Kenne Deine Rechte

Mit der Landkarte in der Hand


Seit 1978 gibt es in Afghanistan bewaffnete Konflikte. In den Nachrichten hört man von Anschlägen der Al-Quaida beziehungsweise der Taliban gegen die afghanische Zivilbevölkerung, von “Unruhen”, die uns inzwischen längst nicht mehr “aus der Ruhe bringen”. Nur selten kann man einen Blick hinter diese von den Medien geschaffene Fassade werfen. Kaum zu glauben ist die kriegsreiche Geschichte Afghanistans. Besonders berührend und für unsere Verhältnisse unvorstellbar sind die Erzählungen derer, die mit Morden an der eigenen Familie groß geworden sind. Die, die mit dem Wunsch nach einer glücklichen Zukunft nach Österreich kommen – meist sind sie kaum älter als 16 Jahre.

Wenn Fernsehen zum Sprachkurs wird

Siyar ist 17 Jahre alt und lebt nun in Österreich. Seit zwei Jahren besucht er die Polytechnische Schule in Graz. Im ersten Jahr hat er wenig verstanden, damals konnte er noch nicht gut Deutsch. Unsere Sprache hat er ohne Deutschkurs alleine gelernt. In erster Linie durchs Fernsehen und stets mit der Einstellung “nothing is impossible”, wie er selbst sagt. Seine Geschichte ist eine von vielen beeindruckenden und zugleich schockierenden.

Flucht nach Europa

Beim Versuch Siyars Bruder zu finden, der für die USA arbeitete, hielten ihn die Taliban fest. Mit Messern, Schlägen und schlimmeren Mitteln wollten sie ihn zum Reden bewegen. Doch was soll jemand sagen, der nichts weiß?

Nach etwa einem Monat flüchtete Siyar nach Hause, in freudiger Erwartung seine Familie wiederzusehen. Er fand die Leichen seiner Eltern und seiner nicht einmal zehn Jahre alten Schwester. Damals war er acht Jahre alt. Komplett allein überlebte er tagelang ohne Essen, irgendwann siegte aber der Hunger und er begann aufgrund mangelnden Geldes Essen zu stehlen. Dafür wurde er von vielen Menschen geschlagen. Irgendwann stand für ihn fest, dass er nicht in Afghanistan bleiben konnte. Von seinem letzten Geld kaufte er sich eine Landkarte und machte sich auf den Weg nach Europa. Obwohl er sechs Monate lang kaum zu essen hatte, gab es für ihn immer nur den Gedanken ans Weitergehen.

Als er in Europa zum ersten Mal von Österreich hörte, wollte er unbedingt in dieses Land. Bisher sind ihm alle Menschen mit viel Respekt begegnet und das schätzt er an den ÖsterreicherInnen. Große Angst hat er davor, nicht hierbleiben zu dürfen.

Auf die Frage ob er noch einmal zurück nach Afghanistan wolle, kam prompt die Antwort “Nein”. Und doch, meinte er, wolle er vielleicht für einige Tage dorthin, um das Grab seiner Eltern zu besuchen.

Stetig mehr jugendliche Flüchtlinge

Ähnlich wie Siyar geht es vielen anderen. Jede und jeder hat seine eigene Geschichte, jede und jeder seine eigenen Gründe für die Flucht aus Afghanistan. Immer mehr Jugendliche und Kinder schaffen es bei ihrer Flucht bis nach Österreich. 2012 waren es allein bis Oktober mehr als 1400, bei sechs von zehn handelt es sich Jugendliche unter 18 Jahren, die aus Afghanistan stammen.

Es ist eine andere Welt

Wir leben in einer Welt ohne Krieg, Frieden ist für uns Alltag. Wir können uns nicht vorstellen, solch schlimme Dinge zu erleben wie Siyar erleben musste. Als er beim Interview vor uns sitzt, die wir die Chance haben seine Geschichte zu hören, empfinde ich bei jedem seiner Worte mehr Respekt für ihn. Es ist unglaublich, was ein so junger Mensch schon durchgemacht hat. Noch unglaublicher ist, dass es ihn nicht kaputtgemacht, sondern stärker gemacht zu haben scheint.

Möglicherweise täte es vielen Menschen gut eine Geschichte wie Siyars zu hören. Denn dann kann man wirklich beginnen zu verstehen, wie es sein muss, aus seinem Heimatland flüchten zu müssen.

 


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