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Entwicklungszusammenarbeit und Menschenrechte – ein heikles Thema


„Nahe am Menschen sein“, das erlebt Ernst Zerche, der Geschäftsführer des Päpstlichen Missionswerkes MISSIO Steiermark, immer wieder bei Hilfsprojekten in der sogenannten Dritten Welt. Entwicklungszusammenarbeit der katholischen Kirche im Dienste der christlichen Nächstenliebe und der Menschenrechte hebt aber anderes Unrecht im Zusammenhang mit den Menschenrechten nicht auf.

 

MISSIO – in Österreich mit Hauptsitz in Wien – ist ein katholisches Hilfswerk, das auf der ganzen Welt Projekte der Entwicklungszusammenarbeit mit pastoralen, aber oft auch sozialen Schwerpunkten unterstützt
. Für die Hilfe und Mission wird das Netz der kirchlichen Einrichtungen genützt. Die Kirche übernimmt in vielen Ländern Aufgaben, die eigentlich Aufgabe des Staates wären, zum Beispiel genügend Schulen oder Gesundheitseinrichtungen zur Verfügung zu stellen. Oft geht es bei den Projekten auch um Grundrechte des Menschen, zum Beispiel im Allgemeinen um Bildung für Kinder, im Konkreten um Hilfe für Kindersoldaten in Uganda, um Toiletten für Landminenopfer in Kambodscha oder um die Unterstützung der Landlosen in Lateinamerika
.

Heikles Thema

Ernst Zerche von der MISSIO-Landesstelle Steiermark in Graz, der solche Projekte betreut und fotografisch dokumentiert, nennt dazu ein weiteres Beispiel, wo sich VertreterInnen der katholischen Kirche für Menschenrechte einsetzen: „Wenn sich Bischof Erwin Kräutler gegen die Zerstörung des Regenwalds durch Staudämme wehrt, hat das indirekt doch mit Menschenrechten zu tun, weil die angestammte Bevölkerung vertrieben, ihr Land überflutet, und ihnen das Recht auf Eigentum genommen wird. Kräutler hat sich gegen die Unterdrückung eingesetzt. Aber das ist ein heikles Thema, Menschenrechte und Kirche, das muss man auch dazu sagen.“

Ist Entwicklungszusammenarbeit wirklich immer so gut?

Im Großen und Ganzen ist Entwicklungszusammenarbeit sicher eine gute Sache. Ich persönlich frage mich aber, ob den Menschen, denen geholfen wird, nicht manchmal Verantwortung und Selbstständigkeit genommen wird und der Effekt entsteht, dass diese Menschen nur mehr auf die Hilfe von außen warten.

„Nahe am Menschen sein“

Selbst wenn dies der Fall sein sollte, geht es Ernst Zerche darum, „dass der Mensch als Mensch, egal unter welchen Bedingungen er lebt oder wie er zu Schaden gekommen ist, ernst genommen wird“. Bei seinen Reisen zu den Projekten erlebt der frühere Entwicklungshelfer immer wieder, dass dort, „wo die Kirche sehr nahe am Menschen ist, das immer sehr beeindruckend ist. Da spürt man, reden die nur theoretisch über das oder bist du gleich mitten drinnen und ganz berührt, und du weißt, die haben den Draht zu den Leuten, den Betroffenen, denen es schlecht geht, die Hilfe brauchen. Und das erlebe ich schon sehr oft, wo nicht dezidiert von Menschenrechten die Rede ist, aber ich spür, dass die MitarbeiterInnen die Würde des Menschen ernst nehmen.“ Ernst Zerche ist sich des Spannungsfeldes ‚Menschenrechte und Kirche‘ bewusst: „Innerhalb der Religionsgemeinschaft kann es passieren, dass Menschenrechte verletzt werden, dass Frauen und Männer nicht gleichberechtigt sind.“

Unrecht innerhalb der katholischen Kirche

Dass es diese Gleichberechtigung innerhalb der katholischen Kirche nicht immer gibt, zeigt sich meiner Meinung nach daran, dass Frauen kein Priesteramt ausüben dürfen oder dass geschiedene Wiederverheiratete nicht zur Kommunion gehen dürfen. Dem setzt Ernst Zerche entgegen: „Ich glaube, im Großen und Ganzen leistet die Kirche einen großen Beitrag zu den Menschenrechten“ und verweist auch auf die vielen HelferInnen in der Entwicklungszusammenarbeit, die sich einfach für andere Menschen einsetzen.

Ich meine, dass die Menschenrechte immer gelten, auch für die katholische Kirche, aber dass jede oder jeder selbst entscheiden soll, wie sie oder er zu Entwicklungszusammenarbeit, zu Kirche und Menschenrechten steht.

 

Foto: Ernst Zerche, Tansania

 


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