Kenne Deine Rechte

„Manchmal ist man ein Mensch zweiter Klasse.“


Selbstbestimmt leben. Ein Leitmotiv, mit dem jede/r durch das Leben gehen sollte. Für Menschen mit Behinderungen gibt es in diesem Zusammenhang aber besondere Barrieren. Der frisch gebackene Vater Sebastian Ruppe (48), Gründungsmitglied des Vereins und der Behinderten-Interessenvertretung „Selbstbestimmt Leben Steiermark“, bestreitet sein Leben seit 24 Jahren im Rollstuhl, dennoch hat er nie aufgehört, seine Stimme gegen Ungerechtigkeit zu erheben.

Daniela Schmid: Herr Ruppe, heute schon selbstbestimmt gehandelt?

Sebastian Ruppe: Heute schon den ganzen Tag, zum Glück habe ich die Instrumente dazu. Den Vormittag habe ich mit meinem persönlichen Assistenten verbracht, da sage ich ganz genau, was ich will und brauche. Später kam meine Mutter zum Kochen. Da war ich dann nicht mehr ganz so selbstbestimmt. Ich habe heurige Kartoffeln gekauft und weiß, dass man die nicht so lange kochen muss und habe meiner Mutter gesagt: „Bitte dreh’ die Kartoffeln ab“. Aber Mütter wissen beim Kochen meist alles besser und so sind die Kartoffeln halt ein bisschen weich geraten… Soviel zum Thema Selbstbestimmung. Aber Selbstbestimmung ist ganz wichtig, mit Fremdbestimmung geht es einem nicht gut.

Beziehen Sie also persönliche Assistenz?

Ruppe: Ja, das ist auch ganz notwendig bei meiner Lähmungshöhe. Ich kann meine Arme und Finger gar nicht bewegen, bin die letzten 24 Jahre aber geschickt geworden. Ich brauche für die Dinge aber extrem lange, wenn ich sie komplett alleine mache. Persönliche Assistenz heißt zwar oft, dass jemand an meiner Seite ist, aber man muss unterscheiden zwischen selbstständig und selbstbestimmt. Also ich muss nicht unbedingt selbstständig alle Pflanzen am Balkon gießen, kann aber selbstbestimmt meinem Assistenten sagen, welche Pflanze wie viel Wasser bekommt. Für dieses Recht haben wir in der Steiermark sehr gekämpft, vor allem für die Finanzierung der Assistenz.

Wo sind Ihre größten Barrieren im selbstbestimmten Leben?

Ruppe: Die physische Barrierefreiheit von Gebäuden, Verkehrsmittel, Toilettenanlagen und Wohnungen. Bei meiner Großmutter in Salzburg kann ich nicht mit meiner Frau übernachten, so wie das meine Geschwister ohne Behinderung können, denn die gehen ins obere Geschoss. Das fällt für mich weg. Ich muss mir mit meiner Frau für 100 Euro pro Nacht ein barrierefreies Hotel nehmen. Für mich wäre es am einfachsten, wenn die ganze Welt flach und mit elektrischen Türen und Aufzügen ausgestattet wäre.

Benützen Sie eigentlich öffentliche Verkehrsmittel?

Ruppe: Ja, aber ungern. Im Moment ist gerade Sommer, aber stellen Sie sich vor es ist kalt oder es kommt ein Gewitter. Wenn ein nicht-barrierefreies Fahrzeug kommt, stehe ich im Regen.

Die Graz Linien haben zudem ein System gewählt, bei denen die Fahrer, die die Klapprampen bedienen müssen, ein Teil der Barrierefreiheit sind. Da ist man allerdings der Stimmungslage des Fahrers, der Fahrerin ausgesetzt. 60 Prozent der Fahrer machen das sehr professionell, aber es gibt noch immer einen Gutteil, der Menschen mit Behinderungen als Störfaktor sieht. Ich benutze lieber mein Handbike. Das ist selbstbestimmter.

Waren das auch die Gründe für die Mahnwache 2011 vor dem Grazer Landtag?

