Kenne Deine Rechte

Vision Graz


Ich spaziere an einem sonnigen Samstag durch die Herrengasse, die Menschen grüßen einander und gehen respektvoll miteinander um. Ich gehe an einem meiner Lieblingslokale vorbei, dort sehe ich eine dunkelhäutige Familie, die mit einer weißen Familie gemeinsam am Tisch sitzt, isst und lacht. Etwas hat sich in Graz verändert, schließlich war ich mittlerweile seit 15 Jahren nicht mehr in meiner Heimatstadt.

Ich setze mich schließlich auf einen Sitzplatz in der Straßenbahn, als eine Frau einsteigt, welche einen Hidschab trägt und zwei kleine Kinder an der Hand hält. Kurz darauf wird sie von einem Mann im mittleren Alter angesprochen. „In Österreich brauch ma ka Verschleierung! Geht’s dort hin wo ihr her kommts…“ Es mischen sich ein paar Jugendliche ein und fragen den Mann höflich, warum er so ausfällig wird, da die Frau ihm doch nichts getan habe. Kurz darauf entschuldigt sich der Mann und verlässt beschämt die Straßenbahn. Ich bin sehr erstaunt, da ich selten so viel Zivilcourage von so jungen Leuten hier erlebt habe. Ich raffe mich nun auf und frage eine ältere Frau gegenüber von mir, ob die Reaktion der Jugendlichen auf solche Ereignisse eine Ausnahme oder immer so sei und auch was sich in Graz in den letzten 15 Jahren verändert hat. Sie antwortet mir freundlich: „Fräulein des ist ganz normal in Graz! Graz ist jetzt seit 30 Jahren Menschenrechtsstadt.“ Ich bin sehr erstaunt und frage nach, was denn „Menschenrechtsstadt“ zu bedeuten hätte. Sie klärt mich sofort auf: „In den Schulen werden die Kinder über Menschenrechte informiert, dort besuchen sie auch oft spezielle Workshops. Es gibt auch großartige Jugendgruppen, diese engagieren sich für Sozialprojekte. Im Rahmen von speziellen Projekten für Flüchtlinge, geistig- oder auch körperlich Benachteiligte Menschen, können sich Menschen jeden Alters beteiligen.“ Ich bedanke mich erstaunt und steige bei der nächsten Haltestelle aus. Dort treffe ich auf eine alte Bekannte, eine Bettlerin. Ich unterhielt mich mit ihr vor 15 Jahren öfters, als ich einkaufen ging. Sie erkennt mich sofort und ich frage nach, wie es ihr in den letzten Jahren denn ergangen ist. Sie erzählt mir, dass es jetzt ein Infocenter für Bettler und Bettlerinnen gäbe, sowie Sozialprojekte, bei denen sie mithelfen können. Ich bin erstaunt und beeindruckt von den Veränderungen, die in den letzten Jahren in Graz passiert sind und gehe mit einem positiven Gefühl nach Hause. Ich stelle fest: Graz ist nun eine Stadt ohne Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung.

Von der Vision zur Wirklichkeit?

Soweit ein kleiner Ausschnitt des alltäglichen Stadtlebens in der Zukunft. So könnte das Leben in Graz aussehen, wenn die Bevölkerung über alle Menschenrechte informiert wäre und die Gesellschaft keine Vorurteile zB. gegenüber Andersfarbigen, Homosexuellen oder Menschen mit einem anderen Glauben hätte.

Am 8.Februar 2001 verabschiedete der Grazer Gemeinderat einstimmig die Menschenrechtserklärung der Stadt Graz. Somit wurde Graz zur ersten Menschenrechtsstadt Europas.

Dieses Jahr feiert die Menschenrechtsstadt ihr 15-Jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass fand am 26. Jänner eine Diskussion im ORF Landesstudio Steiermark statt, an der viele Expertinnen und Experten teilgenommen haben. Am Podium sprachen Bürgermeister Siegfried Nagl, Altbürgermeister Alfred Stingl, die Präsidentin des Steirischen Landtags, Bettina Vollath, die Vorsitzende des Grazer Menschenrechtsbeirats, Elke Lujansky-Lammer, der Geschäftsführer des ETC Graz, Klaus Starl sowie Wolfgang Benedek vom Institut für Völkerrecht der Universität Graz.

Hauptthema des Abends war, was die Menschenrechtsstadt schon erreicht hat sowie welche Ziele und Visionen die Menschenrechtsstadt für die Zukunft hat. Graz verfügt bereits über einen MigrantInnenbeirat, ein Friedensbüro und den Menschenrechtsbeirat. Leider wissen viele Menschen aber noch nichts oder nur sehr wenig über die Menschenrechtsstadt Graz – oft fehlt es an Öffentlichkeitsarbeit und den nötigen finanziellen Mitteln.

Es bleibt zu hoffen, dass die Vision Menschenrechtsstadt Wirklichkeit wird – das erfordert allerdings auch, dass wir alle gemeinsam daran arbeiten.


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