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Son of Saul: Ein Blick über die Schulter in die Shoah


Holocaustfilme: Beinahe jede/r kennt sie und hat zumindest einen von ihnen gesehen. Und so wie es aussieht, werden Regisseurinnen und Regisseure auch in nächster Zeit mit dem Gedanken spielen, diese Epoche der Geschichte weiterhin in Filme zu verpacken. Und das ist auch wirklich nichts Schlechtes. Ich finde, dass man durch den Fernseher bzw. die Kinoleinwand ein deutlich größeres und nicht so spezifisches Publikum erreichen kann, als mit dem „alten Medium“ Bücher.

Aber das Problem, welches ich mit den Filmen über Holocaust, KZ und Co. habe, ist, dass das Material, welches in ihnen verarbeitet wird, in den meisten Fällen extrem durchgekaut ist. Und dass gerade erst vor kurzem der x-te Film über Anne Frank herausgekommen ist, bestätigt mich in der Annahme, dass sich viele RegisseurInnen, anstatt etwas Neues und Gewagtes zu probieren, was die ZuschauerInnen nicht kennen,  auf ein bewährtes und oft bereits versoftetes Material verlassen.

Aber ein Film, der erst vor kurzem bei uns in den Kinos lief, traute sich das Unvorstellbare. Er machte etwas Neues. Ich spreche von dem ungarischen KZ-Film „Son of Saul“, der meiner Meinung nach zu den besten Filmen, die so ein heikles Thema behandeln, gehört. Aber kurz zur Handlung: Unser Hauptcharakter Saul, ein Jude, muss in Auschwitz im Beseitigungs-Trupp der Nazis arbeiten. Hierbei muss er, nachdem die anderen Juden in die Gaskammer gebracht wurden, mit einigen anderen Gefangenen das Blut aufwischen und die Leichen zum Verbrennungsofen bringen. Jedoch überlebt ein Junge die Gaskammer, was ein Aufseher sieht und diesen Jungen dann umbringt. All dies sieht Saul mit an und glaubt, in dem toten Kind seinen Sohn zu sehen, welchen er auf die traditionell jüdische Art bestatten will. Aber dafür muss er erstmal einen Rabbi finden. Also dreht sich der Rest des Films darum, dass er versucht, einen Rabbi zu finden und so auch in die anderen Teile des Konzentrationslagers kommt.

Allein die Handlung des Films ist schon mal an ein erwachseneres Publikum gerichtet, als es jene der Standard Holocaust Filme sind. Aber die Geschichte allein hätte dem Film noch keinen Academy Award eingebracht. Nein, denn was den Film wirklich so besonders macht, ist die Kameraführung. Denn den ganzen Film lang sehen wir die Ereignisse im Konzentrationslager nur über die Schulter Sauls und beobachten ihn wie die aufdringlichen Zuseher, die wir sind, bei seiner Suche nach dem Rabbi. Und so sehen wir auch das Blut der Getöteten, die nackten Leichen, den Verbrennungsofen und alles, was auch unser Hauptcharakter sehen muss. Durch diese Kameraperspektive entsteht etwas, was ich bis jetzt noch in keinem Film so gesehen habe. Es ist ein Gefühl der Verlorenheit, der Hilflosigkeit und auch eines der Brutalität, da der Regisseur nicht einmal der Meinung ist, dass man etwas nicht zeigen dürfe, weil man ja auf die ZuseherInnen Rücksicht nehmen sollte.

Und genau das ist auch der entscheidende Faktor, das was der Film anders macht, als, nehmen wir doch einfach mal den vermutlich bekanntesten Holocaustfilm „Schindlers Liste“. Dieser Film vom berühmten und meines Erachtens nach leicht überbewerteten Regisseur Steven Spielberg ist komplett in Schwarz-Weiss gehalten. Nur die wichtigsten Elemente des Filmes sind in Farbe. So auch das „Mädchen im roten Kleid“, welches auch dem/der unaufmerksamsten Zuschauer/in zeigen soll, dass die Nazis auch Kinder getötet haben. Diese Herangehensweise an ein solches Thema ist billig, aber ohne Frage effektiv, wie man an sieben gewonnenen Oscars sehen kann. Und bei einer Altersfreigabe von 12 Jahren kann man sich natürlich auch einen kommerziellen Erfolg erwarten, wie man an 317 Millionen eingenommenen US-Dollar sehen kann.

Aber was ich mit diesem kurzen Absatz sagen und zeigen wollte, ist, was „Son of Saul“ eben anders macht und wieso ich den Film auch für viel besser halte als den weichgewaschenen Standard- Holocaustfilm. Und auch wenn das der erste Film ist, der so an dieses heikle Thema herangeht, wird er vermutlich leider auch der letzte sein, weil sich kaum ein berühmter Regisseur an dieses Thema herantraut wie es der ungarische Regisseur tat.

Nicht vergessen: Unbedingt ansehen!

 


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