dass ich sehr viel kompetenter bin als die meisten von ihnen. Aber vermutlich auch nur, wenn ich gerade einen guten Tag hatte.

Rigoberta Menchú Tum: „Die Initiative ist nicht gegen Männer gerichtet, sondern um Frauen zu helfen und für den Zusammenschluss von Preisträgerinnen. Diese habenden Preis jeweils aus einem besonderen Grund bekommen,  der Kampf für die Menschenrechte ist aber eine Gemeinsamkeit aller Preisträgerinnen.“

Europa ist momentan mit der Flüchtlingskrise konfrontiert, außerdem werden in diesem Fall die Menschenrechte nur eingeschränkt respektiert, vor allem aufgrund der Überforderung. Haben Sie einen Vorschlag, was man dagegen machen könnte?

Jody Williams: „Wenn ich das wüsste, würde ich die Welt regieren. Ich finde es albern, den Schock, wenn hunderte Flüchtlinge in so kurzer Zeit über die Grenze eines Landes kommen, zu leugnen. Gleichzeitig sind diese Menschen aber geflohen, weil ihr Land zerstört wurde und nicht; weil sie von sich aus unbedingt nach Europa wollen.

Was ich während meiner Arbeit für die Initiative in Serbien, Kroatien, Slowenien bis nach Deutschland gesehen habe, war, dass diese Länder die Menschen einfach nur bis nach Deutschland durchgeschleust haben. Deutschland hat sich zwar angestrengt, aber sie waren nicht organisiert genug. Außerdem gibt es einen großen Unterschied zwischen dem Tolerieren und dem Akzeptieren von fremden Menschen im eigenen Land.

Die Flüchtlingskrise braucht keine europäische Antwort, sondern vielmehr eine menschliche. Solange wir die Welt in „die“ und „wir“ teilen, werden wir nicht weiterkommen, dabei geht es nicht nur um Flüchtlinge. Wir schicken Soldaten in den Krieg um Menschen zu töten, das wäre aber nicht möglich, würden wir die getöteten Menschen nicht in irgendeiner Weise als Feinde sehen. Wenn ich dir in die Augen sehe und deine Menschlichkeit sehe, ist es schwerer dich töten zu wollen. Wäre ich darauf trainiert, dich nur als Dreck zu sehen, ist es klar, dass das Schießen leicht fällt.“

Rigoberta Menchú Tum: „Ich sehe es als Chance für Europa, daran zu wachsen. Ich denke, es ist schon ein gutes Zeichen, dass es solche Veranstaltungen wie die „Women for Peace“-Konferenz gibt. Aber vor allem müssen wir den Menschen vor Ort helfen. Alles andere ist nur ein Bekämpfen der Auswirkungen des Krieges.“

 

Die beiden Interviews wurden getrennt voneinander geführt und vom Englischen bzw. Spanischen ins Deutsche übersetzt.


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