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Der Handel im Milieu


Delia ist 19 und lebt in einem kleinen Dorf in Rumänien. Sie arbeitet als Verkäuferin und träumt von einem besseren Leben. Aber ihr Heimatort bietet ihr wenig Zukunft. Eine Freundin von Delia ist ein Jahr zuvor nach Österreich ausgewandert und als sie das erste Mal in die Heimat auf Besuch kommt, hat sie neue und teure Kleidung an und erzählt von ihrer tollen Arbeit im Ausland und von einem Arbeitsangebot für Delia als Kellnerin, bei dem sie gut verdienen werde…

Die junge Frau ist begeistert und Delias Freundin organisiert alles für sie: Visum, Tickets und Arbeitsvertrag. Kaum angekommen, bietet die Freundin ihr an, ihre Dokumente einzustecken, weil die Gegend für Taschendiebe bekannt sei. Vorm Bahnhof treffen die Mädchen auf einen Mann
. Die Freundin übergibt ihm Delias Papiere, bekommt Geld dafür und geht. Delia merkt, dass der Mann gefährlich ist, will weglaufen, doch es ist zu spät. Der Mann packt sie, bedroht sie, bringt sie in ein Haus, in dem sie eingesperrt und zur Prostitution gezwungen wird. Willkommen in der Sklaverei des 21. Jahrhunderts.

Sklaverei des 21. Jahrhunderts

Sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen ist die häufigste Form von Menschenhandel.

Rund 43% aller Menschenhandelsopfer landen in der Zwangsprostitution. Sie werden durch eine Agentur, einen sogenannten „Loverboy“ oder sogar durch die eigenen FreundInnen oder die Familie angeworben und mit dem Versprechen auf einen Job als Kellnerin, Fotomodell oder Verkäuferin ins Zielland gelockt. Kaum angekommen wird der Traum zum Albtraum. Der versprochene Job existiert eigentlich gar nicht. In vielen Fällen wird den Frauen der Pass abgenommen und erklärt, dass sie angehäufte „Schulden“ für Transport, Unterkunft und Ähnliches abarbeiten müssen. Die Frauen sind einer ständigen Kontrolle ausgesetzt und leben fortan unter sklavenähnlichen Umständen. Drohungen und Gewalt stehen dabei auf der Tagesordnung. Sollten sie sich widersetzen, wird damit gedroht, dass der Familie in der Heimat etwas passiert.

In Österreich stammt der überwiegende Teil der gehandelten Frauen aus Gegenden von Osteuropa, in denen ein normaler Job kaum zum Überleben reicht. In ihrer Heimat haben sie keinen Zugang zu höherer Bildung und sind gesellschaftlicher und politischer Gleichstellung ausgeschlossen. Aus diesem Grund nehmen sie große Risiken auf sich, um den prekären Lebensverhältnissen zu entkommen.

Der Ausstieg aus dem Gewerbe fällt den meisten sehr schwer. Sie haben in vielen Fällen kein großes Selbstwertgefühl, werden eingeschüchtert und isoliert. Hinzu kommt, dass sie meist illegal im Land sind oder bereits negative Erfahrungen mit PolizeibeamtInnen gemacht haben und sich deshalb nicht trauen, die Polizei um Hilfe zu bitten. Die fehlenden Kenntnisse der Landessprache führen dazu, dass die Frauen den HändlerInnen vollständig ausgeliefert sind.

 Das nordische Modell

Betrachtet man die Entwicklungen der einzelnen EU-Länder in den vergangenen Jahren, ist der Trend eindeutig: Immer mehr europäische Länder gehen in Richtung eines allgemeinen Prostitutionsverbots. Neben den skandinavischen Ländern verabschiedete auch Frankreich nach langjähriger Debatte Ende 2013 die „Freier-Bestrafung“.

In der Frage, ob eher eine Liberalisierung oder ein Verbot besser für den Kampf gegen Menschenhandel geeignet ist, spalten sich die Meinungen. Legalisierung von Sexarbeit diene dem Menschenhandel, argumentieren die einen, denn in Ländern mit liberalen Prostitutionsgesetzen gibt es generell mehr Menschenhandelsopfer. Auf der anderen Seite wird befürchtet, dass ein Prostitutionsverbot die Frauen in den Untergrund dränge. Legale Sexarbeit ist nämlich grundsätzlich an strenge Auflagen gebunden. Dazu gehört in Österreich zum Beispiel eine verpflichtende wöchentliche Gesundheitsuntersuchung. Sind diese Auflagen nicht gegeben, wird das Risiko umso größer, dass SexarbeiterInnen in ausbeuterischen und auch gesundheitsgefährdenden Verhältnissen landen
.

Darüber hinaus muss zwischen Zwangsprostitution und freiwilliger Sexarbeit unterschieden werden. Es gibt natürlich auch Frauen, die selbstständig und offiziell in der Branche arbeiten. Da ihre Tätigkeit legal ist und die Bordellbetreiber Auflagen erfüllen müssen, haben diese Frauen einen gewissen Schutz. Darum stellt sich die Frage, ob ein allgemeines Verbot dem Problem wirklich entgegentritt. Die Kriminalisierung freiwilliger Sexarbeit stößt jedenfalls auf heftige Kritik. Das Europaparlament fordert, dass jede Form der Prostitution strafbar gemacht werden soll. Das Internationale Komitee für die Rechte der SexarbeiterInnen in Europa (ICRSE) ist hingegen der Meinung, dass das nordische Modell nicht das geeignete Mittel sei, um Menschenhandel zu reduzieren.

Fakt ist: Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt und die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen wird sich mit einem allgemeinen Verbot kaum in Luft auflösen. Wo kann also angesetzt werden, um dem Frauenhandel und der Zwangsprostitution entgegenzuwirken? Eines ist klar, Menschenhandel bleibt viel zu oft unerkannt. Eine allgemeine Sensibilisierung zu der Thematik muss her. Bewusstseinskampagnen und Präventionsstrategien speziell für sozial-ausgeschlossene Menschen sind auf jeden Fall ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

 

Foto (c) ETC Graz, Ganz Recht! Kampagne zur EMRK; mehr Infos zur Kampagne

 


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