Kenne Deine Rechte

Kleiderordnung = Gesellschaftsordnung?


Ich komme selbst aus einer Schule, in der bis vor drei Jahren eine relativ strikte Kleiderordnung galt, soll heißen: Nur Hellblau, Weiß und Dunkelblau, keine Aufdrucke, keine Miniröcke usw. Ob die Mädchen ein dunkelblaues Kopftuch hätten tragen dürfen, weiß ich leider nicht.

Es wäre aber eine interessante Frage angesichts der jüngsten Debatten um ein Kopftuchverbot an österreichischen Schulen, die diesmal von zwei Mitgliedern einer nach eigenem Verständnis in der Mitte der Gesellschaft angesiedelten, dem Katholizismus nahestehenden Partei begonnen wurde. Das Kopftuch, welches muslimische Mädchen tragen, sei „Ausdruck der Ideologie der Ungleichheit von Mann und Frau“ und mit den „europäischen Werten“ daher nicht vereinbar.

Hier findet offenbar ein Zusammenstoß gleich mehrerer Rechts- und Freiheitsansprüche statt: Auf den ersten Blick geht es um Religionsfreiheit vs. Gleichberechtigung der Geschlechter. Aber stimmt das überhaupt? Worin besteht die Gleichberechtigung der Geschlechter? Darin, dass männliche christliche Politiker statt muslimischer Väter entscheiden dürfen, was Mädchen am Kopf tragen? Oder darin, dass Mädchen und Frauen selbst entscheiden, was sie anziehen und mit ihren Haaren machen, deren Verhüllung inklusive? Was ist mit denen, die auch bei sommerlichen Temperaturen immer eine Strickhaube am Kopf haben – muss die in der Schule auch runter, um nicht die Unterdrückung der Trägerin zu symbolisieren? Und wo waren diese Politiker (beide damals schon aktiv), als es in den 1980er-Jahren den Mädchen in katholischen Schulen noch verboten war, im Sommer Hosen zu tragen?

Bitte mich nicht falsch zu verstehen: Ich finde es überhaupt nicht gut, wenn eine Religion das Leben der Menschen bis in das kleinste Detail des Alltags regelt. Ich finde es noch schlechter, wenn eine Religion die Geschlechterrollen genau festschreibt und jeden Verstoß dagegen bestrafen will. Und am schlechtesten und in der Tat mit den Menschenrechten unvereinbar ist es, wenn eine Regierung sich diese Vorstellungen einer Religion zu Eigen macht und in ihren Gesetzen Geschlechterdiskriminierung mit Berufung auf die Religion festschreibt.

Ich finde es aber erstens ziemlich unglaubwürdig, wenn Politiker derselben Partei, die sich bei uns so um die Kopftuch tragenden Mädchen sorgt, mit Ländern, wo die Menschenrechte, gerade auch in Bezug auf die Geschlechtergerechtigkeit, mit Füßen getreten werden, gute Geschäfte macht.

Und zweitens ist die Diskussion um ein Kopftuchverbot in Schulen aus mehreren Gründen ein Schritt in die falsche Richtung.

(1) Wenn in einer Schule die Freiheit besteht, anzuziehen was man will, dann kann das nicht nur für Trainingshosen und Tops gelten, sondern auch für Hauben und Kopftücher. Wer sagt mir denn, dass Mädchen mit Minirock und bauchfreien Tops diese nicht genauso aus Zwang von zuhause tragen wie es von Mädchen mit Kurzmantel und Kopftuch behauptet wird?

(2) Wenn es wirklich darum geht, die Gleichberechtigung der Frau als zentralen Wert zu festigen, muss man Fragen wie Chancengleichheit im Beruf, Kinderbetreuung, geänderte Familien- und vor allem Mütterbilder ansprechen – auch in den Reihen christlicher Politiker – nicht die Frage, wer was am Kopf hat.

(3) Wenn die Mädchen, die ein Kopftuch in der Schule tragen, es wirklich aus Zwang durch ihre konservativ-religiöse Familie tun, dann muss man mit dieser sprechen, anstatt die Mädchen einfach vor die Wahl zu stellen, in der Schule oder zuhause ein Verbot zu übertreten.

(4) Wenn die Themen Religion und Geschlechterrollen angesprochen werden, dann sollte man sich fairerweise alle Religionen anschauen. Auch viele freikirchliche Gruppen, aber ebenso konservative Katholiken, setzen ihre weiblichen Mitglieder, was Kleidung und Sexualität betrifft, massiv unter Druck, natürlich unter Berufung auf die jeweilige Auslegung der heiligen Schrift.

(5) Wenn es um „europäische Werte“ geht, klingt das ein bisschen so, als hätten alle Leute mit österreichischen Großeltern diese Werte quasi automatisch intus und den BarbarInnen aus dem wilden Osten (oder anderen nicht-europäischen Weltgegenden) müsste man sie erst beibringen. Die Vermittlung dieser Werte richtet sich aber hoffentlich an alle Schülerinnen und Schüler. In den Frauenhäusern sind nämlich nach wie vor großteils Frauen, die von ihrem „europäischen“ Partner gar nicht gleichberechtigt behandelt wurden.

Fazit: Die jüngsten Wortmeldungen zum Thema Kopftuchverbot sind nicht nur logisch wenig durchdacht, sie zeigen vor allem auch auf, wie sehr wir Probleme, die es auch in der christlich geprägten, europäischen Tradition gab und gibt, auf „Andere“ projizieren. So können wir diese „Anderen“ als „fremd“ und „nicht dazugehörig“ etikettieren, um unsere eigenen Probleme und Ungerechtigkeiten im Umgang mit Geschlechtergerechtigkeit zu verstecken.

Wenn wir über eine Kleiderordnung an Schulen reden, sprechen wir in Wirklichkeit über die Gesellschaftsordnung. Und diese wird sicher nicht freier und gerechter, wenn möglichst viele Kleidungsstücke verboten werden, egal ob Kopftuch oder Minirock.


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