Kenne Deine Rechte

Blut muss fließen


Ein altes, heruntergekommenes Gebäude irgendwo im Nirgendwo. Man würde es auf den ersten Blick für eine Scheune oder ehemalige Fabrikshalle halten und dort keine Menschenseele vermuten. Doch als Thomas Kuban die Türen öffnet, findet er sich inmitten von Menschen wieder, laute Musik schlägt ihm entgegen. „[…]Blut muss fließen knüppelhageldick, und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik…“, grölen hunderte Menschen, die rechte Hand zum Hitlergruß in die Luft gestreckt.

Undercover unter Nazis

Dieses und andere antisemitische, zur Gewalt aufrufende, verbotene Lieder der Rechtsrock-Szene hat der unter dem Pseudonym Thomas Kuban arbeitende deutsche Journalist in den vergangenen Jahren nicht nur einmal gehört. Jahrelang hat er sich, mit Neonazi-Montur und Knopflochkamera ausgestattet, in die deutsche Rechtsrock-Szene eingeschleust, deren Konzerte besucht und heimlich gefilmt. Aus dem gesammelten Material wurde schließlich unter Regie von Peter Ohlendorf der eindrucksvolle Dokumentarfilm Blut muss fließen: Undercover unter Nazis. Dieser besteht zu einem großen Teil aus verdeckten Mitschnitten von Rechtsrock-Konzerten und gibt schockierende Einblicke in die Rechtsrock-Szene Mitteleuropas. Erschreckend sind dabei nicht nur die Songtexte und der große Andrang, sondern auch die Rolle von Polizei und Behörden – so ist bei einem der Konzerte zum Beispiel genug Polizei vorhanden um einzugreifen, abgebrochen wird die Veranstaltung aber trotz eindeutiger Straftaten nicht.

Volles Risiko

Bis zu diesem Film war es für Kuban ein weiter Weg – jahrelang hat er dafür keine Kosten und Mühen gescheut. Mit dem Ziel zu zeigen, dass es sich bei solchen Rechtsrock-Konzerten eben nicht um harmlose Privatveranstaltungen, sondern um organisierte Konzerte, bei denen Straftaten begangen und zu Gewalt aufgerufen wird handelt, ist er über die Jahre immer tiefer in die Szene eingedrungen. Bei seinen jahrelangen Recherchearbeiten und verdeckten Drehs hat er viel riskiert und sich immer wieder in Lebensgefahr gebracht, denn Kuban war bei Rechtsrock-Konzerten inmitten von Neonazis völlig auf sich allein gestellt. Damit seine Tarnung nicht auffliegt, tritt er als Protagonist des Films daher immer nur mit blonder Perücke und Sonnenbrille verkleidet auf. Auch was die Finanzierung angeht, standen Kuban und Ohlendorf während der Filmproduktion praktisch alleine da. Da sie weder von Filmförderung noch von einer Fernsehanstalt unterstützt wurden, wurde der Film privat vorfinanziert, ständige Geldprobleme erschwerten Recherche und Produktion.

Endlich auf Tour

Kuban und Ohlendorf fiel es zunächst schwer, mit ihrem Film an ein Publikum heranzukommen: Als die Filmproduktion beendet war, stießen sie auf wenig Unterstützung und viel Ignoranz, der Film wurde vorerst nicht gezeigt. Nach der erfolgreichen Premiere bei der Berlinale 2012 ist es aber doch gelungen, Interesse zu wecken. Seit Monaten ist Ohlendorf im Rahmen einer Tour durch Deutschland und Österreich unterwegs. Der Film wird in Schulen und bei diversen öffentlichen Veranstaltungen gezeigt, wobei es Ohlendorf wichtig ist, den Film ganz gezielt dem richtigen Publikum zu zeigen und mit diesem auch darüber zu diskutieren. Die Tour erfreut sich einer überraschend großen Nachfrage – bisher haben fast 50.000 ZuseherInnen den Film gesehen, bis Ende des Jahres ist Ohlendorf praktisch ausgebucht. Am 3. Mai 2013 kam Ohlendorf im Rahmen seiner Tour nach Graz, der Film wurde im Jugendkulturzentrum „Explosiv“ gezeigt. Der Andrang war groß: Mehr als 450
Besucherinnen und Besucher füllten den Konzertsaal bis zum Anschlag. Im Anschluss an den Film gab es dann noch eine interessante Publikumsdiskussion mit Ohlendorf, bei der ZuseherInnen Fragen und Anmerkungen aller Art an Ohlendorf richten konnten.

PS: Wir vom Kenne deine Rechte-Team waren bei der Veranstaltung natürlich mit dabei – mehr Infos zur Rechtsrock-Szene gibt‘s auch in den anderen beiden Artikeln dieser Ausgabe.

 

Weiterführende Links

Mehr Infos zum Film

Kurzbericht zur Veranstaltung

 


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