Kenne Deine Rechte

Islam ist Barmherzigkeit


Der Titel dieses Artikels stellt eine gewagte These dar, wird sich so mancher denken. Die allgemeinen Entwicklungen seit dem 11. September 2001 und insbesondere der letzten Monate stellen ja eher andere Assoziationen her. „Islam ist Barmherzigkeit“ schafft Aufmerksamkeit, und genau die nutzt der österreichische Soziologe und muslimische Theologe Mouhanad Khorchide, um in seinem gleichnamigen Buch einen reflektierten Islam vorzustellen. Am 17. Oktober hielt er einen Vortrag in Graz und gab Kenne deine Rechte die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen.

Mir ist ein Anliegen zu zeigen, dass die Barmherzigkeit der Kern der Verkündung Mohammeds ist. Das Ganze geschieht aus einer innerislamischen Perspektive und ist nichts im Nachhinein Aufgesetztes. Im Koran steht eine Botschaft Gottes, an Mohammed gerichtet:

„Wir (Gott) haben dich lediglich aus Barmherzigkeit für alle Welten entsandt.“ Nicht nur Barmherzigkeit für die Muslime, wohlgemerkt, sondern für alle Menschen! Mein Ziel ist, für Muslime einen Zugang zu einem dialogischen statt einem restriktiven Gott zu bieten, und auch den Menschen in der europäischen Mehrheitsgesellschaft zu zeigen, dass wir den Islam mit ganz anderen Dingen als Gewalt assoziieren.

 Was hält Gott von Demokratie?

Gott hat sich nach islamischem Selbstverständnis im Koran offenbart, nach christlichem aber nicht in der Bibel, sondern in Jesus. Der Koran gilt daher als das Wort Gottes. Ist es möglich, das Wort Gottes als oberste Macht anzuerkennen und gleichzeitig die Gesetze eines demokratischen Staates?

Khorchide argumentiert, dass der Koran nicht als Imperativ, sondern im Dialog mit den Menschen verkündet wurde.

Gott geht dabei auf die Bedürfnisse der Menschen im 7. Jahrhundert ein. Alles wörtlich in die heutige Zeit zu übertragen ist nicht machbar und sinnvoll, und wird nicht einmal von Fundamentalisten umgesetzt.

Im Koran steht beispielsweise: „Als Transportmittel hat Gott Pferde und Esel geschaffen.“ Fragt man extrem konservative Muslime, warum sie dann mit dem Auto fahren, kommt meist die Antwort, dass dieser Text in einem Kontext verkündet wurde, als es noch keine Autos gab…

Das Gleiche gilt für andere Stellen. Im Koran ist etwa von Gewalt die Rede, weil Territorialkämpfe der Lebenswirklichkeit der Menschen vor 1400 Jahren entsprachen. Die Frage, die man sich stellen muss, ist: Was würde Gott sagen, wenn er heute zu den Menschen sprechen würde?

Wichtig ist also, sensible Themen im historischen Kontext zu verorten. Genau das ist das Ziel eines von Khorchides Projekten an der Uni Münster, nämlich einen Korankommentar herauszugeben, der sich vor allem auf jene sensiblen Themen konzentriert.

Dem Islamwissenschaftler nach möchte Gott vor allem ein friedliches Miteinander der Menschen. Man kann den Gedanken weiterspinnen und sagen, dass dazu Demokratie nötig ist und folglich Gott keineswegs etwas gegen Demokratie haben kann. Diese Auffassung entspringt der spontanen (und theologisch ungeschulten) Logik des Verfassers dieses Artikels. Der Vor- und auch Nachteil von Religion ist aber eben, dass es keine einheitliche Interpretation gibt, sondern alles eine Frage der Auslegung ist.

Das „Islamproblem“ ist oft ein Bildungsproblem

Von konservativer Seite schlägt Khorchide und seinen Einstellungen Gegenwind entgegen, seine Ansichten sind einigen muslimischen Verbänden zu modern. Schwierig zu beurteilen ist, wie seine Thesen bei der Vielzahl der MuslimInnen im deutschsprachigen Raum ankommen. Denn

wenn man von Muslimen in Österreich und Deutschland spricht, muss man bedenken, dass es sich mehrheitlich um Arbeitsmigration handelt, eine Mittelschicht ist gerade erst dabei zu entstehen. Die meisten sind theologisch ungeschult und angewiesen auf das, was ihnen erzählt wird.

Problematische Auslegungen sind also oft keine religiöse, sondern eher eine Bildungsfrage. Khorchides Erfahrungen nach ist aber vor allem die jüngere Generation sehr offen für einen „liebenden Gott im Dialog mit den Menschen.“ Allein dieses Jahr haben sich 1400 junge Menschen islamischen Glaubens für einen Studienplatz an der islamisch-theologischen Fakultät in Münster beworben, also allein dort 1400 junge Menschen, die der reflektierten Auslegung zustimmen. Einige radikale Strömungen mit politischen Zielen wollen hingegen lieber einen strafenden Gott, weil es so leichter ist, Macht auszuüben und zu legitimieren.

Um demokratiefeindliche Einstellungen zu verhindern, muss man vor allem im Religionsunterricht ansetzen. (Hier sitzen tiefgreifende Probleme, siehe Infokasten)

Solange wir davon ausgehen, dass Muslime besser sind als Andersgläubige, haben wir schon einen Kern von Gewalt in der Religion. Wir brauchen eine historische Kontextualisierung von Aussagen im Koran und eine Offenlegung von Positionen.

Es gibt den schönen Spruch: „Man kann die Bibel ernst nehmen, oder wörtlich. Beides zusammen funktioniert nicht.“ Das Gleiche kann man wohl auch über den Koran sagen.

 

Links:

Mouhanad Khorchide – Doktorarbeit (Wikipedia)


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