Kenne Deine Rechte

Die Menschen werden schlauer, wenn man sie zwingt


Ein zarter Hoffnungsschimmer breitet sich aus. In einer Zeit, in der man den politischen und gesellschaftlichen Riss durch Österreich mit Händen greifen kann und die Lage von Wahlkonfrontation zu Wahlkonfrontation aufgeschaukelter wird, sprießen in der blankpolierten Facebook-Welt der Gebildeten erste Blüten der Einsicht.

Schmäh ohne, es geht tatsächlich was weiter. In eine positive Richtung.

Einige Idealistinnen und Idealisten wurden wachgerüttelt und sind draufgekommen, dass der FP-Kandidat Hofer nicht aufgrund einer bösen Schicksalsgöttin gute Chancen auf den Bundespräsidentensessel hat, sondern weil ihn ca. die Hälfte der Bevölkerung wählen wird. Die „Offensive gegen Rechts“ hat gegen diesen Skandal zwar für heute (19.05.) zu einer Großdemonstration am Wiener Heldenplatz aufgerufen, musste aber einen Shitstorm hinnehmen, weil vielen plötzlich klar wurde, dass ein „breites antifaschistisches Bündnis“ nicht das einzige ist, was einen Hofer verhindern kann, sondern so ziemlich das Beste, was diesem passieren kann. Hat jemals jemand seine Meinung geändert, weil er oder sie als rechtsextrem beschimpft wurde? Auf die vielfache Kritik hat die „Offensive gegen Rechts“ mit einer Umbenennung der Demo in eine Kundgebung reagiert und betont, dass sie breit, bunt und friedlich stattfinden wird. Immerhin.

Die FPÖ wird nur auf dem Feld der Sachpolitik zu bekämpfen sein und nicht durch Demonstrationen gegen sie. Diese Feststellung, die die Weisen unter den Zeitungsfritzen und -lisln ja immer schon von sich gegeben haben, scheint endlich in der Mitte des linken Randes der Gesellschaft angekommen zu sein. Wo früher bei einem zaghaften „Ich fühle mich nicht mehr sicher in meinem Land“ und einem resigniert-aggressiven „Wieso sollte jemand, der gerade erst nach Österreich gekommen ist, beinahe gleichviel vom Staat erhalten wie ich, die ich mich 40 Jahre lang in einem Vollzeitjob abgeplagt habe?“ die linke Hand bereits Richtung Jutebeutel zuckte, um die Nazikeule hervorzuziehen, versucht man nun, komplizierte Entwicklungen zu erklären und Verständnis zu zeigen.

Ja, so unwahrscheinlich das klingt: Einige Linksgerichtete haben tatsächlich begonnen, FPÖ-Wählerinnen und Wählern zuzuhören. Man hat zwar ein bisschen das Gefühl, dass sie für diese unzumutbare Tat allein schon den Friedensnobelpreis beanspruchen und mit dieser Vorgehensweise nicht wirklich einverstanden sind, doch irgendwer muss sich ja opfern. Im Angesicht des zum Greifen nahen Triumphes des Bösen springen sie über ihren Schatten. Mit Murren, aber sie tun es. Ungebildete wegen ihrer Rechtsschreibfehler auszulachen hat gerade Pause. Die komplette Abschaffung aller Grenzen als absolute Lösung der Asylproblematik zu fordern, ist momentan ein bisschen out. Wer FPÖ-Wählerinnen und Wähler beschimpft, wird sofort zurückgepfiffen. Und alles nur, um einen Präsidenten Hofer zu verhindern. Ob´s was hilft, ist fraglich, die allgemeine Stimmung erhellt sich dadurch aber beträchtlich. Ganz angenehm, wie ich finde.

Dieser Realitätssinn sollte beibehalten werden. Es muss alles getan werden, um die Menschen nicht weiter gegeneinander aufzuhetzen. In seiner Wohlstandsoase zu sitzen und arbeitslosen Verunsicherten zu sagen, sie sollen sich doch bitte nicht so anstellen und ein bisschen mehr das große Ganze betrachten, wenn die Arbeitslosigkeit (auch) aufgrund tausender AsylwerberInnen weiter steigt, ist zynisch, wie schon Klaus Nüchtern feststellte (Falter, 19/16).

„Wir“ sind eh so reich und können uns das schon leisten, heißt es. In Wirklichkeit wird argumentiert, dass „wir“ reich sind und „ihr“ (die Ärmeren) euch das darum leisten müsst. „Grenzen töten“ zu plakatieren (©Junge Grüne) ist schön und gut. Was soll sich daraus aber ableiten lassen? Die Diskussion über die Aufnahme von AsylwerberInnen in die Nähe der Realität zu rücken wird sich auch von Seiten der Linken nicht vermeiden lassen, wenn man einen Bürgerkrieg verhindern will. Still und leise beginnen einige, eine gesündere Einstellung zu politisch Andersdenkenden zu entwickeln. Vielleicht schafft Österreich ja doch noch den Sprung zu einem Entwicklungsland.


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