Kenne Deine Rechte

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“


Der kleine Farid steht vor seinem Haus in der iranischen Provinzhauptstadt Ghom und sieht den Flugzeugen nach, wie sie langsam in der Ferne verschwinden, bis nur mehr ein Punkt am Horizont übrig ist. Alles, was sie hinterlassen, sind die langsam verblassenden Kondensstreifen. Farids Traum ist es zu reisen, frei umherzuziehen wie die Zugvögel, fremde Länder zu entdecken. Doch so einfach wird sich dieser Traum nicht erfüllen lassen. Als iranischer Staatsbürger kann er derzeit nur 37 Länder ohne ein vorher beantragtes Visum bereisen. Damit belegt der Iran Platz 96 von 103 im jährlich von Henley&Partners durchgeführten Visa Restrictions Index. Die Liste führte im Jahr 2012 Dänemark mit 169 visafreien Ländern an, gefolgt von Schweden, Finnland und Deutschland mit je 168 Ländern.

Grenzen soweit das Auge reicht

Freier Personenverkehr, damit wirbt die Europäische Union. Doch die Außengrenzen werden dafür umso stärker bewacht. Bis zu sechs Meter hohe Zäune, Bewegungsmelder, Nachtsichtgeräte, Kameras sollen die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla in Nordafrika vor Flüchtlingen „schützen“, die in die „Festung Europa“ gelangen wollen. Doch hätte sich der Homo sapiens vor zehntausenden von Jahren nicht aus Afrika aufgemacht, wäre Europa bis heute ausschließlich von Wölfen, Bären und Bäumen besiedelt. Einwanderungsprobleme gäbe es vermutlich keine.

Das derzeitige politische System ist territorialstaatlich gegliedert, mit Grenzziehungen als ein charakteristisches Symbol für Recht und Ordnung. Doch Grenzen inkludieren nicht nur, sie exkludieren, schließen aus. Grenzen sind nicht bloß Linien auf dem Papier, sie schaffen auch Barrieren in unseren Vorstellungswelten. Visabestimmungen spiegeln Beziehungen zwischen einzelnen Staaten wieder, doch sie sind auch Ausdruck von gesellschaftlichem Ansehen in der globalisierten Welt.

Kuba: Dem Traum von Reisefreiheit ein Stückchen näher?

Allerdings gibt es nicht ausschließlich Einreiserestriktionen, in einigen Staaten benötigen BürgerInnen zudem eine Ausreiseerlaubnis um das Land verlassen zu dürfen, wie in der Volksrepublik China oder in Kuba. In letzterem soll sich dies allerdings bis zum 14. Januar ändern. Ab da sollen für die Ausreise nur mehr ein gültiger Pass sowie ein Einreisevisum des Ziellandes nötig sein. Auch die mögliche Dauer eines Auslandsaufenthalts wurde von 11 auf 24 Monate verlängert. Um weitere Verlängerung muss beim kubanischen Konsulat angesucht werden. Einschränkungen gibt es nach wie vor eine Menge. So werden von der kommunistischen Regierung unter Raúl Castro auch weiterhin Maßnahmen ergriffen, um ein Abwandern von hoch qualifizierten Personen zu verhindern und so die kubanische Intelligenz im Land zu behalten. Der Traum von Reisefreiheit bleibt für viele KubanerInnen wohl auch weiterhin unerfüllt.

„Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“

Dass Visaerleichterungen und ein Überdenken der derzeitigen Grenzpolitik auch das wirtschaftliche Wachstum ankurbeln, zeigt eine gemeinsame Studie der WTTC (World Travel & Tourism Council) und der UNWTO (World Tourism Organisation). Die G20-Staaten wären in der Lage, ihre derzeitige Anzahl an TouristInnen um zusätzliche 112 Millionen zu steigern, 206 Milliarden US$ mehr zu erwirtschaften und bis 2015 über 5 Millionen Jobs zu schaffen. Um dies zu erreichen, müssten sie jedoch ihre Visaprozesse und Einreiseformalitäten überarbeiten.

Es bleibt zu hoffen, dass Regierungen zumindest im wirtschaftlichen Aspekt genug Anreiz dafür sehen.

Zahnarztbesuch in der Mongolei? Einkaufen in der russischen Hauptstadt? Philosophische Diskussionen am Ocean Drive?  Ein Hoch auf die Reisefreiheit!

 

Weiterführende Links

Kuba gewährt seinen Bürgern Reisefreiheit (Die Presse, 16.10.2012)


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