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Warnhinweis: Zu viel Realität kann Ihre schöne Scheinwelt zerstören


Warnhinweise und Altersfreigaben sind, wenn es um Filme und Videospiele geht, lange nichts Neues mehr. Diese Warnhinweise sollen den Käufer oder die Käuferin darüber informieren, ob das Videospiel Gewalt, Sex oder etwas anderes Anstößiges enthält. Aber was wäre, wenn sich solche Warnhinweise auf Bücher ausweiten würden, weil es manche Studenten und Studentinnen in den USA für nicht angebracht halten, wenn es in einem Buch wie zum Beispiel „Der Große Gatsby“ um Frauenhass und Gewalt geht? Dies könnte nämlich ihrer Meinung nach Traumata hervorrufen oder verstören. Solche Sachen werden dann als sogenannte „Mikroagressionen“ bezeichnet und wenn ein Buch eine solche hervorrufen kann, muss man es mit „trigger warnings“ kennzeichnen.

Genau darum ging es vor kurzem in einem Artikel des „Standard“, in dem die Autorin Lara Hager jene Thematik aufgriff und beschrieb. So schreibt sie auch noch, dass aufgrund solcher Zwischenfälle manche Bücher nicht mehr von den Studierenden bearbeitet werden dürfen und sogar aus Bibliotheken entfernt werden. Auch den Begriff des „rape-law“ solle man nicht mehr unterrichten. Es könnten ja angehende JuristInnen von der Realität verstört werden, wenn sie schon am College mit zarten 20 Jahren erfahren, dass es so etwas wie sexuelle Gewalt gibt.

Verschwindet die böse Welt, wenn die Bücher über sie verschwinden?

Man oder frau kann derartige Ereignisse als Auswüchse der Political Correctness belächeln. Ich persönlich halte sie für gefährlich: Nicht nur, weil verbotene Bücher immer ein Zeichen von Repression sind, wie sie in einer Demokratie nicht vorkommen darf. Aber es geht noch um etwas anderes: Wenn ich Ovids „Metamorphosen“ nicht mehr lesen darf, weil darin sexuelle Gewalt vorkommt, oder ein Buch über den Ku Klux Klan, weil dessen Cover einen afroamerikanischen Studenten verstören könnte, dann verschwinden weder die sexuelle Gewalt als Teil der europäischen Geschichte, wegen deren allzu treffender Beschreibung Ovid übrigens verbannt wurde, noch der Rassismus der weißen Kapuzenmänner in den Südstaaten. Die Welt um mich herum wird nicht besser, wenn ich vom Bösen in ihr nichts erfahre.

Im Gegenteil: Was ich nicht weiß, darüber kann ich nicht nachdenken, damit kann ich mich nicht auseinandersetzen und dagegen kann ich nicht auftreten. Was, wenn sich die College Kids auch von den Nachrichten über erschossene AfroamerikanerInnen oder Latinos an der Grenze in ihrer Unschuld gestört fühlen? Filtern ihnen dann die Suchmaschinen das alles heraus?

Wen schützt Nichtwissen wirklich?

Ich glaube nicht,  dass es meine allzu behütete Generation ist, die sich beschützt sehen will, wie in dem Standard-Artikel überlegt wird. Ich glaube eher, dass es so manchen PolitikerInnen und MedienmacherInnen darum geht, uns möglichst apolitisch und im Glauben an die heile Welt zu halten, um draußen, vor diesen angeblichen Schutzzäunen, wirklich aggressiv ihre Geschäfte betreiben zu können.

Nur wenn ich weiß, mit welcher zynischen Überheblichkeit die Götter der Antike (und die Aristokratie, für die sie stehen), Frauen vergewaltigt haben oder wie in den 1920er-Jahren Frauen als Gesellschaftsspiel betrachtet wurden, dann kann ich Derartiges heute erkennen und mich dafür einsetzen, dass es nicht mehr passiert. Das sind keine Mikroaggressionen, sondern kleine Stiche, die mich an die Realität erinnern sollen.

Das Ziel derer, die diese Stiche verbieten wollen, ist eine schöne Scheinwelt, wie in dem Film „The Matrix“, deren Wirklichkeit brutal und abstoßend ist. Und wie heißt es dort so schön: „All I‘ m offering is the truth, nothing more.“ Wir sollten sie wählen, solange wir die Wahl haben.


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