Kenne Deine Rechte

Grenzerfahrung


Am Weg vom Flughafen zu meinem neuen Zuhause wanderte mein Blick zum Fenster des Taxis, und ich versuchte mir, die schlafende Stadt betrachtend, vorzustellen, was mich hier in den nächsten drei Monaten erwarten würde. Als vor meinen Augen Häuser und Autos mit ihren flackernden, von der Geschwindigkeit verwaschenen Lichtern vorbeizogen, erschien mir der Moment surreal. Tausende Kilometer von zu Hause in einer anderen Stadt, in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent und doch spürte ich eine gewisse Vertrautheit, vielleicht weil ich mich dieser Stadt, der Unbekanntheit hingeben musste, um mir hier ein Leben auch nur ausmalen zu können. Diese befremdliche Vertrautheit wich einem Gefühl der Unsicherheit, als ich aus dem Fahrzeug stieg und ich mich erstmals, ohne von einer Scheibe von ihr getrennt zu sein, in meiner Umgebung orientierte. In der Dunkelheit der Seitenstraße, in der sich mein Haus befand, ganz allein, schien alles plötzlich ganz fremd und bedrohlich.

Ein paar Stunden später lag ich in meinem Bett. Übermüdet und nervös wurde ich überwältigt von einem Schwall von Gedanken. Ich dachte an all die Grenzen, die ich auf meiner Reise überschritten hatte, Grenzen von Städten, Regionen und Ländern, Grenzen von Klimazonen, Grenzen zwischen tektonischen Platten und Toleranzgrenzen. Was sind schon Grenzen? Haben sie irgendeinen Wert? Wer hat sie sich ausgedacht und sie gezogen? Was hat er/sie sich dabei gedacht? Nach Minuten des angestrengten Überlegens fand ich eine sehr einfache Lösung zu all den komplexen Problemen, die sich plötzlich auftaten: Schafft sie ab, die Grenzen! Übermannt von einem Moment schlaftrunkenem Idealismus führte ich meine revolutionären Gedanken fort: Schafft sie ab, die Staaten! Schafft sie ab, die Kulturen! Schafft sie ab, die Heimat! Wir brauchen das alles nicht, die Welt ist eine große Familie und würden das nur alle endlich erkennen, wäre der ganze Hass, das ganze Elend, das ganze Leid ganz schnell weg. Zufrieden, den gedanklichen Knoten, der durch all diese Verstrickungen und Verwicklungen entstanden war, gelöst zu haben, schlief ich ein.

Am nächsten Morgen wachte ich mit starken, durch meinen nächtlichen Ideenrausch verursachten Kopfschmerzen auf und taumelte aus meinem Zimmer zum Frühstückstisch. Fast ausgeschlafen konnte ich etwas klarer denken und reflektierte. Obwohl ich nie wirklich eine starke Verbindung zu meinem Heimatland gespürt hatte, da mein Blick immer nach außen hin fokussiert war, so beschäftigte mich an diesem Samstagmorgen doch, was es für mich bedeutet, von meiner kleinen Insel der Seligen aus in das kalte Wasser einzutauchen und wegzuschwimmen, ohne zu wissen, wie lang es dauern würde, bis ich wieder rufen konnte: Land ahoi! Wann würde ich umkehren, mich vom Strand in ein Wirtshaus schleppen, um dort mit einer Stammtischrunde zu schnapsen und zu feiern? Werde ich mir endlich eine Lederhose zulegen, wenn ich zurückkehre? Werde ich am Abend dann über Blasen auf meinen Füßen sudern? Wenn mich Leute fragen, wie es war, werde ich dann sagen: „Naja, war eh ganz gut“? Als ich mir diese Dinge durch den Kopf gehen ließ, wurde mir bewusst: Erst hier, mit so einer großen Distanz nach Hause wurde ich ein Österreicher.

Was heißt das nun für mich, mir meiner Nationalität, meiner nationalen Identität bewusst zu sein? Wie würde das meine Beziehung zur Welt verändern? Wie kann ich die Internationale singend eine Österreichfahne schwenken? Werde ich das alles verlieren, wenn ich wieder von der Rolle des Fremden in die Rolle des Einheimischen schlüpfe? Verstehe ich jetzt, was es heißt, fremd zu sein? Am Abend, nachdem ich wieder zu Bett gegangen war, versuchte ich ein Ende für mein Grübeln zu finden. Bevor mir die Augen zufielen, konnte ich mich noch zu der Erkenntnis durchringen: Ich bin Österreicher, da ich in Österreich geboren und aufgewachsen bin und durch den kulturellen Kontext und die gelernten Gewohnheiten geprägt wurde. Wir alle – unabhängig von der Herkunftsnation – sind geprägt und geformt von unserer Umgebung, von dem Konstrukt Nation, in dem wir aufwachsen. Natürlich können und müssen wir unsere nationale Identität und unsere Heimat in Frage stellen, damit wir nicht dem blinden und blind machenden Patriotismus verfallen. Aber um der Welt, anderen Kulturen und fremden Menschen offen zu begegnen, müssen wir auch unsere eigene kulturelle Prägung annehmen, auch wenn diese natürlich im Laufe unseres Lebens um andere kulturelle Prägungen erweitert werden kann. Diese Akzeptanz der eigenen Identität macht es erst möglich, andere in ihrer Identität anzuerkennen, in dem Bewusstsein, dass es Unterschiede gibt, aber dass diese auch eine Basis für Gemeinsamkeiten sein können. Wenn wir andere mit ihren Besonderheiten annehmen, dann dürfen wir dabei nicht das verlieren, was uns einzigartig macht, denn sonst kann man schnell verloren gehen, heimat- und ankerlos. Nun konnte ich wirklich zufrieden einschlafen.


Das könnte dich auch interessieren