Kenne Deine Rechte

Balanceakt Journalismus


LeserInnen erwarten von JournalistInnen Objektivität und faktentreue Berichterstattung. Doch lassen sie sich von Sensationen und Skandalen ködern. Sensationsgier und der Drang nach Exklusivität lassen BerichterstatterInnen oft in einen Zwiespalt der journalistischen Ethik abrutschen.

Familienangehörige, Bekannte und MitschülerInnen bangen um ihre FreundInnen, KlassenkollegInnen und LehrerInnen. Und wir sehen zu. Die Nachricht „Eine Germanwings-Maschine ist in Frankreich abgestürzt“ ist noch keine Stunde alt und schon bauen die ersten JournalistInnen ihre Lager vor der betroffenen Schule in Haltern auf. Und wir live dabei. Dann die Meldung „keine Überlebenden“. Die Kameras laufen und fangen die tiefe Trauer und Fassungslosigkeit der Betroffenen erste Reihe fußfrei ein. Und das nur für uns. Uns, die wir kein einziges Opfer kennen und uns doch irgendwie betroffen fühlen.

Die Frage, die sich stellt: Ist das menschliches Mitfühlen oder reine Sensationsgier? Wir kritisieren die Medien im Nachhinein, dass sie im Umgang mit den Persönlichkeitsrechten in vielerlei Hinsicht falsch gehandelt haben. Doch in Wahrheit sollte sich jede Konsumentin, jeder Konsument dieser Medien fragen, ob sie zu diesem Handeln nicht auch ein Stück beitragen. Jede Zeitung möchte gekauft, jeder Artikel gelesen werden und das schaffen sie zumeist nur, wenn die dazugehörige Schlagzeile schon selbstschreiend um Aufmerksamkeit ringt. Sensation verkauft sich eben, doch auf Ethik sollte nicht vergessen werden.

Exklusivität und Schaulust

Glaubwürdigkeit ist der Medien täglich Brot. Neue elektronische Medien haben dazu geführt, dass Eilmeldungen am besten noch vor dem eigentlichen Ergebnis erscheinen sollten, um als erstes Medium die Meldung zu veröffentlichen. So häufen sich Falschmeldungen auch bei seriösen Nachrichtenhäusern und Spekulationen werden zusätzlich anheizt.

JournalistInnen berichten, was passiert ist. Sie versuchen den Kern der Geschichte zu behandeln. Dieser ist in diesem Fall nun einmal Tod, Leid, Trauer und der wahrscheinliche Massen- und Selbstmord eines Copiloten.

Genauigkeit und Rücksicht

Allerdings sollten JournalistInnen ihr Handwerk mit Sorgfalt und Respekt ausführen, zu frühe Spekulationen über den Hergang eines Ereignisses gehören nicht dazu.

Zwischen den Persönlichkeitsrechten der Betroffenen, ihrem Wunsch nach Ruhe, und dem Informationsauftrag der Medien liegt eine gewisse Grauzone. Einerseits versuchen sie durch Fotos von Trauernden am Flughafen und an der Unglücksstelle die Dimension widerzuspiegeln und für die ZuseherInnen greifbar zu machen. Andererseits muss gut überlegt werden, welche Bilder gezeigt und welche Informationen weitergegeben werden.

Denn im Mediengesetz gibt es klare Pflichten und Grenzen bezüglich des Persönlichkeits- und Ehrenschutzes, des Rechts am eigenen Bild, des Rechts auf Achtung der Privatsphäre oder der Unschuldsvermutung. Dazu gehört nicht nur die Verschleierung der Identitäten der Menschen auf Bildern, sondern auch die Veröffentlichung des vollständigen Namens des Copiloten.

Im Grunde entscheidet jedes Medium selbstständig darüber, was es veröffentlicht. Das Problem, das sich allerdings ergibt, ist der vermeintliche Druck der Konkurrenz, die womöglich jedes pikante Detail veröffentlicht. Womit wir wieder an dem Punkt angelangen, an dem die am lautesten schreiende Schlagzeile und die exklusivste Meldung die LeserInnen für sich beansprucht.


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