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Es weihnachtet schwer


Eine scheinbar endlose anonyme Menschenmasse schiebt sich die Straße hinauf, jede/r hat es eilig, versucht schnellstmöglich von A nach B zu gelangen, soweit das in diesem Gedränge überhaupt möglich ist. PassantInnen betreten eilig die Geschäfte und verlassen sie meistens schon einige Minuten später mit prallgefüllten Einkaufssackerln wieder. Ein einziger Wettlauf gegen die Zeit und die Angst vor bereits leergekauften Regalen.

Entlang der breiten Einkaufsstraße stehen Punsch- und Waffelstände fein säuberlich wie die einzelnen Perlen einer Kette nebeneinander gereiht, jeder von einer anderen Organisation, von Caritas bis Kolping sind alle vertreten. So unterschiedlich die Namen, die in großen Lettern auf den Holzhütten prangen auch sein mögen, eines haben alle Hütten gemeinsam: Sie verkaufen Punsch oder Waffeln an gestresste PassantInnen, die ihre Weihnachtseinkäufe erledigen.

Egal ob Buchladen, Modegeschäft oder Einrichtungshaus, beim Betreten jedes Geschäftes stellt sich erneut die Frage: Gibt es aufgrund der vielen Menschen überhaupt ein Durchkommen? Werde ich es zum richtigen Regal schaffen? Wenn ja, was kaufe ich dann? Und für wen überhaupt?

Mit dem Reinerlös des Verkaufs soll Menschen geholfen werden, die es schwer haben, nicht nur in der Weihnachtszeit. Menschen, die es sich auch in dieser Zeit des Jahres nicht leisten können, einen ausgiebigen Einkaufsbummel zu unternehmen. Menschen, die nicht darüber nachdenken, wem sie was zu Weihnachten schenken, sondern die sich Gedanken um die kommende Heizkostenabrechnung machen (müssen).

Ist dann das gewünschte Geschenk für die richtige Person gefunden, ist jedes Mal ein leichtes Aufatmen hörbar und das Drängeln durch die Menschenmasse beginnt von Neuem. Spätestens an der Kassa dann der Schock: Das Geschenk ist scheinbar doch teurer als erwartet und es drängt sich die Frage auf: Wollte ich wirklich so viel Geld ausgeben? „Der Preis spielt doch bei einem Geschenk keine Rolle,“ meldet sich das Gewissen zu Wort, „denn Weihnachten ist ja nur einmal im Jahr.“

Die wenigen freien Plätze auf der Straße, welche nicht von Punschständen oder Weihnachtsbäumen besetzt sind, haben sich Männer und Frauen erobert, die mit gesenktem Kopf auf dem gefrorenen Boden sitzen und die vorbeihetzenden PassantInnen stumm um Geld bitten.

Beim Verlassen des Geschäftes ist der Preisschock schon wieder vergessen, innerlich bereitet man sich schon auf das Gedränge im Buchladen vor und fasst wie auch schon im letzten Jahr denselben Vorsatz: „Nächstes Jahr fange ich früher mit dem Geschenkeeinkaufen an.“

In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten, denn es weihnachtet schwer (sehr)!

 

Bildausschnitt: Roland Furthmaier, Augsburger Allgemeine


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