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Existenzlohn für alle!


Dienstag 22. Oktober. Eine Gruppe junger Leute, ganz in Schwarz gekleidet, versammelt sich am Grazer Hauptplatz. Jede/r von ihnen trägt ein winziges Pulloverstück und halten überdimensionale Wollknäuel in den Händen. Sie wollen symbolisieren, dass im Schnitt gerade einmal 1% des Verkaufspreises eines Pullovers auch wirklich bei den Menschen, die ihn nähen, ankommt. Damit wollen sie PassantInnen auf die katastrophalen Zustände in der Bekleidungsindustrie aufmerksam machen.

Existenzsichernder Lohn ist ein Menschenrecht

Die Forderung nach einem existenzsichernden Lohn steht im Mittelpunkt der Grazer Straßenaktion, die im Rahmen der europaweiten Aktionswoche NäherInnen verdienen mehr- Existenzlohn für alle stattfand. Diese Aktion wird organisiert von der Clean Clothes Kampagne, die sich aktiv für faire Arbeitsbedingungen in der Bekleidungs- und Sportartikelproduktion weltweit einsetzt. Ziel ist es die Öffentlichkeit auf die Situation der Näherinnen aufmerksam zu machen und Unterschriften zu sammeln. Damit möchte man schließlich Druck auf internationale Textilkonzerne, aber auch auf die Regierungen in den Produktionsländern sowie auf die Regierungen in Europa machen.

Ein existenzsichernder Lohn ist schließlich ein Menschenrecht laut Artikel 23 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Das bedeutet, die NäherInnen müssten während einer 48-Stunden-Woche einen Lohn verdienen, der ausreicht um ihre Grundbedürfnisse und die ihrer Familie zu befriedigen. Dazu zählen neben Ernährung und Unterkunft auch Transport, Kleidung, Bildung, medizinische Versorgung sowie ein geringes frei verfügbares Einkommen für unerwartete Notfälle.

Ausbeutung ist die Regel

Doch leider sieht die Realität anders aus: extrem niedrige Löhne, 12-Stunden-Arbeitstage ohne Pause, unbezahlte Überstunden, weder Kranken- noch Altersversicherung, kein Mutterschutz. Das alles grenzt an moderne Sklaverei, während die Markenfirmen Gewinne in Milliardenhöhe einfahren.

In Bangladesch verdient eine Näherin etwa 32 US-Cent pro Stunde. Das entspricht laut der Asia Floor Wage Alliance 11% des für Bangladesch errechneten Existenzlohns. Von einem menschenwürdigen Leben kann mit diesem Einkommen nicht die Rede sein.

Mit dieser Botschaft ziehen die Grazer AktivistInnen durch die Herrengasse und versuchen damit die Menschen zu erreichen. Viele zeigen sich ernsthaft schockiert über die Situation der NäherInnen. Immer wieder kommt jedoch die Frage „Und was soll meine Unterschrift da bewirken? Was soll das ändern?“. Die AktivistInnen wurden dabei nicht müde zu erklären, dass natürlich ein Einzelner, eine Einzelne wenig bewegen kann, dass es aber gemeinsam möglich ist. Neben einer Menge gesammelter Unterschriften konnte so auch der ein oder andere Skeptiker zum Nachdenken angeregt werden.

Nur 27 Cent

Dabei fehlt gar nicht viel, um den NäherInnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Um genau zu sein: 27 Cent. Laut Berechnungen der niederländischen Organisation Fair Wear Foundation müssten die Lohnkosten für ein durchschnittliches T-Shirt um nur 27 Cent erhöht werden. Ein Betrag, der vermutlich sogar problemlos auf die KonsumentInnen abgewälzt werden könnte. Umso unverständlicher ist es für die Grazer AktivistInnen, dass die Firmen nicht längst in diese Richtung gehen, schließlich könne man daraus auch eine sehr vielversprechende Marketingstrategie machen. Doch sie wollen nicht aufgeben und so kommt die nächste Straßenaktion bestimmt. Denn ein existenzsichernder Lohn sollte nun wirklich nicht an 27 Cent scheitern.

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