Ruppe: Der aktuelle Grund für die Mahnwache 2011 war, dass es im Behindertenbereich auf allen Ebenen Einsparungen gab. So wurde 2011 beispielsweise die NOVA-Rückerstattung gestrichen. Sie hieß zwar immer schon Luxussteuer, aber ein Auto ist für mich ist kein Luxus, sondern wir brauchen es zur Fortbewegung, gerade weil der öffentliche Verkehr noch immer nicht umfassend barrierefrei ist. Da wollte ich meine Stimme erheben. Allerdings ist es nicht einfach, weil es noch immer nicht selbstverständlich ist, dass Menschen mit Behinderung den Mut haben, ihre Behinderung und sich selbst herzuzeigen und zu sagen, schaut her, da sind wir, wir haben Rechte und wollen die auch. Nichts über uns, ohne uns. Wir wollen eine Möglichkeit der Beteiligung haben, was uns laut UN-Konvention auch zusteht.

Daher auch ihr Leitspruch: „Man muss der Politik sagen, was sie entscheiden soll“?

Ruppe: Wir wollen mitreden. Ein Beispiel: Es ist im steirischen Behindertengesetz ein IHB-Team festgeschrieben. Wenn der individuelle Hilfebedarf festgestellt werden muss, stellt man einen Antrag an das Magistrat Graz und die schicken einen zum IHB-Team. Jetzt würde man glauben, dass dort Experten für und mit Behinderung sitzen, aber weit gefehlt. Sie sind zwar bemüht, haben aber wenig Ahnung, was eine Querschnittslähmung wirklich bedeutet und welche Unterschiede es gibt. Es kann nur ein Mensch, der die Probleme selbst kennt, nachvollziehen, ob die Schilderungen realistisch sind.

Woher nehmen Sie den Mut und das Selbstbewusstsein, sich in die Öffentlichkeit zu stellen?

Ruppe: Das hatte ich nicht von Anfang an, denn wenn dir so etwas passiert, bist du plötzlich wie ein Kleinkind, das in die Windeln scheißt. Du bist abhängig und merkst plötzlich, du bist nirgends willkommen. Nur weil dir körperlich etwas Schwerwiegenderes passiert ist, bist du plötzlich ein Mensch zweiter Klasse. Ich weiß nicht, ob ich so besonders mutig bin, aber meinen Mund habe ich immer aufgemacht. Dann macht man sich am Lebensende zumindest nicht den Vorwurf, dass man es nicht versucht hat. Man lebt nur einmal, das ist vielleicht auch eine Erkenntnis, die man durch so einen schweren Unfall hat.

Warum glauben Sie, dass Behinderung in der Öffentlichkeit heute noch ein Tabuthema darstellt und was könnte man dagegen tun?

Ruppe: Ich glaube das ist besser geworden. Zum Beispiel durch die Veränderung, dass das persönliche Budget dafür verwendet werden kann, dass Menschen mit Assistenz selbstbestimmt einkaufen gehen und so im öffentlichen Bild stärker sichtbar sind.

Wichtig wäre noch die Inklusion, denn es gehört endlich eine inklusive Schulbildung her. Es ist falsch, wenn behinderte Menschen in Sonderschulen nur mit ihresgleichen zusammen sind, dort werden sie in ihren Merkwürdigkeiten auch nicht korrigiert. Im Umgang mit „normalen“ Menschen würden sie auch lernen, wie man sich verhaltet und die anderen lernen, dass es Situationen gibt, wo der andere einfach so sein muss, damit es ihm gut geht. Behinderung erzeugt bei vielen Menschen leider noch immer große Verunsicherung, das ändert sich aber erst, wenn man vom Kindergarten weg inklusiv denkt und es normal wird.

Außerdem sind Sie ja vor kurzem Vater geworden. Freuen Sie sich auf die zukünftigen Herausforderungen?

Ruppe: Ich freue mich wahnsinnig. Ich werde sehr emotional, wenn ich an die Zwillinge denke und wie das Mädchen heute das erste Mal aus dem Inkubator gekommen und auf meinem Schoss gelegen ist. Dieser erste wirkliche Kontakt mit den Kindern ist wunderschön. Die Herausforderungen liegen jetzt bei den nächsten Wochen, aber ich sehe positiv in die Zukunft.

Daniela Schmid und das Kenne deine Rechte-Team bedanken sich recht herzlich für das Interview!


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