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Heimatlos


Und da ist er wieder- dieser grölende Lärm. Das Sirenenheulen scheint kein Ende zu nehmen. Mit einem dröhnenden Nachhall in den Ohren, einem Gewehr in der Hand und dem bangen Gefühl im Herzen, welch Angst und Schrecken diese Waffe auslösen kann, vergeht ein weiterer Tag in einem Land, das seit Jahrzenten zerrissene Heimat einer zweigeteilten Bevölkerung ist.

Israel…

… ist Schauplatz einer der vielschichtigsten Konflikte der Geschichte. Der Nahostkonflikt  hat weit zurückliegende Hintergründe und ist bis heute in den Bevölkerungsgruppen tief verwurzelt.

1948 wurde der jüdische Staat Israel von ZionistInnen gegründet. Der Zionismus ist eine Bewegung des 19. Jahrhunderts mit seinen nationalistischen Strömungen. Er veranlasste schon lange vor dem Nationalsozialismus  etliche Juden und Jüdinnen, ihre Geburtsländer zu verlassen, um einen jüdischen Nationalstaat in Palästina zu gründen, was nach dem 2. Weltkrieg letztlich als Folge der  nationalsozialistischen Judenverfolgungen gelang. Seitdem gab es zahlreiche bewaffnete Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern. Die territorialen Problematiken und religiösen Aspekte spiegeln die Komplexität eines Konfliktes wieder, dessen Lösung noch einen weiten Weg vor sich hat.

Seit dem rasanten Anstieg der jüdischen Bevölkerung ist sehr viel Zeit vergangen. Doch Immigration ist nicht mit ein oder zwei Generationen abgehakt. Genau das thematisiert die israelische Theaterkünstlerin Yael Ronen in ihrer Inszenierung „Hakhoah Wien“ im Grazer Schauspielhaus auf beeindruckende Art und Weise.

Hakhoah Wien

So nennt sich der legendäre, heute noch aktive jüdische Sportverein. „Hakhoah“ (hebräisch für Kraft) wurde bereits vor dem ersten Weltkrieg in Wien gegründet und erzielte vor allem im Fußball beachtliche Erfolge. Damals war es eine Mannschaft voller selbstbewusster, liberaler Juden, die auf dem Spielfeld Jubel und Anerkennung erhielten. Nach den Spielen sind die „Helden“ aber oft schmerzvoll auf den Boden Realität zurückgeholt worden, wenn sie aus antisemitischen Motiven zusammengeschlagen wurden. Wie viele ihrer Zeitgenossen beschlossen sie Österreich zu verlassen, um in eine Heimat aufzubrechen, in der sie nie zuvor waren. Die hoffnungsvoll ersehnte Auswanderung in das vielversprechende Palästina endete aber für viele ZionistInnen im Niemandsland.

Generationenmatch

Das mehrfach als Theaterwunder bezeichnete Stück ist wohl ein Gegenstück zu dem, was man mit einem derart heiklen Thema in Zusammenhang bringen würde. Es werden Klischees und Tabus entlarvt, die der heutigen Generation auf der Suche nach der eigenen Identität im Weg stehen. Dabei wird über Antisemitismus, jüdische Emigration und Fußball geredet und gescherzt. Das ganze Stück ist wie ein Match angelegt, das mit dem jungen und facettenreichen Grazer Ensemble berührt und zugleich fasziniert.

Die zentrale Rolle spielt der Soldat Michael Fröhlich (Michael Ronen, der von der israelischen Armee für Propagandaauftritte nach Wien geschickt wurde und dabei zufällig auf die Spuren seines, aus Österreich geflüchteten, Großvaters stößt. Der optimistische Komiker Michael beginnt in Wien an der Lebensqualität seiner israelischen Heimat zu zweifeln, unter anderem, weil er hier nur zu Mittag und nur zur Probe das Heulen der Sirenen ertragen muss.

„Wir kämpfen nicht, weil wir den Krieg lieben. Wir kämpfen, weil wir leben wollen.“- Aber ist es wirklich die einzige Option, im eigenen Land mit einer Waffe in der Hand zu leben?

 

Wichtige Informationen: weitere Vorstellungen von „Hakhoah Wien“ gibt es noch am: 05.12.12, 22.01.13, 24.01.13 und am 25.01.13 im Grazer Schauspielhaus

Foto: (c) Lupi Spuma (mit Julius Felmeier, Knut Berger, Michael Ronen)


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