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Psychopass für Piloten, Busfahrer – oder gleich für alle?


Nach dem Tod von fast 150 Menschen bei einem Flugzeugabsturz, anscheinend verursacht durch einen psychisch kranken Piloten, wurde der Ruf laut, Piloten doch viel häufiger, jedenfalls jährlich, einem umfassenden psychologischen Test zu unterziehen. Man hätte dieses Geschehen verhindern können, sagen die einen. Die anderen sagen, dass auch eine jährliche Untersuchung nichts über den momentanen Zustand eines Menschen aussagt und daher sinnlos ist.

Hundertprozentige Sicherheit

Was das mit Menschenrechten zu tun hat? Auf den ersten Blick vielleicht nicht viel, keiner will schließlich mit einem solchen Piloten in den Tod fliegen. Oder mit einer Busfahrerin mit ähnlicher Absicht unterwegs sein. Oder einem spontanen Massenmörder auf der Straße begegnen. Die einzige wirklich effektive Beseitigung dieser Möglichkeit gibt es (noch) nicht, zumindest nicht in Wirklichkeit. Wie sie aussehen könnte, schildert eine japanische Serie, Psychopass, aus dem Jahr 2012, die gesellschaftliche Dystopien von der totalen Überwachung wie 1984 oder Brave New World konsequent weiterdenkt, bis zu dem Punkt, an dem es keinen Piloten mit psychischen Problemen mehr gibt: In einer nicht allzu fernen Zukunft hat jeder Menschen einen verpflichtenden Psychopass, der ganz genau den Grad der psychischen Normalität, bestehend aus Punkten wie Aggression, Depression, emotionale Erregung usw. anzeigt. Wird ein bestimmter Level überschritten, wird sogleich eine spezielle Einsatztruppe aktiv, die den potentiellen Unruhestifter bzw. Mörderin, Selbstmörder oder auch nur exzessive Säuferin aus dem Verkehr zieht und in eine Anstalt bringt, wo der Psychopass wieder „in Ordnung gebracht“ wird. In dieser Gesellschaft gibt es keine Gewalt(täterInnen) mehr, schon gar keine MörderInnen oder psychisch labilen Menschen, die ihre Mitmenschen gefährden könnten. Es gibt aber auch keine, nämlich wirklich absolut keine individuelle Freiheit mehr, nicht einmal mehr das Recht auf große Trauer. Nicht mehr nur, was jemand tut, wird überwacht, wie bei George Orwell, sondern was jemand vielleicht tun könnte, weil sein Psychopass um eine oder zwei Stufen von der vorgegebenen Norm abweicht. Unser Pilot wäre also längst vorher von der Spezialeinheit abgeholt und verwahrt worden. Aber auch jede/r andere PilotIn, der vielleicht grade Liebeskummer hat oder die sich über die stressigen Arbeitsbedingungen ärgert. Und nicht nur jeder Pilot, jede Pilotin. Auch wer mit Wut im Bauch über eine ungerechte Note aus dem Klassenzimmer geht, würde gleich abgefangen werden – man könnte schließlich ein Massaker unter den LehrerInnen und MitschülerInnen anrichten. Jeder kritische Gedanke gegenüber der Ordnungsmacht, egal ob Regierung, Polizei, Schule bedeutet dann ein Abweichen vom „grünen Bereich“ und damit Wegsperren und Umerziehen. Denn wer definiert denn, dass nur psychisch kranke PilotInnen eine Bedrohung sind und nicht auch UmweltschützerInnen oder MenschenrechtsaktivistInnen?

Wollt ihr den totalen Psychopass?

Die fiktionale Idee der Serie Psychopass zeigt, um welchen Preis psychisch bedingte Unglücksfälle, oder deutlicher gesagt Massenmorde, wirklich zu 100 Prozent verhindert werden können. Um den Preis der hundertprozentigen Überwachung des Einzelnen bis hin zu seinen innersten Gefühlen und Träumen. „Man kann nie wissen, was in einem Menschen vorgeht“, hieß es oft in Kommentaren zu dem jüngsten Flugzeugabsturz. Nein. Und das ist auch gut so. Sonst würde wohl jede Regierung das Instrument Psychopass sofort ankaufen und installieren – und dann ist die Gefahr für jede und jeden noch viel größer als beim Einstieg in das nächste Flugzeug.


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