Kenne Deine Rechte

Die Räder, die (nicht) die Welt bedeuten


Aufgabe: Schreiben Sie eine spannende Erlebniserzählung zu folgendem Thema: Gehsteigkante.

Geht nicht? Geht schon!

Ein kleiner Schritt für die Menschheit, und drüber ist man. Kein Grund, viel Aufhebens darum zu machen. Sind ja nur 10 Zentimeter. Man geht weiter, vielleicht fällt einem gar nicht auf, dass man soeben das Straßenniveau gewechselt hat.

Die ganze Menschheit? Nein, für einen nicht geringen Teil, darunter etwa 24.000 ÖsterreicherInnen, stellen diese 10 Zentimeter ein unüberwindbares Hindernis dar: RollstuhlfahrerInnen.

Um für die großen und kleinen Alltagsschwierigkeiten der Betroffenen mehr Verständnis aufbringen zu können, haben wir, ein Teil des KenneDeineRechte-Teams, uns am 22. Juni 2014 selbst in Rollstühle gesetzt und die Grazer Innenstadt aus einer neuen Perspektive erkundet. Unterstützt und begleitet wurden wir dabei von Heinz Sailer, seit knapp 30 Jahren „Wagerlfahrer“, wie er sich und andere Menschen im Rollstuhl nennt.

Ein Tag im Rollstuhl

Die Überwindung der ersten Gehsteigkante scheint bereits Ausmaße eines Vormittagsprojektes anzunehmen, doch mit Hilfe von Heinz schaffen wir es. Für eine Schritt-für-Schritt Beschreibung ist dieser Text wohl nicht der richtige Ort, es sei nur gesagt, dass die meisten von uns dabei einen hollywoodreifen Gefühlsreigen durchleben. Am Ende steht ein Erfolgserlebnis, doch stehen uns auf dem Weg in die Innenstadt viele weitere Aufgaben dieser Größenordnung bevor. Eine Kante von ein paar Zentimetern kann man noch selbst überwinden, bei knappen 10 Zentimetern müssen wir um Hilfe bitten oder einen Umweg machen.

Wie Heinz uns erklärt, haben viele „Wagerlfahrer“ aufgrund ihrer Lähmung eine stärkere und eine schwächere Hand, manche haben in beiden kein Gefühl. Glück hat, wer selbst fahren kann und nicht geschoben werden muss. Glück. Das Wort bekommt im Laufe des Tages eine ganz neue Bedeutung für uns.

Auch bei uns „ProbefahrerInnen“ ist der Ehrgeiz geweckt, den Weg zum Jakominiplatz möglichst selbstbestimmt und ohne Hilfe zu meistern. Die größten Schwierigkeiten: schräge Gehsteige, die ein ständiges kraftraubendes Gegenlenken nötig machen, holpriges Kopfsteinpflaster, zu enge Türeingänge und natürlich Stufen und Kanten jeglicher Art.

Ein besonderes Problem stellen die engen Türeingänge und nicht barrierefreien Lokale dar, wenn man „schnell mal“ auf die Toilette muss. Noch vor ein paar Jahrzehnten hatte man als RollstuhlfahrerIn keine Chance, sich in der Stadt zu erleichtern, heute ist zumindest die Innenstadt recht flächendeckend mit barrierefreien Toiletten ausgestattet. Generell meint Heinz, dass Graz unter den österreichischen Städten beim Thema Barrierefreiheit ziemlich gut dasteht. „Natürlich ist noch vieles verbesserungswürdig, aber man muss auch anerkennen, was sich in dem Bereich alles getan hat.“

A g´schobene Partie

„Es ist im Grunde egal, ob man gehen kann oder nicht. Im Leben kommt es auf ganz andere Dinge an.“, meint ein Bekannter von Heinz, der ein Stück des Weges neben uns herrollt. „Wagerlfahrer“ sind ganz gewöhnliche Menschen, mitleidvolle Blicke meist fehl am Platz. Selbstverständlich wünschen sie sich wie jede(r) andere auch, mit Respekt behandelt zu werden, vor allem untereinander wird aber auch gerne mal gescherzt. „Man darf die positive Lebenseinstellung nicht verlieren“, wie Heinz meint. Schwer fällt das, wenn einem zusätzliche Hürden gestellt werden, wie etwa ignorante FahrradfahrerInnen, die am Behindertenparkplatz abgestellte Autos völlig zuparken oder Leute, die sich unrechtmäßig auf so einen Parkplatz stellen. „Da muss man sich schon sehr zusammennehmen, um nicht wahnsinnig wütend zu werden. Inzwischen habe ich aber gelernt, dass ein mit einem Lächeln verbundener Hinweis oft mehr bewirkt als eine Anzeige.“

Was bleibt

Eine letzte spannende Aufgabe, die wir uns selbst stellen: Die Rückfahrt mit der Straßenbahn. An dieser Stelle ein Lob an den GVB-Fahrer, der uns fachkundig, tatkräftig und mit dem nötigen Fingerspitzengefühl in die 7er-Bim schlichtete. Trotz seiner Vorsicht ist es jedoch ein mulmiges Gefühl, ganz und gar jemandem ausgeliefert zu sein, der einen rückwärts aus der Straßenbahn hebt.

Der Tag beginnt und endet mit der gleichen viel zu hohen Gehsteigkante in der Elisabethstraße. Inzwischen wissen wir, dass wir da nicht hochkommen, und warten entspannt auf den Teil unseres Teams, der uns zu Fuß begleitet hat. Es ist keine Schande, sich helfen zu lassen.

 

Ein spannender Ausflug, ein interessantes Erlebnis, ein wahnsinniger Muskelkater am nächsten Tag. Resümee: RollstuhlfahrerInnen und andere Menschen mit Beeinträchtigung sind nicht behindert, sie werden behindert.

 

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