Kenne Deine Rechte

Zelte auf Schienen


Vorgestern noch in Idomeni, gestern bei Kenne deine Rechte: Ein so bildhaft belegter Bericht über tatsächliche Schicksale von einzelnen aus ihrer Heimat vertriebenen Menschen, wie wir ihn im Rahmen des Workshops „Praxis der Betreuung von Menschen auf der Flucht“ aus erster Hand von Helmut Steinkellner (Caritas JugendStreetwork) erhielten, ist extrem wertvoll. Die durch bloße Statistik entstehenden oder medial verbreiteten Bilder der Missstände werden oft als zu absurd wahrgenommen, um Realität zu sein. Nach einem derartigen Bericht kann man aber mit Sicherheit sagen, dass in Idomeni nicht nur Missstände herrschen, sondern im Prinzip jedes Flüchtlingslager wie ein viel zu groß angelegtes abstraktes Kabarett erscheint, in dem alle Probleme unserer Gesellschaft bis hin zur Unwirklichkeit überspitzt dargestellt werden.

Ich übertreibe? Nein. Das Foto zu diesem Artikel zeigt ein kleines Areal an der Grenzen zwischen Griechenland und Mazedonien, den Blick von von Idomeni Richtung Gevgeljja, wo verschiedene einzelne Zelte aufgestellt sind. Besonders neben und sogar auf den Schienen stehen Zelte, weil durch die Befestigung der Gleisanlagen und die Steine kein oder weniger Schlamm entsteht. Durch den starken Regen wirkt das ganze eingezäunte Areal wie ein Sumpf, in dem Plastikplanen entsorgt wurden. Man sollte meinen, dass dieses Gleis nicht genutzt werden kann, jedoch wird es nach wie vor aktiv als Handelsroute von u.A. österreichischen und deutschen Zügen befahren. Sie fahren einfach drüber, zum Glück werden wenigstens die Menschen von den Gleisen weggeholt. Wenn ein Zug naht, sichern die griechischen Polizisten die Gleise, um zu verhindern, dass Kinder überfahren werden oder Erwachsene auf den Zug aufzuspringen versuchen. Mazedonische Soldaten öffnen gleichzeitig das Tor, das die Zugstrecke an der Grenze blockiert, lassen den Zug durchfahren und versperren die Strecke wieder. Was für ein deutliches Beispiel dafür, was in der Beziehung zwischen Mensch und Wirtschaft nicht stimmt!

Von der Einhaltung von Menschenrechten ist im Flüchtlingslager in Idomeni keine Rede. Der eine oder andere beißender Geruch liegt dort immer in der Luft, vor allem dominant sind das Ergebnis fehlender Toiletten und das minimale Angebot an Wasserstellen zur Körperpflege. Zwischen entstehenden Schlammteichen und Stacheldrahtzaun tun sich bedrückende Bilder von im Dreck spielenden Kindern auf. Abends, wenn es kalt wird und die Temperatur den Nullpunkt tangiert, beginnt sich die Luft im Lager Idomeni mehr und mehr mit stinkendem Rauch zu füllen. Aufgrund der eisigen Kälte und des Nichtvorhandenseins von Holz werden nämlich Dinge wie Kleidung und Plastik verbrannt und verpesten die Luft. Essen ist ein sehr karges Gut, warmes Essen wäre ein absoluter Luxus. Es gibt es hauptsächlich nur kalte Speisen, für die man auch stundenlang anstehen muss. Zur Perversion steigert sich das Ganze, wenn man hört, dass in Sichtweite, jenseits der Grenze, in Mazedonien, trockene, geheizte Baracken für 2000 Menschen leerstehen.

Idomeni im Jahr 2016: Die Achtung der Menschenrechte, ein fundamentaler Grundsatz der Europäischen Union, versinkt hier im Schlamm. Schieben wir  einander nicht gegenseitig die Verantwortung dafür zu, lassen wir uns gemeinsam die Probleme der Welt lösen, denn wir wollen doch alle nur zufrieden leben.


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