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Die Stadt, die grünt


Begeben wir uns auf einen gemütlichen Stadtspaziergang durch London, vorbei an viktorianischen Häusern, entlang der Themse. Plötzlich vernehmen wir das Summen von Bienen, das stechende Geräusch eines Spatens, der unermüdlich Erde umgräbt, das quietschende Geräusch einer alten mechanischen Wasserpumpe. Und siehe da, ein Garten. Inmitten des Großstadtdschungels.

Urbaner Gartenbau, ein Trend, der eigentlich gar nicht so neu ist. Bis ins 19. Jahrhundert hatte ein Großteil der Stadtbevölkerung ein Stück Garten, auf dem Gemüse angepflanzt wurde oder Kleintiere gehalten wurden. Erst mit der Industrialisierung wichen die Grünflächen nach und nach dem Beton. Seit einigen Jahrzehnten kehrt sich dieser Trend nun wieder um. Brachflächen werden zu blühenden Gärten umgewandelt, um Obst und Gemüse anzusäen und ein wenig Landleben zurück in die Stadt zu holen. Zurück zum Ursprung sozusagen.

Doch urbaner Gartenbau, so argumentieren seine BefürworterInnen, hat noch weit mehr Vorteile, als lediglich die moderne Großstadt zu begrünen. Unsere Welt erlebt eine rapide Urbanisierung. Prognosen sagen voraus, dass bis 2050 beinahe 80% der Weltbevölkerung in urbanen Zentren leben werden. Vor allem Städte in Entwicklungs- und Schwellenländern in Afrika, Asien und Lateinamerika erfahren das größte Wachstum. Insbesondere Städte in Entwicklungsländern kämpfen mit steigender Ernährungsunsicherheit und Umweltbelastung.

Steigende Ernährungssicherheit

Einerseits sind die meisten dieser Städte nicht in der Lage, genügend Arbeitsplätze für die rapide steigenden Bevölkerungszahlen zur Verfügung zu stellen. In urbanen Zentren führt ein Mangel an Einkommen zwangsläufig zu einem Mangel an Essen, da für die Nahrungsmittelbeschaffung Bargeld benötigt wird. Kosten für den Transport von Nahrungsmitteln wie auch Mangel an Infrastruktur tragen zu steigenden Nahrungsmittelpreisen in Städten bei. Als in Harare, Zimbabwe, Subventionen und Preiskontrollen abgeschafft wurden, stiegen die Preise zwischen 1991 und 1992 um 534 %. Und in der Regel leiden die untersten Bevölkerungs schichten in derartigen Krisen am meisten. Der eigene Anbau von Obst, Gemüse oder Getreide verringert somit nicht nur Abhängigkeiten von (inter)nationalen Nahrungsmittelpreisen, sondern gestaltet die tägliche Ernährung zudem abwechslungsreicher.

Für eine umweltfreundliche Stadtentwicklung

Auch wenn das Problem der Nahrungsmittelunsicherheit für westliche Großstädte nicht von höchster Dringlichkeit ist, der „Umwelt“-Aspekt sollte nicht außer Acht gelassen werden. Einerseits werden durch lokalen Anbau Transportwege verkürzt und so CO2 und weitere Abgase „eingespart“. Andererseits kreieren mehr Grünflächen Pufferzonen die sich positiv auf das Mikroklima in einer Stadt auswirken können, wie beispielsweise durch geringere Temperaturen, mehr Möglichkeiten CO2 aufzufangen oder eine höhere Artenvielfalt.

Ja, wo sind denn die Probleme?

Klingt doch alles zu schön, um wahr zu sein, denken sich hier wohl einige.

Nicht nur in Entwicklungsländern, auch in europäischen Großstädten kämpfen viele städtische GärtnerInnen mit Rechtsunsicherheit. Sprich, Gemeinschaftsgärten, ob in Nairobi oder in Graz, sind selten in Besitz derer, die sie bewirtschaften. Oft handelt es sich um brachliegende Flächen, deren BesitzerInnen den GärtnerInnen mündliche Zusicherungen gegeben haben oder denen es buchstäblich vorerst „egal“ ist, was gerade darauf passiert. Bis ein Investor mit einem vielversprechenden Projekt bei der Tür hineinschaut. Die Frage, ob man morgen noch weiter Tomaten säen kann, bereitet vielen Kopfzerbrechen.

Schlussendlich wird aber auch der urbane Gartenbau nicht in der Lage sein, um die 800 Millionen derzeit hungernder Menschen ernähren zu können. Geschweige denn die 3 Milliarden Menschen (und das ist noch die vorsichtigste Prognose), die unsere Erde bis 2050 zusätzlich bevölkern werden.

Stellt sich die Frage: Wie wird wohl die Landwirtschaft der Zukunft aussehen? Vertikal?


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